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Die Höhlenmaler beobachteten am besten

05.12.2012 | 23:05 |  Von Jürgen Langenbach (DiePresse.com)

Wenn es darum ging oder geht, vierbeinige Tiere in Bewegung abzubilden, griffen und greifen Künstler oft daneben. Den klarsten Blick von allen hatten die Avantgardisten der bildenden Kunst.

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Wie geht ein Pferd oder ein Hund oder ein Elefant? Exakt weiß man das erst, seit Eadweard Muybridge in den 1880er-Jahren Tieren mit Kameras auf den Leib rückte, die die Bewegung zerhackten und so ihre Abfolge auflösten und dokumentierten. Seitdem müssten alle Bescheid wissen, die irgendetwas mit der Darstellung von Tieren in Bewegung zu tun haben – von den Präparatoren in Naturhistorischen Museen über die Zeichner anatomischer Lehrbücher bis hin zu den bildenden Künstlern und den Designern von Spielzeugtieren –, aber sie tun es nicht, sie hauen erstaunlich oft daneben.
Etwa bei der langsamsten Bewegungsart, beim Pferd der Schritt. Der hat seine Abfolge, die hat einen Namen – „foot fall formula“ – und folgenden Inhalt: LH-LF-RH-RF. „L“ steht für links, „H“ für hinten, „R“ für rechts und „F“ für vorne („front“), und beschrieben wird die Reihenfolge, in der die bewegten Füße Kontakt mit dem Boden haben. So ist es beim Pferd, so ist es bei den meisten Vierbeinern, diese Gehweise bringt dem Körper maximale Stabilität. Aber in den Museen und Anatomiebüchern geht die Hälfte der ausgestopften Tiere falsch, Gábor Horváth, Biomechaniker an der Eötvös Universität in Budapest, hat es vor drei Jahren gezeigt.

Seitdem hat er sich die bildende Kunst vorgenommen und über tausend Darstellungen gesichtet, von denen an Höhlenwänden bis zu denen zeitgenössischer Malerei. Dabei muss zunächst beurteilt werden, ob ein Tier überhaupt geht (oder trottet oder galoppiert), Horváth hat dazu die Haltung von Kopf und Schwanz herangezogen, auch das Flattern der Mähne, und, sofern auch Menschen auf den Tieren sind – Reiter auf Pferden –, die Haltung und den Fall der Kleidung. Dann musste etwa noch mitbedacht werden, dass im Sonderfall der Reiterstatuen die Statik mitspielt, und die Symbolik: Ein gehobener linker Vorderhuf bedeutet oft, dass der General auf dem Gaul in der Schlacht getötet wurde.

Nimmt man das alles in Betracht – und bedenkt man obendrein, dass nicht jede Zeit auf Realismus setzte –, zerfällt die Geschichte in eine Vor- und eine Nach-Muybridge-Epoche: In der ersten lag die Fehlerrate – die Zahl der inkorrekten Darstellungen geteilt durch die aller Darstellungen – bei 83,5 Prozent. Selbst bei ganz Großen wie Leonardo setzten Pferde die Füße falsch, danach sank sie auf 57,9 Prozent. Das ist natürlich nicht weiter verwunderlich, man musste ja nur Muybridges Fotoserien heranziehen. Frappant ist etwas ganz Anderes: Die allerersten Künstler trafen es am besten, die Höhlenmalereien haben eine Fehlerrate von nur 46,6 Prozent (PLoS One, 5. 12.). „Die Höhlenmenschen haben die langsamen Bewegungen ihrer Beute sehr genau beobachtet“, schließt Horváth, „und sie illustrierten gehende Vierbeiner präziser als spätere Künstler.“

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