Die schwere und doch launige Geburt der Molekularbiologie

26.12.2012 | 18:04 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

James Watsons Bericht über die Entdeckung, die ihm mit Francis Crick gelungen ist, ist in einer ergänzten Auflage neu erschienen. Selten bietet ein Sachbuch derart viel Genuss und Belehrung.

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„I have never seen Francis Crick in a modest mood.“ So begann der Bericht über eine der Schlüsselentdeckungen des 20. Jahrhunderts, die der Struktur der DNA, und der Berichterstatter, der auch kein Ausbund an Bescheidenheit war – er wollte das Buch ursprünglich nach sich selbst nennen: „Honest Jim“ –, kannte sich aus, er war dabei, im Zentrum des Geschehens, in Cambridge 1953. Da war James Watson 24, und als er das Buch schrieb – es bekam schließlich den Namen „Double Helix“ – war er 38, geändert hat er sich nie, bis heute provoziert er gerne unter seiner Devise: „Bloß nicht langweilen!“

1952 war der US-Amerikaner mit einem Stipendium nach Europa gekommen, er forschte in Kopenhagen an Viren, log sich gegenüber dem Stipendiengeber durch, und war so schlecht ausgebildet und faul, dass er damit kokettierte, er hoffe, „den Genen auf die Spur zu kommen, ohne Chemie lernen zu müssen“. Irgendwie verschlug es ihn nach Cambridge, dort hatte Max Perutz gerade die erste Struktur eines großen Proteins erhellt (Hämoglobin), und damals vermutete man, dass Proteine auch die Träger der genetischen Information sind. Nur Außenseiter wie der Ideenquell Crick – „35 Jahre hat er ununterbrochen geredet, und Substanzielles ist kaum herausgekommen“ – setzten auf DNA, mit ihm tat sich Watson zusammen.

So waren sie zu zweit, und auf dem ganzen Erdenrund spürten nur noch drei andere der DNA hinterher, zwei in London – Maurice Wilkins und seine Assistentin Rosalind Franklin – und, auf der anderen Seite des Atlantiks, der Gigant der Chemie, Linus Pauling („sein Leben lang ein Showbusiness-Mann“). Das ist das Personal, jede/n charakterisiert Watson so bündig wie Crick – bisweilen wähnt man sich bei Balzac –, und dann entfaltet er ein fast Shakespeare'sches Kammerspiel, nein, nein, die Vergleiche sind nicht zu groß, selten passt das Wiener Kaffeehausliteratenlob von Genuss und Belehrung so gut.

 

Alte Forscher? „Geistlos und dumm!“

Belehrt wird man en gros über die Wissenschaft – eine „erkleckliche Zahl“ der Forscher ist „nicht nur engstirnig und geistlos, sondern schlicht dumm“ – und natürlich en détail: Da ist das Gespann Crick/Watson, sie setzen darauf, dass die DNA eine Helix ist – aber aus wie vielen Strängen, drei, vier? Auf der gleichen Spur ist Pauling, er hat gerade ein Protein mit einer Helixstruktur identifiziert (darf aber aus den USA nicht nach Europa reisen: Die Regierung hat seinen Pass eingezogen, weil er in einer linken Friedensgruppe aktiv ist). Ganz anders sieht es Rosalind Franklin, sie ist die führende Röntgenkristallografin, kommt aber mit der Männerwelt in den Labors nicht zurecht („Blaustrumpf“). Und die nicht mit ihr, sie ist auch nicht ohne Biss, verfasst einen Nachruf auf die von den anderen propagierte DNA-Helix: Sie sieht sie auf ihren Röntgenfotos nicht – es liegt an ihren Augen, sie hat nicht die Fantasie von Watson/Crick.

Aber die brauchen die Fotos, nur sie können zeigen, wie DNA gebaut ist, so geht Watson nach London spionieren, er stellt es ungeschickt an, die Lage eskaliert, Crick/Watson dürfen nicht mehr an DNA forschen.

Crick hält sich daran, Watson besinnt sich auf die Viren, die haben RNA, die hat ihm niemand verboten. Nun arbeitet er sich zäh voran, trotz endloser Partys und „au pair girls“. Den Lohn nimmt er zusammen mit Crick und Wilkins 1962 in Stockholm entgegen, es ist der Medizinpreis, den für Chemie erhält Labornachbar Perutz (fast wäre auch Pauling in Skandinavien gewesen, er erhielt den Friedensnobelpreis für das Jahr 1962, aber erst 1963). Und Franklin? Sie ist jung gestorben, das Röntgen brachte ihr Krebs, Watson leistet Abbitte, im Schlusskapitel.

 

Neue Helden? „Vulgär wie die Medien!“

Das schreibt er, nun in Harvard, 1968, die Uni will es publizieren. Aber die Vorabproteste fallen so heftig aus, dass Harvard sich zurückzieht, „Double Helix“ erscheint anderswo und wird ein Welterfolg. Jetzt, 59 Jahre nach der DNA-Entschlüsselung und 50 Jahre nach dem Nobelpreis, ist eine neue Ausgabe da, sie ergänzt, was inzwischen aufgetaucht ist, Briefe vor allem. Und die Rezension, die ein höchst erboster Erwin Chargaff 1968 in Science schrieb und deren Nachdruck er zu Lebzeiten nicht zuließ. Es ist eine Generalabrechnung mit dem neuen Stil und der neuen Zeit: „Die ,Helden‘ in Watsons Buch stehen für eine neue Art von Wissenschaftlern, und zwar für eine, an die man kaum denken konnte, bevor die Forschung eine Massenbeschäftigung wurde, die sich in alle Vulgaritäten der Kommunikationsmedien einreihte.“

„The Annotated and Illustrated Double Helix“, Simon&Schuster, 2012, Euro 31.30

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2012)

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