Auf der Suche nach der mutierten Banane

01.12.2012 | 18:26 |  von Wolfgang Greber (Die Presse)

50 Jahre Forschung in den Labors der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Seibersdorf.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Das Ataum“ – so nennt man im Raum um die Gemeinde Seibersdorf im Südosten von NÖ (gut 1400 Einwohner) im lokalen Dialekt noch heute jenes Forschungszentrum, in dem von 1960 bis 1999 Österreichs erster Forschungsreaktor namens „Astra“ aktiv war.

Tatsächlich wird hier im Austrian Institute of Technology (AIT; einst: Forschungszentrum Seibersdorf) nur noch in kleinerem Ausmaß mit Kerntechnik gearbeitet, speziell in den Einrichtungen der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), die 1962 zuzog. Dort untersucht man etwa Proben aus Atomanlagen, um nationale Atomprogramme zu kontrollieren. Und in den acht „Nuclear Sciences and Applications Laboratories“ arbeiten mehr als 100 Forscher aus aller Welt in unspektakulären Zweckbauten an zivilen Anwendungen der Kerntechnik; und wiewohl die hierzulande einen schlechten Ruf hat und das öffentliche Interesse sich eher aufs nukleare Sondermülllager in Seibersdorf richtet, geht in den Labors doch Erstaunliches vor sich.

In jenem für Pflanzenzucht und Genetik schafft man quasi neues Leben durch „induzierte Mutation“: Samen und Ableger werden Gamma- oder Röntgenstrahlen ausgesetzt, was spontane DNA-Änderungen bewirken kann. Der Prozess, in den 1920er-Jahren in den USA entwickelt, beschleunigt die natürliche Mutationsrate enorm. Die meisten Mutationen sind folgenlos, nicht nützlich oder für die Pflanze tödlich, doch einige erfüllen die Erwartungen, die man in sie setzte. So schuf man Reis, der in Salzwasser wächst, Gerste, die in einer Höhe von mehr als 3000 Metern gedeiht oder Blumen in neuen Farben.

Sterilisierte Insektenmännchen. Aktuell suche man eine Mutation der weltweit dominierenden Bananensorte Cavendish – und zwar nach einer, die gegen den Black-Sigatoka-Pilz resistent ist, erläutert der schottische Büroleiter Brian Forster. Der Pilz droht die Cavendish global zu vernichten und kann sonst nur mit Gift bekämpft werden.

Im Insect Pest Control Laboratory entstand eine Waffe zur giftlosen Insektenbekämpfung: Man sterilisiert Männchen mit Strahlen, lässt sie zu Milliarden frei und hofft, dass sie ihren fruchtbaren Rivalen zuvorkommen. Denn Weibchen paaren sich nur einmal, und mit einem sterilen Männchen zeugen sie nichts. Die Mittelmeerfruchtfliege, die Obstplantagen verwüstet, konnte man z.B. in Kalifornien, Mexiko und Chile ausrotten. In Afrika kämpft man mit Erfolg gegen die Tsetsefliege.

Aus Seibersdorf stammen auch Methoden, wie man Verunreinigungen von Lebensmitteln oder Seuchen bei Nutztieren (z. B. Rinderpest) mit einfachen Geräten entdecken kann. Das Labor für Boden- und Wassermanagement studiert die Dynamik von Böden und wie sich Wasser verbreitet bzw. verdunstet, was überflüssige Bewässerung vermeiden hilft. Man baute Geräte zur nuklearspektroskopischen Untersuchung von Objekten, so lassen sich etwa Kunstwerke auf Veränderungen hin prüfen bzw. Fälschungen erkennen, ohne Material entnehmen zu müssen.

Die IAEA-Labors sollen demnächst ausgebaut und modernisiert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

1 Kommentare
0 2

doch

ja und jedes zweite jahrzehnt wird die gewonnene flaeche readioaktiv verseucht durch ein atomkraftwerk, dass wird dann auch sehr erforscht... da sieht man wie sinnvoll die forschung ist und, dass sie allen wohlstand garantiert fuer die die die zahlungen dafuer erhalten.

Wissenskommentar

AnmeldenAnmelden