Kunst und Medizin: Im Gesichtsausdruck vereint

17.11.2012 | 18:10 |  vers (Die Presse)

Künstlerische Forschung wird nun stärker gefördert: Für neue PEEK-Anträge stehen zwei Millionen Euro bereit.

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„Es geht darum, wie die kleinen Kinder ihren Ausdruck wiederfinden“, sagt Christina Lammer. Sie leitet eines der 20 Projekte, die im „Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste“ (PEEK) vom Wissenschaftsfonds bereits gefördert werden. Ab sofort stehen dem Programm durch Finanzierung des Wissenschaftsministeriums statt bisher ca. 1,6 Millionen zwei Mio. Euro jährlich zur Verfügung.

Im „Wiener Gesichtsprojekt“ der Soziologin Lammer werden Kinder, die mit Gesichtslähmung geboren wurden, während ihrer langjährigen Behandlung in der plastischen Chirurgie des AKH Wien begleitet. „Ich lerne die Kinder meist am Tag vor ihrer ersten Operation kennen und bespreche mit den Eltern das Ziel des Projekts. Es steht die Frage nach dem Ausdruck des Menschen im Vordergrund, abseits von rein medizinisch-chirurgischen Fragen“, sagt Lammer. Der künstlerische Gedanke des „Gesichtsprojekts“ kreist um das „Porträt“ im weitesten Sinne und folgt Künstlern wie Arnulf Rainer und Elke Krystufek, die verschiedene Medien nutzen, um das Selbstbildnis und den Ausdruck des Körpers darzustellen. Lammer nutzt Fotografie und Video, um die Veränderung des Gesichtsausdrucks der (vier- bis zehnjährigen) Kinder nach den Nerven- und Muskeltransplantationen zu dokumentieren und künstlerisch zu verarbeiten.

Nicht nur die Projektleiterin ist mit der Kamera dabei, wenn die Kinder versuchen, die neuen Gesichtsmuskeln zu trainieren. Die Patienten werden selbst zu „Kamerakindern“, filmen ihren Alltag zu Hause, bei der Physiotherapie und Logopädie. So werden die berührenden Geschichten der Kinder eingefangen. Das große Vertrauen, das die Kinder und Eltern in dieses Projekt haben, ist auch dem Leiter der Abteilung für plastische und rekonstruktive Chirurgie Manfred Frey (AKH) zu verdanken, der mit Lammer schon früher in medizinisch-künstlerischen Projekten zusammengearbeitet hat.

„Die Beschäftigung mit dem Gesicht soll zeigen, dass der Ausdruck etwas Ganzheitliches ist, den ganzen Körper einbezieht“, so Lammer. Gemeinsam mit der Choreografin Doris Stelzer führt sie auch Tanzworkshops durch, um die Aufmerksamkeit der betroffenen Kinder auf den ganzen Körper zu lenken. Außerdem gestaltete Lammer eine Installation in Montreal mit der Videoprojektion der Gesichtsübungen eines der Mädchen auf dünnes, transparentes Verbandsmaterial, das die Verletzlichkeit der Betroffenen darstellen soll (und nächstes Jahr in Wien gezeigt wird). „Zudem motivieren die Videos die Kinder selbst für das Gesichtstraining zu Hause. Es ist für Kleinkinder ja nicht selbstverständlich, zweimal am Tag 20 Übungen zu machen.“

Das künstlerische Projekt kann auch therapeutisch genutzt werden: Das Videomaterial soll zu einem Lehrfilm verarbeitet werden, der die Gesichtsübungen für Patienten klar vermittelt. Dass der künstlerische Ansatz so gut von der Klinik aufgenommen wird, hat selbst Lammer überrascht. Das zeigt, wie gut das Konzept des PEEK-Programms aufgeht: Aus kreativen Ideen von Kunst und Wissenschaft entstehen neue Möglichkeiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2012)

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