Anthropologie: Als die ersten echten Speere flogen

15.11.2012 | 20:22 |  Von jürgen Langenbach (Die Presse)

Wurfwaffen wurden schon vor 500.000 Jahren mit steinernen Spitzen ausgestattet. Oder noch früher. Dann wäre die Erfindung älter als der Homo sapiens.

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Gejagt haben die Menschen immer schon, aber so denn doch noch nie: „Benutzt wurde eine kalibrierte Armbrust mit einer Schusskraft zwischen 35 und 45 Kilogramm, die Geschwindigkeit wurde mit Radar gemessen. Zwei Kadaver von Springböcken (Antidorcas marcupialis), die auf einer nahe gelegenen Ranch erjagt worden waren, dienten als Ziele. Insgesamt wurden 106 Schüsse abgegeben.“  So steht es im Kleingedruckten – das auch in wissenschaftlichen Publikationen oft das Wichtigste ist – der jüngsten Arbeit der „experimentellen Anthropologie“, die seit einigen Jahren auf einem ganz neuen Weg versucht, die ältesten und stummsten Zeugen der Menschheitsgeschichte zum Reden zu bringen, die Steinwerkzeuge.

Sie sollen Auskunft über das Leben ihrer Nutzer geben. Deshalb bauen Anthropologen sie nach, sie hauen etwa zwei Steine so lange aufeinander, bis sie eine bestimmte frühe Technik der Werkzeugherstellung beherrschen; dann vergleichen sie die Spuren auf ihren Imitaten mit denen auf den Originalen und können etwa herauslesen, dass auch die frühen Menschen überwiegend Rechtshänder waren. Oder sie kleben und binden Steine an die Spitzen von Stangen und bauen damit frühe Speere nach. Das haben sie diesmal getan, diese Waffen wurden mit der kalibrierten Armbrust auf die Springbockkadaver geschossen.

Sie drangen durch die Haut – man hätte damit durchaus Tiere erjagen können –, aber sie nahmen auch Schaden, oft schon beim ersten Wurf/Schuss, kleine Teilchen der Speerspitzen splitterten ab. Und um die ging es den Forschern um Jayne Wilkins (University of Toronto), als sie ihren Schussapparat in der Gegend von Kathu aufstellten. Das ist eine Stadt in Südafrika; dort wurden 1979 und 1982 viele Steinwerkzeuge ausgegraben. Aber man wusste nicht, wozu sie gedient hatten. Dass sie Speerspitzen gewesen waren, zeigte erst das Experiment: Die alten Steine haben die gleichen Absplitterungsmuster wie die nachgebauten, die verschossen worden sind (Science, 338, S. 942).

Steinspitzen ermöglichten Großwildjagd

Natürlich hätte man das Experiment überall durchführen können, aber die Forscher fuhren nicht der Show wegen nach Kathu. Sie haben die alten Funde auch neu datiert, und kommen auf ein Alter von etwa 500.000 Jahren. Das sind 200.000 Jahre mehr als bisher vermutet: Zwar wurde schon früher mit Speeren gejagt, aber das waren nur zugespitzte Stöcke, Steinspitzen hatten sie nicht. Aber die brauchte es zur Jagd auf wirklich große und gefährliche Tiere. Das erste davon wurde vor 780.000 Jahren erbeutet – darauf deutet ein Fund in Israel. Die 500.000 Jahre passen nicht schlecht dazu.

Allerdings sind es, wieder im Kleingedruckten, natürlich nicht exakt 500.000, sondern 542.000 mit einer Schwankungsbreite von plus 140.000 bis minus 107.000. Nimmt man die „plus 140.000“, kommt man in eine Zeit, in der es uns – Homo sapiens – noch gar nicht gab, unsere Ahnen hatten sich noch nicht vom (vermutlichen) Stammvater Homo heidelbergiensis bzw. vom Bruder Neandertaler getrennt, das war vor 600.000 Jahren. „Wir können nun eine Erfindung, die wir bisher mit modernen Menschen assoziierten, weiter zurückverfolgen“, schließt Wilkins. „Das wird die Art verändern, in der wir über die Menschen denken, die vor uns gelebt haben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2012)

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2 Kommentare

Natürlich hätte man das Experiment überall durchführen können, aber...

Der Artikel lässt ziemlich offen, warum man diese Experimente in Kathu durchführen musste. Denn dass man fossile Funde von dort neu datierte, liesse immer noch die Option offen, den experimentellen Teil zB an amerikanischen Wapitis oder europäischen Rothirschen ausserhalb Afrikas durchzuführen. Könnte es daran liegen, dass man das gleiche Gesteinsmaterial verwenden wollte, und ziemlich viel üben musste, bis man die Artefakte kopieren konnte?

Die bisherige Datierung des Auftauchens des homo sapiens ist längst umstritten


Warum?

Ganz einfach: Die extrem wenigen fossilen Funde, die ja ganz zufällig durch total außergewöhnl. Umstände und Einflüsse erhalten geblieben sind, sind ja meist nur kleine Bruchstücke. Und die lassen zwar Datierungen zu - nur kann niemand sagen, wo sie letztendlich in der Zeitreihe einzuordnen sind.

Dass der Sapiens und seine Vorfahren viel älter sind als angenommen, steht schon länger im Raum.


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