Innovatives Potenzial in heimischen Firmen

01.12.2012 | 18:26 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

Forschung kann Arbeitsplätze sichern. Die Lücke zwischen Idee und Produkt soll verkleinert werden, die größten Vorbilder wurden in Wien geehrt.

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Österreichische Unternehmen haben keine Alternative, als innovativ zu sein. Im Vergleich zu Billiglohnländern, kann Österreich nur erfolgreich sein, wenn „wir um das besser sind, was wir teurer sind“, sagte Edeltraud Stiftinger, Geschäftsführerin des Austria Wirtschaftsservice (AWS), diese Woche bei der Gala „Arbeitsplätze durch Innovation“ im Wiener Museumsquartier. Diese Initiative wurde ausgerichtet von der AWS, der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), der Arbeiterkammer sowie den Ministerien für Infrastruktur und für Wirtschaft. Alle Teilnehmer betonten dabei die drei großen W, die ohne Innovation, Forschung und Entwicklung nicht zu erreichen sind: Wirtschaftswachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand.

Als Bundessieger ausgezeichnet wurde die Grazer Anton Paar GmbH, Spezialistin für Messgeräte aller Art, die weltweit 1550 Mitarbeiter beschäftigt, davon 800 in Graz (davon 18 Prozent in F&E). In der Qualitätskontrolle von Limonaden und anderen Getränken ist Anton Paar Weltmarktführer, ebenso im Bereich der Dichte-, Konzentrations- und CO2-Messung. Friedrich Santner, Geschäftsführer der Firma, die sich aus einer Ein-Mann-Schlosserei entwickelt hat, erklärte bei der Gala: „Wer Innovationen sucht, muss sich bei allem, was er macht, fragen, welchen Sinn es hat. Ich trage z.B. keine Krawatte, weil ich bis heute nicht erkannt habe, welchen Sinn es hat.“Er beschreibt innovative Menschen so: „Jeder, der auf dem Flughafen in der Warteschlange steht und sich währendessen überlegt, wie man den Ablauf besser organisieren könnte, oder wer bei Felix Baumgartners Sprung überlegt hat, wie er ohne technische Hilfsmittel in die Stratosphäre kommen könnte.“


Österreich fliegt zum Mond. Den zweiten Platz gewann die Wiener TTTech, die sich in wenigen Jahren vom kleinen Spin-off der TU Wien (gegründet 1998) zu einem weltweiten Spezialisten in Computersteuerungstechnologie entwickelt hat. Ihre Erfindung der „Time Triggerd Technology“ beruht auf synchronisierten Uhren, die einen zuverlässigen Datenaustausch ermöglichen. Diese zeitgesteuerte Technologie findet man inzwischen nicht nur in den modernsten Flugzeugen der Welt (Boeing 787, Airbus 380), sondern soll mit der Raumfähre Orion der Nasa gar zum Mond fliegen, um dort die Kontrolle über die Systeme zu bewahren. Die TTTech-Geschäftsführer bedankten sich bei den Mitarbeitern, die in ihrem Unternehmen nicht nur die Kreativität vorantreiben, sondern auch „auf Eigeninitiative die Bewerbung für diesen Preis eingereicht haben“.

Der dritte Preis ging an den Faserhersteller Lenzing AG (OÖ), der seit mehr als 70 Jahren aus Zellulose hochwertige Produkte entwickelt. Für die Unternehmer, die „Fasern aus Holz“ machen, war die Preisstatue aus Holz, die von der Wiener Berufsschule Holzbearbeitung und Musikinstrumentenerzeugung hergestellt wurde, besonders passend. Lenzing ist weltweit die einzige Firma, die alle Generationen von Zellulosefasern (Viskose, Modal, Lyocell) selbst herstellt. Sie zeigen mit dem Erfolgsprodukt „Tencel“, wie sehr Innovation Arbeitsplätze schafft: Allein die Forschung um diese Fasertechnologie sichert in Österreich 405 Jobs. Der Vorsitzende der Jury, Wifo-Chef Karl Aiginger, betonte, dass nur eine hohe Forschungsquote „Österreich gegen die Probleme der Globalisierung immunisieren kann“. Und dass wir bisher mehr erreicht haben, als man vor einer Generation hätte annehmen können: „Österreich ist unter den Top-fünf-Ländern beim Einkommen und den Top-fünf-Ländern bei Forschungsausgaben.“ Und eines gelte für kleine Spin-offs genauso wie für KMU und große Unternehmen: „Firmen mit einer Forschungsquote von über zehn Prozent wachsen deutlich schneller.“ Was wiederum ein gängiges Vorurteil nicht bestätigt, nämlich jenes, dass technologischer Fortschritt immer mit der Kürzung von Arbeitsplätzen einhergehe.


Die Lücke schließen. Dass der Weg zur Innovation, also zum fertigen Produkt, ein steiniger ist, war das Thema einer weiteren Veranstaltung in dieser Woche: Die BMWF-Europa-Tagung „Closing the Gap“ suchte nach Lösungen, wie man Ideen der Grundlagenforschung in anwendbare Produkte oder Dienstleistungen umsetzen kann.

Bekanntermaßen hinkt Österreich weltweit bei der Gründung von Unternehmen nach. Obwohl 70 Prozent der heimischen Studenten daran denken, ein Unternehmen zu gründen, ist der Anteil an Gründern in der Bevölkerung (acht Prozent) weit unter dem europäischen Durchschnitt.

Helga Nowotny, Präsidentin des Europäischen Forschungsrats (ERC), plädierte dafür, dass Grundlagenforscher stärker an einen „Proof of Concept“ denken sollten, der nun auch vom ERC (bis zu 150.000 Euro pro Jahr) unterstützt wird. In Europa gibt es immerhin 3000 vom ERC geförderte Grundlagenforscher, bei denen etwa 20.000 Postdocs und Dissertanten angestellt sind. Ihre Ideen für Produktkonzepte sind wertvoll für Europa. Immerhin will die EU bald eine „Innovationsunion“ werden. Nowotny betonte jedoch, dass in Österreich nicht nur der „Gap“ zwischen Idee und Umsetzung problematisch ist, sondern auch die Lücke zwischen Universitäten und Unternehmen größer ist als in anderen Ländern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2012)

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3 Kommentare

Diese ewige Heuchelei

Und das in einem Land, in dem die Realverfassung lautet "Es ist alles verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist". Die hier ausgezeichneten Innovationen sind nur jene, die das System nicht mehr verhindern konnte. Das trifft es viel eher.
Sobald man bei uns eine Erfindung durchbringen will, die von der Kooperation von Behörden oder Gesetzesänderungen abhängt, kann man es vergessen. Ich habe zwei entsprechende Erfindungen gemacht, es ist zum Davonlaufen. Der Staat steckte mehrere Millionen in die Entwicklungsförderung und verhinderte dann die Realisierung. Man fasst es nicht.

blah, blah, blah

. . . da fehlt die Repräsentation der österr. Erzeugnisse, eine Datenbank für den Fachhandel und Konsumenten.
Am Internet, in den Medien dominieren die Multinationalen.
Die Kammern verschlafen das Internet, frönen dem Freien Markt, während die Parteien das Regieren Brüssel überlassen.


Innovatives Potenzial in heimischen Firmen

es gibt zwei maßgebliche Punkte in diesem Bereich

1. den Markt macht man sich immer selber
2. die richtige Innovationen liegen in der Vergangenheit begraben und keiner kümmert sich darum

Warum sind soviele Österreicher ins Ausland gegangen, im eigen Land zählt der Prophet einfach nichts. Alleine das Zurückholen von solchen Leuten würde Österreich voranbringen, wenn sie den wollen und ihnen der Parteibuchproporz nicht auf die Nerven geht. Überall finden sie Österreicher in der Entwicklung in der Welt.
Im Ausland brauchen sie keine Entwicklungsgelder, hier wird auf Kundenanforderung entwickelt in Folge eines Auftrages. Wie oft kam es vor das gesagt wurde, endlich kommt einer der das braucht, ich habe das schon lange fertig.
Dann haben wir da noch die großen Bremser, die zwar tun als wenn sie an Innovationen interessiert sind, in Wirklichkeit aber nur Angst haben vor solchen Innovationen. Das beste Beispiel ist die Entwicklung der Geräte für die LKW Maut in Deutschland. Hat angeblich 1 Milliarde gekostet, und hat große Mängel aufgewiesen. Da haben drei Jungs das Gerät entwickelt für nichteinmal 3000 Euro. Solche Beispiele zeigen eindeutig das Entwicklung eigentlich nichts kostet lediglich Gehirnschmalz.
Solche Beispiele gibt es wie Sand am Meer.
Man geht heute davon aus, das eine Patentanmeldung in Europa nicht mehr sinnvoll ist, da bereits im Vorfeld der Anmeldung Ungereimtheiten auftreten, die zum Verlust des Patentes führen. Man geht besser nach USA.

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