Weltraumforum: Marokkanische Marsmanöver

15.12.2012 | 18:27 |  von Wolfgang Greber (Die Presse)

Das Österreichische Weltraumforum simuliert im Februar 2013 in der Sahara zusammen mit Partnern aus zahlreichen Ländern eine Expedition auf den ungemütlichen Roten Planeten.

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Vorgestellt haben sich's schon viele, wie es denn dort sei in dieser Landschaft, die optisch ebenso in New Mexico, im trockenen Andalusien oder im roten Herzen Australiens sein könnte.

Im Actionfilm „Total Recall“ von 1990 stapft Arnold Schwarzenegger über den Mars, in den „Mars-Chroniken“ schilderte US-Autor Ray Bradbury 1950 das Leben in einer Marskolonie zwischen 1999 und 2026, ja, bereits 1790 beschrieb der Deutsche Carl Ignaz Geiger die „Reise eines Erdbewohners in den Mars“. Doch bis dahin ist's noch weit: Der Mars liegt nicht ums Eck wie der Mond, näher als 55,6 Millionen Kilometer kommt er uns nicht, mit orthodoxen Motoren braucht ein Schiff sechs bis neun Monate. Und dann ist's wegen der Kälte (bis –135 Grad) und kaum vorhandenen Atmosphäre so ungemütlich, dass man noch lange Robotern den Vortritt lassen wird.

1971 landete die sowjetische Sonde „Mars 3“ halbwegs weich auf dem Mars, der Kontakt riss nach 20 Sekunden ab. 1976 hielten die zwei „Viking“-Roboter der USA länger durch, für mehrere Jahre. Sie waren aber statisch und studierten nur ihr nahes Umfeld, dennoch fanden sie einige Indizien, die auf biologische Vorgänge hinwiesen, aber nie bestätigt wurden. 1997 setzte die Nasa ein Fahrzeug, den Rover „Sojourner“, auf dem Mars aus, seither fuhren mehrere ähnliche Geräte herum. Derzeit liefert der Rover „Curiosity“ tolle Bilder, wie gesagt von Landschaften, die auch in Australien sein könnten und viele Laien leider schon etwas langweilen.

Es ist alles leichter dort.Nicht aber die Leute vom „Österreichischen Weltraumforum“ (ÖWF): Die Truppe aus Physikern, Astronomen, Ärzten und anderen Fachleuten, die in Innsbruck, Wien und Berlin „Basen“ unterhält, übt sogar seit Jahren, wie es bei Spaziergängen auf dem Mars zugehen könnte. Sicher ist, dass vieles dort leichter fallen wird: Der Gesteinsplanet, dessen Äquatordurchmesser mit 6792 Kilometer halb so groß wie der der Erde ist, hat ein Drittel der Terra-Schwerkraft. Wenn also drei „Analog-Astronauten“ des ÖWF vom 1. bis 28. Februar 2013 in 45 Kilogramm schweren Raumanzügen durch die Wüste Marokkos in der Region Erfoud stapfen, dürfen sie sich zur Erleichterung imaginieren, dass das auf dem Mars 15 kg entspricht. Das ÖWF wird in der Sahara nämlich einen Feldtest mit den großteils in Österreich entwickelten Raumanzügen vom Modell „Aouda“ und anderen Dingen durchführen; der Name kommt von der indischen Prinzessin aus dem Buch „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne.

Überhaupt werde Innsbruck, so sagt ÖWF-Obmann Gernot Grömer (*1975), ein Astrophysiker aus Tirol, anno 2013 (jedenfalls im Februar) das Zentrum der globalen Marsaktivitäten sein. „Nasa und ESA schauen uns über die Schulter, während wir hier ein kleines Stück Marsgeschichte schreiben.“

Wenn Kleinigkeiten nerven. In Marokko wird ein rund zwölfköpfiges Team des ÖWF und von Partnern aus anderen Ländern (das sind gut 20) Aouda weiter testen. Das klobige Ding besteht aus Kevlar und Aluminium und komme, so Grömer, einem echten Marsanzug sehr nahe. Man könne darin essen, trinken und anderes, Unaussprechliches, tun; vor allem ist es elektronisch mit Überwachungssystemen vernetzt, die etwa körperliche Daten übermitteln, elf Stunden halte man es am Stück darin aus. Die jungen Anzugtester (der Oberösterreicher Daniel Schildhammer, der Tiroler Christoph Gautsch, der Italiener Luca Foresta) wollen ihn vorerst sechs Stunden am Tag tragen.

Dabei werden sie durch Learning by Doing feststellen, wie es ist, in einem Raumanzug herumzuschreiten, den man im Ernstfall nicht einfach ablegen kann, wenn Unangenehmes passiert, und das können brutale Kleinigkeiten sein: etwa, dass die Kopfhörer im Helm verrutschen, was man nicht mit den Händen richten kann. Das passierte heuer bei einer Übung in den Dachstein-Rieseneishöhlen; seither sind die Kopfhörer einfach auf die Stoffhaube des „Astronauten“ genäht.

Die ÖWF-Truppe, die zu ihren Partnern etwa die TU Wien und die Uni Innsbruck, Nasa und ESA ebenso zählt wie Firmen (etwa T-Mobile, Motorola, Dräger), wird mit Kollegen aus anderen Nationen 17 weitere Experimente in Marokko durchführen. Dabei geht es etwa um den Rover „Magma“ der polnischen „Mars Society“, ein kleines Laser-Spektrometer, das nach organischen Substanzen sucht, oder das witzige „Klippenerkundungsvehikel“ der französischen „Association Planète Mars“: Das sind im Grunde zwei mit einer Achse verbundene Hula-Reifen, die Kameras und Bodenradars tragen können und die man an Seilen Hänge hinablassen kann, wo normale Rover nicht hinkommen. Mit der Nasa hat das ÖWF auch ein Experiment, bei dem die Verbreitung von Keimen durch Astronauten studiert wird.

Alte Astronauten sterben eh. Das Manöver wird per Satellit von Stationen vor Ort und der Zentrale des Roten Kreuzes in Innsbruck aus kontrolliert; dabei werden die über zehn Minuten Übertragungszeit für Funksignale simuliert, die auf der Strecke Erde–Mars anfallen. In Marokko ist das „Ibn Battuta Center“ wissenschaftlicher Partner, benannt nach dem Reisenden des 14. Jh., der von Marokko bis China und auf die Malediven kam. Für die Sicherheit der Gruppe (in der Sahara sind Terroristen aktiv) sorgt Marokkos Gendarmerie.Die Nasa plant mit Russland und anderen Mitte der 2030er einen bemannten Marsflug. Die heutigen „Astronauten“ des ÖWF werden dann ältlich sein, was aber passen könnte: Wegen der schädlichen kosmischen Strahlung, gegen die man bisher technisch wenig machen kann, beträgt das Risiko für Marsreisende, an Krebs zu erkranken, rund 40 Prozent. Ganz offen ist daher in Raumfahrtkreisen die Rede davon, alteRaumfahrer auf den ersten Marstrip zu schicken: Sie wären dem natürlichen Tod sowieso relativ nahe.

Heimische Satelliten

Österreich muss auf seinen Status als „Weltraummacht“ noch etwas warten: Die Mikrosatelliten TUGSAT1 und UniBRITE werden statt wie geplant Mitte Dezember erst Jänner oder Februar mit einer indischen Rakete ins All starten. Der Grund dafür sind Verzögerungen bei der Hauptnutzlast der Rakete, einem französisch-indischen Erderkundungssatelliten.

Die Apparate hätten schon seit 2011 im Orbit sein sollen. Sie haben die Form von Würfeln mit 20 Zentimeter Kantenlänge, wiegen je gut sieben Kilogramm und sind Teil eines internationalen Schwarms von sechs Satelliten, die Helligkeitsschwankungen von Sternen messen sollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2012)

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