Patientenwege durch Spitäler und Ordinationen

01.12.2012 | 18:27 |  von Petra Paumkirchner (Die Presse)

Die Daten des Gesundheitssystemswerden bislang in Österreich auf die Institutionen bezogen ausgewertet. Erstmals werden nun die Personen ins Zentrum gestellt.

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Rund 3,4 Milliarden Euro sollen bis 2016 im österreichischen Gesundheitswesen eingespart werden: mit der Betonung darauf, dass die medizinische Versorgung nicht beeinträchtigt werden darf. In Zeiten des allgemein um sich greifenden Sparzwangs darf der Rotstift auch nicht vor einer der wichtigsten Säulen des Sozialstaates Halt machen.

Krankenhäuser und ihre Abteilungen werden evaluiert, Zahlen werden produziert und analysiert, betriebswirtschaftlich gedreht und gewendet und schließlich in unternehmerische Handlungen gegossen. Allerdings: Sind die vorhandenen Zahlen für derartige Entscheidungen brauchbar? Krankenhäuser existieren nicht isoliert, sondern sind auch davon abhängig, wie die ambulante Versorgung funktioniert. Über dieses Zusammenspiel gibt es aber keine Zahlen, nicht zuletzt deshalb, weil die Zuständigkeiten für Bezahlung und Dokumentation der unterschiedlichen Versorgungsbereiche extrem fragmentiert sind.

Eine häufig verwendete Maßzahl ist zum Beispiel die Anzahl der jährlichen Spitalsentlassungen, bei der Österreich laut Statistik Austria mit rund 2,7 Millionen (bei einer Bevölkerung von 8,3 Millionen) in Europa im Spitzenbereich rangiert.

Die Anzahl der stationären Aufenthalte allein ist aber für eine adäquate Versorgungsplanung nicht aussagekräftig. Bei der derzeitigen Datenlage ist beispielsweise nicht feststellbar, wie viele Personen mehrfach aufgenommen werden, oder ob und wo diese Patienten vor der Wiederaufnahme in ambulanter Betreuung waren. Kurzum: Es gibt keine Planungsunterlagen darüber, wie Patienten durch das gesamte Gesundheitssystem „wandern“.


Wo taucht der Patient auf? „Hier geht nun das Ludwig Boltzmann Institut für Sozialpsychiatrie in Wien am Beispiel psychischer Erkrankungen einen neuen Weg“, sagt dessen Leiter Heinz Katschnig, „den Weg der Identifikation von Patientenpfaden.“

Katschnig und sein Team gehen weg von einem „statischen“ Aufzeichnungsweg, der auf einzelne Institutionstypen zentriert ist und verfolgen nun einen dynamischen Ansatz. Erstmals steht der psychiatrische Patient im Mittelpunkt. Sie schauen sich an, wie sich ein Patient im Gesundheitssystem bewegt.

„Für uns ist relevant, wo ein Patient, dessen Identität in der Studie natürlich aus datenschutzrechtlichen Gründen anonymisiert ist, im Gesundheitssystem überall auftaucht“, erklärt der Sozialpsychiater. „In Großbritannien und Australien werden schon seit Längerem die routinemäßig gesammelten Daten im Gesundheitswesen für Planungszwecke miteinander in Beziehung gesetzt, ,anonym verlinkt‘, wie es im wissenschaftlichen Jargon heißt.“

Im deutschsprachigen Raum ist diese Form der „Patientenbegleitung“ ein ganz neuer Ansatz in der Gesundheitsberichterstattung. In einem vom Gesundheitsministerium geförderten Projekt wurden von Katschnig und seinen Mitarbeitern für ein großes österreichisches Bundesland die Daten von Patienten analysiert, die von einer psychiatrischen Krankenhausabteilung entlassen wurden. „Wir konnten zunächst herausfinden, dass jeder zweite Patient innerhalb eines Jahres wieder in einem Krankenhaus aufgenommen wird, ein Großteil davon innerhalb weniger Wochen“, sagt Katschnig.


Warum kommt wer ins Spital? Das ist schon sehr erstaunlich: Wurden die Patienten zu kurz behandelt? Leiden sie an besonders schweren Erkrankungen? Reicht die ambulante Versorgung nicht aus, sodass sie immer wieder ins Krankenhaus kommen – im Fachjargon spricht man von „heavy utilizers“, die auch besonders hohe Kosten verursachen? „Wenn man genauer hinsieht, stellt sich heraus, dass diese neuerlichen Aufnahmen häufiger in nicht-psychiatrischen Krankenhausabteilungen stattfinden als in psychiatrischen.“

50 Prozent dieser Patienten suchen nicht-psychiatrische Fachärzte auf, aber nur 40 Prozent psychiatrische Fachärzte. Das Bemerkenswerte: Über 90 Prozent davon gehen zu ihrem Hausarzt. Wie ist das zu erklären? Haben die Patienten eine Hemmung, zu Psychiatern zu gehen, weil sie sich vor einer Stigmatisierung fürchten? Leiden sie auch vermehrt an körperlichen Erkrankungen, die therapiert werden müssen? Oder hängt es mit der Distanz zwischen Wohnort und den nächstgelegenen psychiatrischen Einrichtungen zusammen?


Schreckt die Psychiatrie ab? „Manche dieser Fragen werden wir in weiteren Analysen beantworten können“, so Katschnig. Diese Antworten können ganz neue empirische Unterlagen für mögliche politische Entscheidungen liefern, z.B. für die Regionalplanung, die Entwicklung innovativer Finanzierungsmechanismen und die Ärzteausbildung, denn dann müssten praktische Ärzte speziell auf psychiatrische Patienten geschult werden.

„Eine weitere Fragestellung, an der wir im Auftrag des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger gerade arbeiten, bezieht sich darauf, herauszufinden, wo Patienten, für die in der Apotheke Rezepte für Psychopharmaka eingelöst werden, als nächstes im Gesundheitssystem anzutreffen sind.“ Eine Studie zum volksgesundheitlich rasch wachsenden Problem der Demenz ist bereits abgeschlossen. Für „Antidementiva“, also Demenzmedikamente, konnten die Wissenschaftler belegen, dass im Jahr nach der Rezepteinlösung ein Drittel dieser Patienten in ein allgemeines Krankenhaus aufgenommen wurde, aber nur ein Prozent in eine psychiatrische Abteilung.

Außerdem suchten drei Viertel dieser Patienten einen nicht-psychiatrischen Facharzt auf, aber nur 14 Prozent einen Psychiater. „Ein Grund für diesen Befund ist sicher die große Häufigkeit körperlicher Erkrankungen im Alter“, erklärt Katschnig diese Zahlen. „Auch hier schließen sich viele weitere Fragen an, beispielsweise zur Ausbildung von Gesundheitspersonal oder zu Konsiliardiensten in Allgemeinkrankenhäusern. Zurzeit untersuchen wir die analoge Fragestellung für Antidepressiva-Verschreibungen.“

Mit der Rückverfolgung von Patientenpfaden lassen sich die Stärken und Schwächen des Gesundheitssystems zielgerichteter aufdecken, auch und ganz wesentlich im Hinblick auf Effizienz und Patientenbezogenheit. Statt der isolierten Kostenberechnungen für den ambulanten und den stationären Bereich können so Kosten für „Patientenpfade“ eruiert sowie Versorgungslücken und Mehrfachversorgung aufgedeckt werden, besonders an der Schnittstelle zwischen ambulantem und stationärem Bereich.


Ambulant oder stationär? Die Koordination dieser beiden Sektoren ist ja ein vorrangiges Ziel der aktuellen Gesundheitsreformpläne. Derartige Daten können die Entscheidungsträger dabei unterstützen, in der Gesundheitsreform sinnvolle, patientenorientierte Maßnahmen zu entwickeln.

Die Forscher des Ludwig Boltzmann Instituts vergleichen ihre Erkenntnisse auch mit jenen von ausländischen Gruppen. In dem EU-Projekt „Refinement“ wird – erstmals – der Einfluss des Versorgungssystems mit seinen Finanzierungsmechanismen auf die Qualität der psychiatrischen Versorgung in acht europäischen Ländern verglichen.

Gesucht wird dabei u.a. ein „Best Practice“-Modell – von dem alle lernen können, um in Anbetracht der begrenzten Mittel die optimale Versorgung zu gewährleisten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2012)

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2 Kommentare

dr google

informationsbeschaffung und dann eigenverantwortliche medikation aus der internetapotheke - diese entscheidungsfreiheit hat doch ein jeder, auch die freiheit gegen eine behandlung. zu haftkandidaten würde ich auch nicht gehen.

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doch

wikipedia ist die beste und am oeftesten genutzte anlaufstelle und sie ist auch die zuverlaessigste... man glaubt es nicht kann aber einfach im umkreis sich das genau erzaehlen lassen, fast alle aerzte sind haftkandidaten.

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