Was sich alles in der "Landschaft" versteckt...

17.11.2012 | 18:09 |  von Sophie Hanak, Martin Kugler und Veronika Schmidt (Die Presse)

Vielfach durchdringen Infrastruktur und Kulturtechnik die Umgebung fast unbemerkt: Heimische Forscher erkunden die Beziehung zwischen Kultur, Natur und ihrer Nutzung.

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Ein Leben ohne die verschiedensten Infrastruktureinrichtungen ist für uns nicht mehr vorstellbar. Was würden wir ohne Energieversorgung, ohne Telefon, Internet oder öffentliche Verkehrsmittel und Straßen tun? Diese Infrastrukturen prägen vielerorts auch unsere Landschaften – vielfach sogar, ohne dass uns das auffällt. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die einst spektakulärste Hochgebirgsbahn, die Semmeringbahn. Sie ist so prägend für diesen Landstrich, dass sie im Jahr 1998 sogar zum Unesco-Welterbe erklärt wurde (siehe Kasten). Dabei steht nicht nur die Bahn selbst unter Schutz, sondern auch die umgebende Landschaft, Viadukte, Tunnels, Hochbauten etc. „Ein wichtiger Baustein sind die Bahnwächterhäuser“, erzählt Roland Tusch vom Institut für Landschaftsarchitektur der Universität für Bodenkultur in Wien. „Einst gab es 55 davon, heute stehen noch 48.“

Tusch leitet ein Forschungsprojekt zu diesen Häuschen, das von der ÖBB Infrastruktur, dem Bund, den Ländern Niederösterreich und Steiermark sowie dem Verein der Freunde der Semmeringbahn gefördert wurde. „Das Ziel dieses Projektes ist es, die Beziehung zwischen Haus und Landschaft bzw. Haus und Infrastruktur zu untersuchen“, so Tusch. Die Wächterhäuser wurden einst vom Architekten Moritz Ritter von Löhr entworfen. Beim schnellen Hinsehen scheinen sie alle gleich auszusehen, doch gibt es deutliche Unterschiede in Gestalt und Bauweise: Die Mehrheit der eher schmucklos anmutenden Wächterhäuser hat eine Bruchsteinfassade, andere sind verputzt; die einen haben ein Souterrain, die anderen einen ebenerdigen Eingang in den Keller.


Guter Überblick. Die Häuser wurden so in die Landschaft gesetzt, dass eine Blickbeziehung zwischen ihnen bzw. den Wächterposten, die sich in einiger Entfernung zu den Häusern befanden, bestand. Wenn eine solche nicht gegeben war, musste ein Glockensignal genügen. Um einen möglichst guten Überblick über die Trasse zu erhalten, errichtete man die Wächterhäuser in exponierter Lage in Bezug auf Topografie und Bahnlinie. Oft wurden an die Bahnlinie künstliche Plateaus angeschüttet, auf denen, wie auf einer Kanzel, die Wächterhäuser stehen.

Die Häuser dienten als Dienstort und Wohnung der Bahnwächter und ihrer Familien. Für ihre Orientierung und Ausrichtung war die Funktion maßgeblich, ein schöner Ausblick, einfache Bebaubarkeit des Grundstücks oder die Besonnung des Hauses spielten dabei keine Rolle. „Da konnte es schon vorkommen, dass die schönste Aussicht vom Stiegenhausfenster zu genießen war“, lacht Tusch.

Heute spielen die Bahnwächterhäuser wegen des automatisierten Bahnbetriebes keine Rolle mehr. Von den 48 bestehenden Häuser sind 44 im Besitz der ÖBB und vier in Privatbesitz. „Ein großes Problem sind die leer stehenden Häuser“, sagt Tusch. Das Problem dabei: Einige davon sind nicht zugänglich, ohne dass dabei die Bahntrasse überquert werden muss – zum Wohnen also denkbar ungünstig. Daher können diese Häuser nicht vermietet werden, müssen aber wegen des Denkmalschutzes erhalten werden.


Gemeinsames Werk. Die Bahnwächterhäuschen sind ein gutes Beispiel dafür, dass der Begriff „Landschaft“ sehr viel mehr umfasst als den bloßen Naturraum. Die Unesco definiert „Kulturlandschaft“ – und in Zentraleuropa gibt es abgesehen von ganz wenigen Flecken „Wildnis“ nur solche – als „gemeinsame Werke von Natur und Mensch“. Der Ökologe Hansjörg Küster (Uni Hannover) erläutert in seinem eben erschienen Buch „Die Entdeckung der Landschaft“, wie diese Landschaften in jahrtausendelanger Plackerei von Generationen gemacht wurden, welche Rückwirkungen die menschliche Kulturleistung auf die Natur hat, und wie die Natur wiederum die Kultur (mit-)prägt. Er schreibt von „Landschaft als Werk des ,Landschafters‘“.

Damit eng zusammen hängt Landschaftsschutz – als Teil des Naturschutzes. So wird einiges dafür getan, dass Infrastruktureinrichtungen das von vielen als „natürlich“ angesehene Erscheinungsbild einer Landschaft nicht allzu sehr stören. Ein Beispiel ist die Schnellstrasse S1, die vom Knoten Vösendorf bis zum Knoten Korneuburg West führt. Zu Planungsbeginn 1991 wurden 48 Trassenvarianten untersucht. Gebaut wurde die Straße letztlich von 2001 bis 2006.

„Dies war das erste Autobahnprojekt, bei dem eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt wurde“, erklärt Christian Musil von der Asfinag. „Zu Beginn der Planung gab es viele negative Stimmen gegen das Projekt, aber die Widerstände konnten laufend abgebaut werden.“

So wurden etwa fünf Tunnels gebaut, um die Lärmbelästigung zu reduzieren, und sechs Grünbrücken für die Querung diverser Tierarten errichtet, um eine Zerschneidung des Lebensraumes zu vermindern. Auch durch eine Tieflage der Trasse wurde versucht, das Landschaftsbild so wenig wie möglich zu verändern.

Ein großer Eingriff in die Landschaft sind auch Windräder. Vielerorts gibt es starke Bedenken: Sie würden Vögel gefährden, seien laut, würden Schatten werfen und die Landschaft verunstalten, wird ihnen vorgeworfen. „Durch die weithin sichtbaren Windräder wird die Landschaft verändert“, gesteht auch Stefan Moidl, Geschäftsführer des Branchenverbands IG Wind, ein. „Aber das muss nicht zwingend negativ sein“, fügt er hinzu. In einer Meinungsumfrage wurden Menschen in unmittelbarer Nähe von Windkraftanlagen befragt, die Mehrheit gab an, dass sie keinen Nachteile sehen. „Die Menschen, die in der Nähe der Anlagen leben, wissen, dass sie nicht laut sind und dass nichts Bedrohliches von ihnen ausgeht“, so Moidl.

Auch die Gefahren für diverse Vogelarten oder Fledermäuse könnten durch gute Planung verhindert werden. Dies geschieht durch Umweltverträglichkeitsprüfungen oder ornithologische Untersuchungen. „In Gibraltar etwa werden während des Vogelzuges die Windräder zur Gänze abgeschaltet“, so Moidl. Allerdings: „Verstecken kann man die Windräder nicht.“ Aber vielleicht könnten sie als „technisches Symbol“ der Nachhaltigkeit und des Naturschutzes angesehen werden.


Ideen prägen. Dieses Argument illustriert, dass Landschaften neben Natur und Kultur auch noch von einem dritten Faktor geprägt sind: von Ideen. „Die Landschaft als Bild ist stets das Resultat der Reflexion über Natur und menschliche Gestaltung des Raumes“, erläutert Küster. Darin gingen Interpretationen, Erfahrungen, kulturelle Konstruktionen, Vorstellungen oder Metaphern ein. Landschaften sind demnach das Ergebnis des Zusammenwirkens von natürlichen und vielen anthropogenen Faktoren – zu denen auch Charakteristika wie Kulturtechniken, Sprachen oder Traditionen zählen.

Mit diesem Aspekt beschäftigt sich ein aktuelles Forschungsprojekt, das über die Sparkling-Science-Förderung des Wissenschaftsministeriums Schüler einbindet: Es erkundet Spuren, die der Anbau von Flachs im Lesachtal (Grenze von Kärnten und Osttirol) hinterlassen hat. „Man sieht heute noch Architektur der Flachs- und Leinenproduktion: etwa die Leinölmühle und die Brechelhütte in Maria Luggau“, sagt Gerhard Strohmeier, Soziologe an der Alpen-Adria-Uni Klagenfurt. In der Brechelhütte wurde der fasrige Flachs gebrechelt, also geröstet und in einzelne Fasern zerteilt, in der Leinölmühle wurde per Wasserradantrieb aus Leinsamen das Leinöl gewonnen.

„Und bis heute ist an Umrissflächen von kleinen Äckern erkennbar, in welchen Landschaftsabschnitten Flachs angebaut wurde“, so Strohmeier. In der Zwischenkriegszeit ging die Flachsproduktion in Österreich zurück, da Leinengewebe zunehmend durch Baumwolltextilien ersetzt wurde. Doch für die Produktion von Leinöl und Leinenseilen war Flachs bis in die 1950er-Jahre in den peripheren Bergtälern der Alpen sehr wichtig.

Im Sparkling-Science-Projekt werden nun Schüler (nach einer Ausbildung durch die Forscher) die alten Bewohner bzw. Bauern des Lesachtals interviewen, um zu erfahren, wie der Anbau und die Verarbeitung von Flachs und Leinen damals ablief. So wird das Wissen über Traditionen und Kulturtechniken der ältesten Generation an die Jungen weitergegeben. „Der Kulturverein und die Gemeinde Lesachtal sind starke Partner in der Forschung: Sie haben bereits im Frühling auf kleinen Streifen Flachs angebaut und jetzt im Sommer geerntet, und eine ältere Lesachtalerin hat uns gezeigt, wie sie als Kind in der Brechelhütte gearbeitet hat“, erzählt Strohmeier.

Die Tonaufnahmen der Originalinterviews wollen die Forscher am Ende des Projekts in einem Audioguide für Touristen anbieten, die im Lesachtal wandern gehen. Darin sollen die Forschungsergebnisse vermittelt werden, um das Wissen um Flachs, Rösten, Brecheln und Leinöl erfahrbar zu machen. Andererseits geben die Ausschnitte der Interviews Einblick in den einzigartigen Dialekt der Lesachtaler, der wie eine Mischung aus Tiroler und Kärntner Dialekten klingt.

Strohmeier ist Wiener, aber nach über zehn Jahren Forschung in dieser Region versteht er inzwischen Lesachtalerisch. Die originalen Aufnahmen werden im geplanten Audioguide jedenfalls mit Übersetzung angeboten. So wird nicht nur ein Beitrag zur Erhaltung des regionalen Dialekts geleistet, sondern auch die Landschaft in ihrer Gesamtheit – als Zusammenspiel von Natur, Kultur und Ideen – beim Spazierengehen erfahrbar gemacht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2012)

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1 Kommentare

Ein äußerst interessanter

und informativer Artikel, von deren Art es leider viel zu wenige gibt.

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