Ladendiebstahl: Der Kick des Unerlaubten

Jeder achte Viertklässler hat schon einmal einen Ladendiebstahl begangen. Eine neue Studie, bei der Jugendliche selbst als Forscher tätig waren, bestätigt, dass Geldmangel nicht das Hauptmotiv zum Stehlen ist.

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Ladendiebstahl – (c) Erwin Wodicka wodicka aon at (Erwin Wodicka)

Es ist wie bei der roten Ampel: Klar, man weiß, dass es verboten ist, bei Rot über die Straße zu gehen oder zu fahren, aber wenn kein Gesetzeshüter hinschaut, tut man es doch. So ähnlich geht es Jugendlichen mit Ladendiebstahl: Das Unrechtsbewusstsein ist hoch, doch wenn die Situation passt, lässt man das eine oder andere Ding schon einmal in der Tasche verschwinden.

Etwa ein halbes Prozent des Umsatzes entgeht den österreichischen Handelsunternehmen durch Ladendiebstahl, das sind rund 253 Millionen Euro im Jahr. Sieben Prozent der Ladendiebe sind jünger als 14 Jahre, 17Prozent zwischen 14 und 18 Jahren alt. Die Gründe reichen von Langeweile über den Wunsch, seine Freunde zu beeindrucken, bis hin zum Kick des Unerlaubten. Um Genaueres zu erfahren hat die Uni Linz mit den Fachhochschulen in Linz und Steyr nun eine Untersuchung in der relevanten Altersgruppe durchgeführt: Über 2900 Dritt- und Viertklässler aus Gymnasien, Hauptschulen und Sonderschulen wurden in einem anonymen Verfahren befragt, ob sie schon einmal selbst zugegriffen haben, ob sie es von jemandem wissen, wie ihre eigene Einstellung dazu ist, welche Ängste man dabei hat, welche Maßnahmen abschreckend wirken, und ob man weiß, dass Ladendiebstahl strafbar ist.

Neun von zehn 13- bis 14-Jährigen wissen das sehr wohl, 94 Prozent gaben auch an, beim Stehlen ein schlechtes Gewissen zu haben. Immerhin jeder achte Schüler gab zu, bereits ein Mal in seinem Leben etwas unrechtmäßig eingesteckt zu haben, fünf Prozent der Befragten haben sogar innerhalb des letzten Jahres etwas gestohlen.

„Das ist die erste große Dunkelfelderhebung, die in Österreich zu diesem Thema gemacht wurde“, erklärt Projektleiter Helmut Hirtenlehner (Zentrum für Kriminologie der Uni Linz). Die Daten passen gut zu internationalen Vergleichszahlen, was für die Qualität der Studie spricht.

 

Ertappt! Hohe Aufklärung

Auch anderswo kommen nur zehn Prozent der Fälle zur Anzeige: Denn angezeigt werden ja nur jene, die auf frischer Tat ertappt werden. Bei diesen Fällen ist die Aufklärungsrate – klarerweise – sehr hoch. Die Anzeigen gingen zuletzt zurück, 2010 wurden knapp 15.000 Ladendiebstähle gemeldet.

Die Qualität der aktuellen Studie ergibt sich auch aus der besonderen Herangehensweise: Im Rahmen eines Sparkling-Science-Projekts des Wissenschaftsministeriums konnten Jugendliche selbst mitarbeiten – als Forscher, als Fragebogengestalter, als Entwickler von Präventionsmaßnahmen und vielem mehr.

Das Projekt wurde mit Maturanten der HAK Traun und HAK Perg sowie des BRG Fadingerstraße in Linz durchgeführt, die Befragungen der Dritt- und Viertklässler passierte in 50 Schulen in Oberösterreich und 42 Schulen in Niederösterreich.

Eine der Forschungsmethoden war das „laute Denken“: Die Schülerforscher gingen mit einem Aufnahmegerät durch die Geschäfte und hielten in Worten alles fest, was ihnen auffiel: wo etwas „leicht“ zu klauen scheint, welche Dinge abschreckend wirken, wo man unbeobachtet ist etc.

„Die Ergebnisse haben bestätigt, dass Kameras, auch wenn es nur Attrappen sind, abschreckend wirken, und dass auch die Beobachtung durch Menschen vom Diebstahl abhält. Auch die elektronische Sicherung von Kleidung etc. wirkt gut“, sagt Alois Birklbauer (Institut für Strafrechtswissenschaften der Uni Linz), der ebenfalls im Leitungsteam des Projekts mitgewirkt hat. Für den Handel ist es freilich eine Gratwanderung: Viele Maßnahmen, die Diebstahl reduzieren, verringern auch den Absatz. Etwa das Versperren von kostspieligen Geräten hinter Vitrinen oder die Positionierung von Detektiven an jedem Ausgang: Das hält auch ehrliche Kunden auf Distanz.

Doch die kostspieligen Dinge sind es gar nicht, die Jugendliche zum Diebstahl verlocken. Denn Geldmangel ist nur bei einem Drittel der Schüler ein wichtiges Motiv: Fast 70 Prozent der erbeuteten Ware ist weniger als zehn Euro wert.

 

Furcht vor den Eltern

Das ist mit ein Grund, warum Birklbauer eine neue kriminalpolitische Schlussfolgerung aus diesen Ergebnissen zieht: „Man braucht für diese Delikte nicht die Härte des Strafrechts. Das Unrechtsbewusstsein ist sehr hoch, das Gericht wirkt nicht als Abschreckung. Vielmehr fürchten die Jugendlichen die Reaktion der Eltern – und sie fürchten, dass die Polizei kommt.“

Seiner Meinung nach wäre also ein „Strafmandat“ ausreichend, um den pädagogischen Effekt zu erzielen. „Man könnte es als Verwaltungsdelikt, das die Polizei ahndet, handhaben: Das würde die Justiz entlasten, der präventive Effekt wäre der gleiche.“ Noch dazu läuft es derzeit so, dass die Verfahren der Staatsanwaltschaft gegen jugendliche Ladendiebe ohnehin meist eingestellt werden, bevor es zur Gerichtsverhandlung kommt: Nämlich dann, wenn die Tat geringfügig ist und der Schaden gut gemacht wurde. „Diese Art der Alltagskriminalität könnte man vom Gericht zur Verwaltungsbehörde verlagern: Das ist keine Entkriminalisierung und kein Freibrief für Ladendiebe, sondern letztlich eine Verlagerung der Sanktionierung, denn das Einschreiten der Polizei ist für junge Leute fühlbar abschreckender.“

Auch das Argument, dass Ladendiebstahl ein Einstiegsdelikt von Jugendlichen sei, die später noch mehr Probleme mit dem Gesetz bekämen, entkräftet Birklbauer: „Diese Gruppe der Jugendlichen hat wenig Interventionsbedarf, das sind überwiegend keine verwahrlosten Leute mit sozialpädagogischem Betreuungsbedarf.“

Dass das soziale Milieu bei der Häufigkeit der Diebstähle doch mitspielt, zeigt aber die Auswertung nach dem Schultyp: Sonderschüler gaben viel häufiger als Hauptschüler und AHS-Schüler an, bereits gestohlen zu haben. Auch das sind Zahlen, die für Österreich erstmals erhoben wurden.


Abschreckung. Die jugendlichen Forscher überraschten die Studienleiter am Ende des Sparkling-Science-Projekts mit kreativen Ideen zur Prävention von Ladendiebstahl: Plakatwände und Lkw-Werbung mit Slogans in Anlehnung an die Tabakindustrie à la „Ladendiebstahl kann Familien zerstören“ würden Bewusstsein schaffen.

Auch ein durchgestyltes Brettspiel und Handy-Apps, die spielerisch den Hergang und die Konsequenzen von Ladendiebstahl aufzeigen, wurden gebastelt. „Zudem würden die Jugendlichen einen ,Crime-Bus‘ wirksam finden, der ähnlich dem ,Love-Bus‘, der in Österreich Verhütung und Aufklärung vermitteln will, das Unrechtsbewusstsein bei Ladendiebstahl stärken soll“, sagt Birklbauer.

In Zahlen

12

Prozent der Schüler haben bereits ein Mal in ihrem Leben etwas gestohlen, fünf Prozent innerhalb des letzten Jahres.

7

von 10 Ladendieben sind Burschen: Dennoch ist Ladendiebstahl eines der am häufigsten von Frauen begangenen Delikte.

68

Prozent der gestohlenen Ware
hat einen Wert von unter zehn Euro.

Haltet den Dieb!

57 Prozent der Bestandsverluste des österreichischen Handels gehen auf Ladendiebstahl zurück.

Im Sparkling-Science-Projekt
„Catch me if you can“ (gefördert
vom BMWF) deckten Jugendliche als Forscher selbst die Hintergründe auf. In dem Projekt wurden 2911 Schüler im Alter von 13 und 14 Jahren in Ober- und Niederösterreich befragt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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