Vom »k.k. Cabinett« zur Biobank

24.11.2012 | 18:05 |   (Die Presse)

Die Grazer Biobank hat sich von einer regionalen Sammlung pathologischer Proben in eine Einrichtung von europäischer Geltung entwickelt.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Begonnen hat alles ziemlich unspektakulär. Am Landeskrankenhaus Graz wurden, wie in vielen anderen zentralen Spitälern, pathologische Proben von Patienten aus der Region gesammelt. Die Einrichtung solcher „pathologischen Cabinette“ war 1811 von der damaligen k.k. Studienhofkommission angeordnet worden. Graz war zuständig für die Steiermark südlich der Mur-Mürz-Furche und Unterkärnten. Solche Sammlungen sind für die medizinische Forschung ein wahrer Schatz: In ihnen sind Gewebeproben samt Eigenschaften und Krankheitsverläufen der betroffenen Personen verknüpft.

Um diese Ressource nutzen zu können, müssen die Proben vergleichbar und zugänglich sein – wozu ein systematischer Zugang beim Sammeln, Archivieren, Lagern und Bearbeiten erforderlich ist. Das war der Ausgangspunkt für das Forschungsprojekt GATiB (Genome Austria Tissue Bank), das ab dem Jahr 2002 im damals neuen GEN-AU-Programm gefördert wurde. Unmittelbares Ziel war es, das alte Pathologiearchiv der Uni bzw. Med-Uni Graz in eine moderne Biobank zu überführen – vorerst für Lebererkrankungen, in der Folge auch für andere Krankheitsbilder, v.a. für Stoffwechselstörungen. Dazu waren die Entwicklung und Etablierung neuer Analyse- und Managementmethoden nötig.

Aktuell umfasst die Grazer Biobank mehr als fünf Millionen Proben von gesunden und kranken Menschen samt den zugehörigen Analysewerten und individuellen Informationen – sie ist damit eine der größten modernen Biobanken der Welt.

Um diesen Kern herum hat sich in den vergangenen Jahren eine florierende und reichhaltige Szene anderer Forschungseinrichtungen gebildet – vielfach in Kooperation mit Unternehmen. Ein im Vorjahr gegründetes Christian-Doppler-Labor z.B. befasst sich mit der Entwicklung neuer Methoden zur Analyse von biologischen Materialien. Diese sind notwendig zur Ermittlung von „Biomarkern“ – also von bestimmten Molekülen, die den Verlauf einer Krankheit anzeigen. Diese sind wesentlich für die künftige „personalisierte Medizin“. In dem K-Projekt „BioPersMed“ im Rahmen des Kompetenzzentrenprogramms Comet arbeiten Forscher an der Umsetzung dieses Wissens – dort wurde beispielsweise ein neues Lagerungssystem für die biologischen Proben entwickelt (und heuer im Sommer patentiert), das deutlich sicherer, billiger und leichter handhabbar ist als herkömmliche Systeme. Im Rahmen des K-Projekts wurde auch ein Studienzentrum für die Forschung und Betreuung von Patienten mit Stoffwechsel-, Leber- und Herzkrankheiten eingerichtet.

Schon seit einigen Jahren laufen parallel dazu auch EU-Projekte (etwa Spidia), zudem ist die Grazer Biobank involviert in das geplante EU-Flagship-Projekt ITFoM (zur Entwicklung eines virtuellen Patienten). Und sie soll in Bälde auch das Hauptquartier der europäischen Forschungsinfrastruktur BBMRI werden. Laut dem Leiter und „Vater“ der Biobank, Kurt Zatloukal, könnte dieses Zentrum im Herbst 2013 seine Arbeit aufnehmen.

ku

GEN-AU
2001

wurde das österreichische Genomforschungsprogramm GEN-AU eingerichtet.

100

Millionen Euro
waren für die Laufzeit von zehn Jahren budgetiert – damit war das Programm das damals mit Abstand größte Forschungsprogramm des Landes.

160

Institute haben an GEN-AU-Projekten teilgenommen, entstanden sind weit mehr als 300 Publikationen und Dutzende Patente.

800

Schüler haben an zehn GEN-AU-Summer-Schools teilgenommen und dabei Praktika an wissenschaftlichen Einrichtungen gemacht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Wissenskommentar

AnmeldenAnmelden