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Beflecktes Weiß? Dafür öffnet der Ekel die Augen!

26.12.2012 | 16:15 | Von Jürgen Langenbach (Die Presse)

Die Wahrnehmung wird von der Gemütslage mitbestimmt: Ekel lässt uns Unreines nicht nur meiden, sondern besser sehen.

In der Schlacht um das weißeste Weiß bzw. die Kunden, die nichts nötiger brauchen als das, haben sich die Werber des Putzmittelherstellers Procter & Gamble in den USA etwas Besonderes einfallen lassen: Sie haben an älteren und reichlich verdreckten Zebrastreifen je einen Streifen frisch gestrichen und mit dem Logo ihres neuen Produkts versehen. Das brachte Aufmerksamkeit, natürlich auch Umsatz, so wie all die anderen Lockungen der einschlägigen Industrie, von der „porentiefen“ Sauberkeit – nein: Reinheit! – der Wäsche bis zum Strahlen der Badezimmerkacheln, in dem das Antlitz des Badenden sich spiegeln kann.

Mit all dem wird nicht einfach irgendetwas aufmanipuliert, sondern ein Impuls mobilisiert, der ganz tief sitzt und einen guten Grund hat, der Ekel. Der entstand vermutlich im Mund – man spuckt aus, was giftig oder verdorben schmeckt –, und breitete sich dann aus. Man meidet alles, was Ansteckungsgefahr signalisiert – Menschen mit eiternden Wunden etwa, aber auch Menschen, denen man sozialen Abstieg ansieht –, und man sucht Zuflucht und Sicherheit bei der Farbe Weiß, zeige sie sich im Kittel des Arztes oder auf den Wänden des Hospitals. Dort – oder auch im Porzellan der Toilette – weckt der winzigste Fleck Misstrauen und Ekel. Und umgekehrt: Ekel schärft den Blick für den winzigsten Fleck.

Ekel schaut auf Helles, Furcht auf alles


Und zwar dann, wenn er sich am weißen Ende der Farbskala zeigt. Gary Sherman hat es im Psychologenlabor an der University of Virginia getestet (Psychological Science, 5. 11.): Er hat Probanden an PC-Schirmen leichte Trübungen und Schlieren gezeigt, und zwar im ganz hellen Weiß und im ganz düsteren Schwarz. Vorher hat er sie eingestimmt („primed“), mit Bildern, die entweder Ekel evozierten oder Furcht, eine dritte Variante war emotional neutral: Die Ekelbilder hoben die Aufmerksamkeit für leichteste Eintrübungen im Weiß, nur dort, im Schwarz hatten sie keinerlei Effekt, dort ist es ohnehin schmutzig, man muss nicht mehr so genau unterscheiden. (Allerdings herrscht im Dunkeln Gefahr, und trotzdem bewirkte Furcht nicht mehr Aufmerksamkeit als im Weiß, sie öffnet überall den Blick.)
Das schaukelt sich auf: Wer mehr Trübungen  sieht, ekelt sich mehr, sieht noch mehr Trübungen usw., man kennt Ähnliches von Phobien. Wer sich vor Spinnen fürchtet, dem erscheinen sie größer, und wem beim Blick von oben leicht schwindlig wird, der wähnt sich über tieferen Abgründen, Wutentbrannte endlich sehen im Wortsinne vieles rot, was es gar nicht ist. So schlagen Emotionen und Gemütslagen auf die Wahrnehmung durch: „Ekel lässt Menschen nicht nur Unreinheit vermeiden“, schließt Sherman, „er lässt sie Unreinheiten auch besser sehen.“


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