Nostalgie wärmt das Gehirn – und den Körper

06.12.2012 | 18:48 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Bei der Erinnerung an gute Zeiten zeigt die Verschränkung von Leib und Geist ihre Macht. Der Effekt reicht weit – Testpersonen auf Nostalgietrip hielten schmerzhafte Kälte länger aus.

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Dass vielen Menschen warm ums Herz wird, wenn sie sich um einen Punschstand versammeln, und dass sie dann die Mitversammelten in mildem, warmem Licht sehen, liegt nicht am Alkohol allein, sondern auch an der sozialen Situation. Die ist in vielen Redeweisen mit der Temperatur amalgamiert – man zeigt dem einen die „kalte Schulter“ und hat für den anderen ein „warmes Wort“ –, und der Konnex hat Bedeutung über die Sprache hinaus: Wer menschliche Kälte erlebt, der fröstelt.

Diesen Zusammenhang zwischen der sozialen Temperatur und der empfundenen des Körpers bzw. der Umgebung hat etwa der Psychologe Chen-Bo Zong (Toronto) in Experimenten gezeigt: Er hat manche Teilnehmer vorab sozialen Ausschluss erleben lassen – dass das schon Teil des Experiments war, wussten sie nicht – und sie dann gebeten, die Raumtemperatur abzuschätzen: Die Ausgegrenzten empfanden sie um drei Grad niedriger. Dann gab es zur Belohnung für die Teilnahme am Experiment ein Getränk, heißen Tee oder gekühlte Softdrinks zur freien Wahl. Die Isolierten griffen zum Tee. Aber es geht auch exakt umgekehrt: Wieder in einem halb verdeckten Experiment drückte Lawrence Williams (University of Colorado) seinen Testpersonen auf dem Weg vom Lift zum Labor unter einem Vorwand etwas in die Hand – einen Becher Kaffee oder Eiskaffee –, dann bekamen sie kurze Beschreibungen von Personen zu lesen und sollten deren Charakter bewerten: die, die die heiße Kaffeetasse in der Hand gehabt hatten, kamen zu wärmeren Urteilen.

Dass Wärme eine so zentrale Bedeutung hat, weiß man spätestens seit den 1950er-Jahren aus Versuchen an Affenjungen, die man von ihren Müttern trennte. Man bot ihnen Ersatzmütter an, welche aus Draht waren; in der einen Variante aus ganz nacktem, in der anderen in Tuch gehüllt und darunter mit einer wärmenden Glühbirne versehen. Die Jungen bevorzugten diese „Mütter“, obwohl sie – anders als die anderen – kein Futter anboten: Wärme, physikalische und soziale, ist wichtiger als Nahrung.

 

Kühler Raum wird von Erinnerung geheizt

Und wer gerade niemanden hat, an dem er sich wärmen kann, der kann sich selbst helfen, mit Nostalgie, sentimentaler Erinnerung: Tim Wildschut (Birmingham) und Xinyue Zhou (Guangzhou, China) haben es an Chinesen getestet und nebenbei gezeigt, dass das Phänomen quer durch die Kulturen geht: Wer sich auf die Bitte der Experimentatoren an selige Zeiten erinnerte, empfand die Raumtemperatur als höher, und umgekehrt. Wer in einem kühleren Raum platziert wurde, verfiel ganz von allein eher in Nostalgie (Emotion, 3.12.). „Anders als die Erinnerung an etwas Neutrales ändert Nostalgie die Interozeption, die Wahrnehmung des Körpers“, schließen die Forscher.

Der Effekt reicht weit – Testpersonen auf Nostalgietrip hielten schmerzhafte Kälte länger aus –, und vermutlich ist das Eintreten der Erinnerung für und in die Realität nicht auf Wärme beschränkt: Überlebende von Konzentrationslagern haben berichtet, dass ihnen über den ärgsten Hunger bisweilen die Erinnerung an ein üppiges Mahl hinweggeholfen hat, von halb Verdursteten ist Ähnliches bekannt. Der Körper greift in der Not also zur Nostalgie, allerdings kann dieser Behelf auch kontraproduktiv werden und paralysieren, warnen Wildschut/Zhou.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2012)

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