Wie informelles Müllsammeln positive Wirkung hat

07.12.2012 | 18:23 |  ku (Die Presse)

Jährlich 70.000 Tonnen Sperrmüll werden laut dem Forschungsprojekt TransWaste illegal aus Österreich exportiert. 69 Prozent der rund 3000 informellen Müllsammler stammen aus Ungarn.

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Wer nahe der Grenze zu Ungarn, zur Slowakei oder zu Tschechien wohnt oder ein Wochenend- oder Ferienhaus hat, der kennt das Phänomen nur zu gut: Sobald ein Termin für die Sperrmüllsammlung näherrückt und die Menschen ihre alten „Trümmer“ vor die Häuser stellen, kommen schon Autos mit Anhängern oder Lieferwagen und transportieren in kürzester Zeit alles ab, was irgendwie von Wert ist. Wenn die Gemeindearbeiter mit ihren Sammelfahrzeugen anrücken, dann ist wirklich nur mehr das Gerümpel übrig.

Dieses Spiel läuft schon seit mehr als 20 Jahren – und es handelt sich dabei um gewaltige Mengen. Wie Forscher des Instituts für Abfallwirtschaft der Boku in dem EU-Projekt „TransWaste“ herausgefunden haben, werden in Österreich jährlich rund 100.000 Tonnen Sperrmüll informell gesammelt. Davon gehen rund 70.000 Tonnen über die Grenze nach Ungarn. Dort werden sie genau durchgesehen, wenn nötig repariert und auf Flohmärkten verkauft. Der größte befindet sich in Devecser, einem 4500-Einwohner-Ort mit einem Schloss Esterházy: Was rund um drei ehemalige Armeebaracken vor einigen Jahren halb legal begann, ist heute ein riesiges Open-Air-„Geschäft“ mit eigener Security und funktionierender Entsorgung der unverkäuflichen Reste.

 

Einziges Einkommen

69 Prozent der rund 3000 informellen Müllsammler stammen aus Ungarn, immerhin 19 Prozent sind Österreicher. Für diese Menschen ist das Abfallsammeln oft die einzige Einkommensquelle, berichten die Boku-Forscher. Die meisten sind echte Profis: 62Prozent der Sammler widmen sich diesem Geschäft schon seit mehr als fünf Jahren, sie können daraus zwischen 50 und 300 Euro im Monat erwirtschaften.

Das überraschendste Ergebnis des Forschungsprojekts sind die ökologischen Auswirkungen. Trotz der langen Transportwege überwiegen in den meisten Kategorien die Vorteile: Durch die Wiederverwendung der Gegenstände sind die CO2-Emissionen (im Vergleich zum Recycling) je nach Sektor um 19 bis 48 Prozent niedriger – denn die „graue Energie“, die bei der Herstellung der Gegenstände verbraucht wurde, wird nun länger genutzt. Eine Ausnahme können Elektrogeräte sein, da neue Geräte typischerweise deutlich geringere Verbrauchswerte aufweisen.

Trotz der überwiegend positiven sozialen und ökologischen Auswirkungen gibt es dennoch mehrere Probleme: Erstens entgehen den österreichischen Abfallentsorgern große Mengen wertvoller Materialien – v.a. Altmetalle, die ja derzeit Höchstpreise erzielen. Zweitens besteht die Gefahr, dass alte Elektrogeräte auf dunklen Kanälen – zum Schaden der Umwelt – entsorgt werden könnten. Und drittens ist das Ganze illegal: Auf das Exportieren von Abfall stehen hohe Strafen – und zwar nicht nur für die Sammler, sondern auch für die ehemaligen Besitzer, weil diese die Altgeräte nicht fachgerecht entsorgt haben. Die Boku-Forscher schlagen zur Legalisierung die Ausstellung von formellen Übergabelisten oder Schenkungsverträge vor.

Müllmengen

Die informell gesammelten
100.000 Tonnen Sperrmüll pro Jahr entsprechen knapp einem Fünftel der über offizielle Wege entsorgten Abfallmengen.

40 Prozent davon sind alte Möbel oder Haushaltsartikel,
23 Prozent Metalle,
16 Prozent Elektroaltgeräte und je fünf Prozent Textilien
und Reifen.

16 Prozent der Müllsammler rücken
mit ihrem Pkw an,
23 Prozent zusätzlich mit einem Anhänger, 40 Prozent mit einem Lieferwagen. Der
Rest sind große Lkw.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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7 Kommentare

entsorgen

Gerade zur Weihnachtszeit werden wieder viele Elektrogeräte entsorgt. Auf der Suche nach Sammelstellen in meiner Nähe bin ich auf einen Kreativwettbewerb gestoßen.
http://www.elektro-ade.at/kreativwettbewerb/


Was ist "Diebstahl" ???

Wenn ich dem Ungarn 300 kg Alteisen um 100 Euro verkaufe ist das Diebstahl ??
legal ist nur wenn ich das Alteisen gratis im GemeindeSammelZentrum abgebe !

Ja wo bleibt denn da der "freie Warenverkehr"?

Unsere Gemeinde- und Bezirks)-Politiker machen es sich einfach, nur dass genügend übrig bleibt für obskure "Projekterl" der Abfallverbände !

Wiederverwertung ist allemal besser als Wegschmeißen,...

...auch wenn der Abfallindustrie da was entgeht.
Durch das Instandsetzen und wieder Verkaufen haben viel mehr Menschen ein Einkommen als die Abfallindustrie beschäftigen kann - vom ökologischen Nutzen mal ganz abgesehen..
Und ob das diesseits oder jenseits der Grenze stattfindet, sollte innerhalb der EU bedeutungslos sein.

Positve Wirkung - für Wenn?

Tja, die einzig positve Wirkung kann ich nur für das Institut an der BOKU erkennen - nämlich in den Überweisungen der Förderstellen für dieses EU-Projekt!
Da wird durch eine österreichische Uni ein Projekt unterstützt, welches eine illegale Tätigkeit (Diebstahl von Abfall, Illegale Verbringung von Abfall über die Grenze, Begleitdiebstähle) fördert und da müssen die österreichischen Bürger durch den Entgang der Metalle mehr für deren Abfallentsorgung zahlen - also, wo ist hier die positive Wirkung erkennbar!
Kürzlich hat die österreichische Abfallwirtschaft in 16 von 18 Kategorien in Europa den Spitzenplatz errungen und garantiert somit höchste Umweltstandards und dann werden solche Projekte gemacht, welche Abfälle in großen Mengen - andere Studien sprechen von bis zu 240 000 to pro Jahr - welche wesentlich schlechtere Standards, Umweltverschmutzung und Kinderarbeit am Ende stehen haben? Man braucht auf Youtube nur "Deponie Ghana" eingeben, dann ist klar, wohin der Abfall geht und es ist auch klar was in Wirklichkeit in Ungarn und der Slowakei passiert!!! Mir persönlich drängt sich hier auch der Begriff "Kupferdiebe" auf, welcher ja hinlänglich bekannt ist! Wo bleibt hier der Verstand der sogenannten Forscher, wo bleibt deren Moral, deren Gewissen und deren Weitblick? Oder gehts am Ende nurs um Geld fürs Institut und um die Assistentenstelle der beteiligten Personen?

Re: Positve Wirkung - für Wenn?

Haben's Angst um Ihren Muell?

Re: Positve Wirkung - für Wenn?

Woraus entnehmen Sie bitte, dass die Boku illegalen Sperrmüllexport0 "fördert"? Im Artikel steht nichts davon.

Positive Wirkung ja, ABER FÜR WENN?

Liest man diesen Artikel drängt sich doch glatt ein Bild der Boku auf, welches aus lauter blonden und blauäugigen Menschen besteht! Der Nutzen der sich aus der informellen Abfallsammlung ergibt, ist mir als Kenner der Branche nicht ersichtlich! Es werden jene Abfälle, welche die ÖSTERREICHISCHE Abfallwirtschaft - und da im speziellen IHRE Gemeinde / Stadtgemeinde zur Finanzierung des Abfallsammelsystems benötigt, dem System entzogen - somit verteuert sich das Sammelsystem für jeden Bürger - und es werden gültige österreischische Gesetze unterlaufen - sprich, eine Forschungsaktivität einer österreichischen Universität sieht im Gesetzesbruch eine positive Wirkung. Es werden außerdem falsche Zahlen verwendet - einer Studie der Montanuniversität Leoben zufolge stimmen die oben angegeben Zahlen hinsichtlich der Abfallzusammensetzung nicht - der Metallaneteil ist nämlich wesentlich höher - mir drängt sich da glatt ein Vergleich mit den Kupferdieben auf. Es ist weiters unkorrekt, anzunehmen, dass die den österreichischen Sammelsystem entwendeten Geräte wiederverwendet würden - man braucht nur auf Youtube unter "Deponie Ghana" suchen - da findet man dann die traurige Wahrheit - und DAS unterstützt das Institut der Boku damit indirekt.
Der ECHTE Profiteur dieses Projekts ist die Boku selbst - geht es doch um viel Geld für das Institut selber! Und bezahlen muss es der Bürger bzw. die zuständige Kommune, da die entwendeten Metalle am Ende in Österreich fehlen! Was ist da Positiv?

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