Fettleibigkeit wegoperieren? Oder wegerinnern?

11.12.2012 | 17:30 |  Von Jürgen Langenbach (Die Presse)

Auf der Suche nach Strategien gegen das Übergewicht schlagen Forscher höchst unterschiedliche Wege ein: Der eine setzt auf die Transplantation besonderer Fettzellen, der andere auf die Macht des Gehirns.

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Gargantua und Pantagruel, die Verkörperungen der Völlerei, sind erstens Riesen und zweitens Gestalten der Literatur. Es gibt aber auch echte Menschen, die nach einem ausladenden Mahl noch Appetit haben. Sie erinnern sich nicht daran, dass sie gerade gegessen haben, weil in ihrem Gehirn eine Region zerstört ist, in der das Gedächtnis sitzt, der Hippocampus. Der könnte nicht nur bei diesen unglücklichen „Hyperphagen“ eine Rolle spielen, sondern bei vielen, die sich in die „Epidemie der Fettleibigkeit“ (Weltgesundheitsorganisation WHO) einreihen.

Die kommt natürlich daher, dass einem zu hohen Input an Energie ein zu geringer Output gegenübersteht, aber im Detail spielt vieles mit. Der Darm meldet dem Gehirn mit Botenstoffen – Leptin etwa –, wann er genug hat, und lange suchte die Pharmakologie dort Wundermittel. Aber es gibt zu viele Botenstoffe, und sie spielen zu kompliziert zusammen: Medikamente sind nicht in Sicht. Aber vielleicht könnte der Körper sich selbst helfen und seine Botenstoffe besser dirigieren. Oder vielleicht könnten Körpermaschinen das tun. Etwa Fettzellen. Just die? Es gibt zwei Typen, weiße und braune. Ersteres sind Energiespeicher, letztere Energieverschwender, in ihnen wird Fett so verwertet, dass fast nur Abwärme entsteht. Das liegt an einer Art Kurzschluss in den Mitochondrien, den Zellkraftwerken. Für gewöhnlich wandeln sie die chemische Energie der Nahrung in die des Körpers um – Adenosintriphosphat, ATP –, und zwar mit hohem Wirkungsgrad.

Aber der wird herabgedrückt, wenn das Protein UCP2 ins Spiel kommt, es entkoppelt den Prozess und heißt deshalb „uncoupling protein“ oder auch „Thermogenin“. Denn es sorgt eben für Wärme, etwa bei Babys: Wenn wir Wärme brauchen, dann zittern unsere Muskeln – so, dass wir es gar nicht merken –, Babys können das noch nicht, sie zapfen stattdessen ihr braunes Fett an, es bringt rasch viel Wärme, sein Name zeigt warum: Es ist braun, weil es extrem viele Mitochondrien hat. Beim Heranwachsen dünnt es sich aus. Aber man kann es ja implantieren.

Schlank durch implantiertes braunes Fett

Zumindest bei Mäusen. Kristin Stanford (Harvard Medical School) hat es getan und die Tiere dann normal oder fettreich gefüttert. Bei beiden Gruppen waren nach zwölf Wochen das Gewicht und der Fettgehalt des Körpers gesunken, zudem war das Diabetes-Risiko geschwunden. Das lag daran, dass die Zellen vermehrt einen Botenstoff produzierten, der im ganzen Körper verteilt wird, Interleukin-6 (Journal of Clinical Investigation, 10. 12.). Kristin hofft auf „eine mögliche Therapie für Krankheiten, die mit Fettleibigkeit zusammenhängen“, natürlich hätte man auch eine Verschlankungskur.

Aber bei Mäusen ist schon viel gelungen, was bei Menschen versagte. Deshalb setzt Jeffrey Brunstrom (Bristol) am anderen Ende der Entfettungsforschung auf die Macht des Gehirns: Wenn Hippocampus-Verletzte Hyperphagen werden, dann müsste doch ein unversehrter Hippocampus auch das Gegenteil bewirken können: den Appetit mindern!

Wie kann man es prüfen? Brunstrom lud Testesser ins Labor, zu Suppe, entweder in einem großen oder in einem kleinen Teller. Beide hatten einen doppelten Boden. Durch den konnte Brunstrom – von den Probanden unbemerkt – Suppe ab- oder zupumpen. Das tat er, und gleich nach dem Essen waren die Esser so satt, wie es der objektiv verzehrten Menge entsprach. Aber dann kam die Macht der Erinnerung: Wer aus einem großen Teller gegessen hatte, aber in Wahrheit nur eine kleine Menge, weil abgepumpt worden war, hatte nach drei Stunden einen geringeren Appetit (PLoS, 5. 12.). „Die Kognition spielt eine Rolle bei der Kontrolle von Hunger“, schließt Brunstrom und denkt nun darüber nach, wie sich das nutzen ließe, vielleicht durch Teller, die mit optischen Tricks die Portionen größer aussehen lassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2012)

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