Wird man misstrauischer, wenn man älter wird; oder gibt man dann selbst einem Kredit, dem der Galgenvogel ins Gesicht geschrieben steht? Die US-Bundespolizei FBI vermutet seit Langem Letzteres, die Forschung unterfüttert es mit beeindruckenden Zahlen: In den USA sind im Jahr 2010 ältere Bürger – über 60 – um mindestens 2.9 Milliarden Dollar betrogen worden. Das beginnt mit Vertretern, die an der Haustür klingeln, und eskaliert ohne Grenze im Bereich der Finanzberatung, ein Spezialproblem sind Wunderkuren. Die Tendenz weist nach oben, seit 2008 um 12 Prozent. Wo kommt das her, lassen sich Ältere leichter über den Tisch ziehen, weil sie nicht mehr so gut rechnen oder denken können?
Nein, intellektuell schwächer sind sie im Oberstübchen nicht, aber milder bzw. partiell blind, wenn es um die Einschätzung eines Charakters geht: Nicht das Gehirn kommt abhanden, sondern der Instinkt, das „Bauchgefühl“. Zu diesem Befund kommt Shelley Taylor (University of California, Los Angeles), die Testpersonen ins Psychologenlabor gebeten und ihnen Fotos von Gesichtern gezeigt hat, vertrauenerweckenden, neutralen und solchen, bei denen alle Alarmglocken läuten müssten. Das taten sie auch bei der einen Betrachtergruppe, sie hatte ein Durchschnittsalter von 23 Jahren. Aber die zweite Gruppe – im Durchschnitt 68 Jahre alt – konnte die Warnzeichen an der Gesichtswand nicht lesen, sie schenkte auch diesen Menschen Vertrauen. Darin, und nur darin, unterschieden sich die Alten von den Jungen, bei der Beurteilung vertrauenswürdiger und neutraler Gesichter gab es keine Differenz (Pnas, 3. 12.).
Wo dieses Urteilsvermögen sitzt bzw. abhandenkommt, zeigte sich in der zweiten Runde mit bildgebenden Verfahren: In den Gehirnen der Jüngeren regte sich das Misstrauen in der Anterioren Insula (AI), bei den Älteren blieb diese Region inaktiv: „Sie haben kein so starkes Frühwarnsignal“, interpretiert Taylor, „ihre Gehirne sagen nicht: ,Vorsicht, da stimmt etwas nicht!‘“. Denn in der AI sitzt die Interozeption, sie lauscht in den eigenen Körper hinein und meldet etwa Ekel, aber eben auch andere Bauchgefühle.
Aber warum lässt ausgerechnet diese Hirnregion nach? Und ist Taylors Interpretation überhaupt richtig? Vielleicht steckt etwas ganz Anderes dahinter, vielleicht geht es nicht um das individuelle Altern, sondern um die Altersgruppen – und die, die heute im Schnitt 68 Jahre alt sind, waren ihr Lebtag vertrauensseliger als die heute 23-Jährigen? Oder die Vertrauensseligen leben einfach länger, und ihre misstrauischeren Altersgenossen sind längst tot?
Die Brille wird rosarot wie in der Jugend
Taylor schließt beides aus, zu viele Studien zeigen, dass Menschen im Alter (wieder) milder bzw. vergnügter werden: Unser Leben läuft, quer durch die Kulturen, in der Form eines „U“. In der Jugend sind wir oben und zufrieden, im Alter auch, dazwischen kommt ein Durchhänger, er kumuliert in der Midlife-Crisis. Auf die haben wir kein Monopol, sie hat sich gerade auch bei Schimpansen und Orang-Utans gezeigt, Andrew Oswald (University of Warwick) hat es in Befragungen von Tierpflegern in Zoos erhoben (Pnas, 20. 11.). Diese Krise hat also zumindest auch biologische Gründe – unbekannte –, nicht nur soziale oder ökonomische, sie tritt bei Menschen auch in allen Gesellschaften auf und unabhängig vom Geschlecht.
Dieses „U“ gibt Menschen im Alter eine rosarote Brille –, sie sind zufriedener, freuen sich eher über Angenehmes, stecken Unangenehmes eher weg und vergessen es rascher –, aber geputzt gehört die schon. Nur, wie erkennt man einen Galgenvogel? „Das Lächeln ist geheuchelt, und Augenkontakt wird vermieden“, erklärt Taylor, sie weiß aber auch, dass es so einfach nicht ist, und hat deshalb einen allgemeineren Rat: „Man sollte sich am Telefon nichts aufschwatzen lassen, und man sollte nicht zu Gratis-Seminaren über Investitionen gehen. Die sind natürlich nicht alle betrügerisch. Aber wenn das Gehirn die Unterscheidung nicht mehr treffen kann, ist es das Beste, sich gar nicht erst in Entscheidungssituationen zu bringen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2012)
