Als manche unserer Ahnen zu Grasfressern wurden

Anthropologie: Eine Population von Australopithecus stellte früh die Ernährung um. Wie das gelingen konnte, ist ein Rätsel.

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So stellt man sich „Lucy“ vor. Ihre Artgenossen ernährten sich flexibel je nach Angebot. – (c) AP

Haben Sie je Gras gekostet? Tun Sie es lieber nicht, selbst in Notzeiten greifen Hungernde ungern nach diesem Grün – man hat es zuletzt aus Nordkorea gehört –, es ist nicht für uns gemacht, und wir sind nicht auf es eingestellt, vor allem unsere Zähne sind es nicht: Gras ist wehrhaft, es lagert Steinchen in seine Blätter ein – Phytolithen –, die schleifen Zähne ab; und zu verdauen ist das zähe Zeug auch schwer, Wiederkäuer brauchen zwei Anläufe. Umso erstaunlicher, dass manche unserer Ahnen sich früh auf diese Kost umstellten, man bemerkte es zuerst bei Paranthropus bosei, der lebte vor etwa 1,5 Millionen Jahren und hatte ein so mächtiges Gebiss, dass man ihm den Beinamen „Nussknacker“ gab.

Anpassung an eine baumlose Region

Aber im Vorjahr sah sich Matt Sponheimer (University of Colorado) die Kohlenstoffisotope in Paranthropus-Zähnen an, in ihnen ist die Ernährung archiviert: Es gibt zwei Wege der Fotosynthese, C3 und C4. Der eine bevorzugt beim Kohlenstoff das Isotop 12C, der andere 13C. C3 ist der ältere Weg, Bäume und Sträucher gehen ihn, Gräser betreiben C4 und haben relativ viel 13C. Das hatte auch Paranthropus in den Zähnen, zu 77 Prozent nährte er sich von Gras. Und das hatte viel früher schon eine Population von Australopithecus, das sind die Ahnen, zu denen „Lucy“ gehört, sie entwickelten vor über drei Millionen Jahren den aufrechten Gang, waren aber auch noch viel in den Bäumen unterwegs. Sofern es die gab.
Australopithecus bewohnten drei Regionen Afrikas: das heutige Südafrika, das heutige Äthiopien und den heutigen Tschad. Und sie waren flexibel: Die im Süden lebten in Wäldern, von ihnen ernährten sie sich, von Früchten und Baumrinde. Aber im Tschad wuchsen kaum Bäume, man weiß es von Tierfunden, die Menschen mussten sich umstellen, als sie einwanderten (oder von einem Klimawandel überrascht wurden). Sie taten es, das hat wieder Sponheimer gezeigt: Gras machte 60 bis 80 Prozent ihrer Nahrung aus (Pnas, 12. 11.).

Wie sie damit leben konnten, bleibt rätselhaft. Natürlich muss man für die Kohlenstoffsignatur nicht das Gras selbst mampfen, man kann auch große Grasfresser jagen oder kleine sammeln, Termiten. Aber selbst heutige Jäger und Sammler erjagen wenig große Tiere, etwa 20 Prozent ihrer Kost. Man muss vom Gras natürlich auch nicht die Blätter essen, sondern kann die Samen oder Wurzeln nehmen. Aber an denen ist wenig dran. Man kann schließlich Nahrung auch veredeln, durch Kochen, aber Australopithecus traut man die Domestizierung des Feuers nicht zu. Was bleibt? Das Rätsel, dass die Zähne dieser Australopithecus nicht abgeschliffen wurden bis zum frühen Hungertod.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2012)

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