Wie informelles Müllsammeln positive Wirkung hat

Jährlich 70.000 Tonnen Sperrmüll werden laut dem Forschungsprojekt TransWaste illegal aus Österreich exportiert. 69 Prozent der rund 3000 informellen Müllsammler stammen aus Ungarn.

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Sperrmüll – (c) Www BilderBox com (Erwin Wodicka)

Wer nahe der Grenze zu Ungarn, zur Slowakei oder zu Tschechien wohnt oder ein Wochenend- oder Ferienhaus hat, der kennt das Phänomen nur zu gut: Sobald ein Termin für die Sperrmüllsammlung näherrückt und die Menschen ihre alten „Trümmer“ vor die Häuser stellen, kommen schon Autos mit Anhängern oder Lieferwagen und transportieren in kürzester Zeit alles ab, was irgendwie von Wert ist. Wenn die Gemeindearbeiter mit ihren Sammelfahrzeugen anrücken, dann ist wirklich nur mehr das Gerümpel übrig.

Dieses Spiel läuft schon seit mehr als 20 Jahren – und es handelt sich dabei um gewaltige Mengen. Wie Forscher des Instituts für Abfallwirtschaft der Boku in dem EU-Projekt „TransWaste“ herausgefunden haben, werden in Österreich jährlich rund 100.000 Tonnen Sperrmüll informell gesammelt. Davon gehen rund 70.000 Tonnen über die Grenze nach Ungarn. Dort werden sie genau durchgesehen, wenn nötig repariert und auf Flohmärkten verkauft. Der größte befindet sich in Devecser, einem 4500-Einwohner-Ort mit einem Schloss Esterházy: Was rund um drei ehemalige Armeebaracken vor einigen Jahren halb legal begann, ist heute ein riesiges Open-Air-„Geschäft“ mit eigener Security und funktionierender Entsorgung der unverkäuflichen Reste.

 

Einziges Einkommen

69 Prozent der rund 3000 informellen Müllsammler stammen aus Ungarn, immerhin 19 Prozent sind Österreicher. Für diese Menschen ist das Abfallsammeln oft die einzige Einkommensquelle, berichten die Boku-Forscher. Die meisten sind echte Profis: 62Prozent der Sammler widmen sich diesem Geschäft schon seit mehr als fünf Jahren, sie können daraus zwischen 50 und 300 Euro im Monat erwirtschaften.

Das überraschendste Ergebnis des Forschungsprojekts sind die ökologischen Auswirkungen. Trotz der langen Transportwege überwiegen in den meisten Kategorien die Vorteile: Durch die Wiederverwendung der Gegenstände sind die CO2-Emissionen (im Vergleich zum Recycling) je nach Sektor um 19 bis 48 Prozent niedriger – denn die „graue Energie“, die bei der Herstellung der Gegenstände verbraucht wurde, wird nun länger genutzt. Eine Ausnahme können Elektrogeräte sein, da neue Geräte typischerweise deutlich geringere Verbrauchswerte aufweisen.

Trotz der überwiegend positiven sozialen und ökologischen Auswirkungen gibt es dennoch mehrere Probleme: Erstens entgehen den österreichischen Abfallentsorgern große Mengen wertvoller Materialien – v.a. Altmetalle, die ja derzeit Höchstpreise erzielen. Zweitens besteht die Gefahr, dass alte Elektrogeräte auf dunklen Kanälen – zum Schaden der Umwelt – entsorgt werden könnten. Und drittens ist das Ganze illegal: Auf das Exportieren von Abfall stehen hohe Strafen – und zwar nicht nur für die Sammler, sondern auch für die ehemaligen Besitzer, weil diese die Altgeräte nicht fachgerecht entsorgt haben. Die Boku-Forscher schlagen zur Legalisierung die Ausstellung von formellen Übergabelisten oder Schenkungsverträge vor.

Müllmengen

Die informell gesammelten
100.000 Tonnen Sperrmüll pro Jahr entsprechen knapp einem Fünftel der über offizielle Wege entsorgten Abfallmengen.

40 Prozent davon sind alte Möbel oder Haushaltsartikel,
23 Prozent Metalle,
16 Prozent Elektroaltgeräte und je fünf Prozent Textilien
und Reifen.

16 Prozent der Müllsammler rücken
mit ihrem Pkw an,
23 Prozent zusätzlich mit einem Anhänger, 40 Prozent mit einem Lieferwagen. Der
Rest sind große Lkw.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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