Nackte Wahrheit: Frauen zeigen mehr Haut

27.12.2012 | 16:58 |  von Jürgen Langenbach (Die Presse)

Wenn Menschen völlig frei wählen können, wie sie sich kleiden – in virtuellen Welten wie der von „Second Life“ –, dann zeigt sich ein gar nicht so kleiner Unterschied zwischen den Geschlechtern.

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Im Paradies waren Adam und Eva nackt, dort war es so wohltemperiert, dass sie sich weder vor Hitze noch vor Kälte schützen mussten, dort gab es keine Arbeit, bei der sie sich ohne Bedeckung hätten verletzen können, und Dornbüsche waren auch unbekannt. Es gab also keine äußere Veranlassung, sich irgendwie zu kleiden, und eine innere schon gar nicht. Adam und Eva waren im Stande der Unschuld, sie hatten weder Moral noch Sex. Beide erkannten sie erst, als sie einander erkannten, und schon waren die Feigenblätter da: Was und wie viel wir von unserer Haut zeigen, liegt natürlich auch an der jeweiligen Kultur, von der des freien Körpers bis zu der des Tschador.

Aber wie würden Menschen sich gern zeigen, wenn sie alle Freiheiten hätten? Das könnte man herausfinden, wenn es etwas Ähnliches gäbe wie das Paradies. Das gibt es, etwa in der virtuellen Welt von „Second Life“, wo jeder Mann und jede Frau Körper nach seiner/ihrer Wahl modellieren und bekleiden kann, gegen gutes Geld: Avatare. Dort haben Anna Lomanowska und Matthieu Guitton nachgesehen, wer wieviel Haut zeigt: 404 Avatare wurden ein Jahr lang beobachtet, 192 Männer, 212 Frauen. Dabei zeigte sich ein gar nicht so kleiner Unterschied: Von den Männern kleideten sich 71 Prozent so, dass 75 bis 100 Prozent der Haut bedeckt waren, bei den Frauen taten das nur fünf Prozent; 47 Prozent von ihnen hatten nur 25 bis 49 Prozent der Haut bedeckt, bei den Männern neun (PLoS One, 26. 12.).

Dieses Ergebnis hält auch, wenn man berücksichtigt, dass viele Akteure im Second Life ein anderes Geschlecht wählen als im ersten, es sind geschätzte 25 Prozent. Deshalb haben Lomanowska/Guitton korrigiert – das oberste Viertel der am leichtesten gewandeten weiblichen Avatare und das unterste der am stärksten verhüllten männlichen aus der Analyse ausgeschieden –, die Geschlechtsdifferenz blieb.

Aber wo kommt sie her, geht es um Sex bzw. die Signale? Eher nicht, die Forscher haben noch um etwas anderes korrigiert, die Körperform, auch die kann im „Second Life“ frei gewählt wären, männliche Schultern, weibliche Hüften, das sind Sexsignale. Aber sie korrelieren nicht mit der gewählten Kleidung. Lomanowska/Guitton vermuten deshalb, dass nackte Avatar-Haut eher zu nicht sexuellen sozialen Berührungen einlädt, vor allem in dem virtuellen Raum, in dem es spürbare Berührung nicht gibt, man will sie dann wenigstens anlocken und sehen.

Bleibt der zentrale Punkt: Wie einflussreich ist die Kultur? Das ließ sich nur ansatzweise klären, an Rollenspielen wie denen von „Star Wars“. Auch dabei kann die Kleidung gewählt werden, allerdings nur im Rahmen der „Star-Wars-Kulturen“: Die Männer kleideten sich wie die Filmhelden, die Frauen leichter, Kultur generell bremst das Bedürfnis also nicht ein. Aber wie ist es mit den echten Kulturen? Dazu müsste man wissen, wer hinter welchem Avatar steckt. Und hier können die Forscher nur vermuten, dass es vor allem Angehörige der westlichen Kultur sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2012)

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6 Kommentare

Diese Untersuchung

ist Bockmist:

Ich habe nur Daten für World of Warcraft im Kopf; IIRC spielen Frauen häufiger ihr eigenes Geschlecht als Männer, was allerdings aufgrund der Diskrepanz der Geschlechterverteilugn dazu führt, dass ein weiblicher Avatar dennoch öfter einem mann gehört als einer Frau. Ob das Verhältnis in Second Life anders ist, wage ich zu bezweifeln.

Der Vergleich mit "Star Wars" - ich vermute das Online.-Rollenspiel The Old republic - hinkt, weil (obacht!) man eben das anzieht, was gerade die besten Werte hat (und die Optik oftmals nur sekundär ist), weiters gerade die weiblichen Kleidungsstücke von Natur aus freizügiger sind - die gleiche Rüstung zB kann den Mann ganz bedecken, bei der Frau jedoch bauchfrei mit Ausschnitt gestaltet sein. Eine Freizügigkeit der Erscheinung ist somit eine zwangsläufige Folge, und ergibt sich ganz einfachd araus, dass die gleiche Kleidung bei mann und Frau massiv anders aussieht.

Was mich zum nöchsten Punkt bringt: Möglicherweise haben Frauen bei Second Life eher freizügigere Kleidung als Männer, was dann eben auch zum statistischen Unterschied führt.

Ich halte derartige Studien für nur begrenzt für´aussagekräftig.

Frauen

sind halt exhibitionistischer als Männer.

kh123

Mit dieser Studie habe ich einige methodische Probleme. Wie repräsentativ ist eine Population die Second Life spielt? Ich weiss nicht mal genau, wie das geht, und glaube das geht den meisten in meinem Umfeld so. Wer spielt das und wozu? Sind das eventuell Leute, bei denen auch das Freizeitverhalten ihrer Bereitschaft in bestimmte Rollenmuster zurückzufallen entspricht? Ich kann es auch anders ausdrücken: wozu brauche ich hier Second Life als Modell? Wenn ich mir Frauen anschaue, gibt es bestimmte Gesellschaftsgruppen, an denen das oben beschriebene Bedürfnis nackte Haut zu zeigen, v.a. im Sommer, evident ist. Aber nicht bei allen, das hängt mit Religion, sozialem Status, Geltungsbedürfnis, dem Bedürfnis einen Partner zu finden u.v.a. zusammen. Und irgendwie habe ich das Gefühl, ich weiss in etwa, welche von diesen häufiger Second Life spielen. Noch ein Problem: wenn man das Geschlecht frei wählen kann, und nur grob schätzen kann, dass etwa 25% das andere wählen, wieso sollte das dadurch korrigierbar sein, daß man die oberen 25% der am leichtesten bekleideten Frauen und unteren 25% der am meisten verhüllten Männer aus der Analyse nimmt. Das macht die mittleren 25% nicht repräsentativer, weil solche andersgeschlechtlichen Avatare sich dort auch finden werden (denn wer sagt denn, dass die gender switcher in ihrem Kleidungs-Rollenverhalten extremer sind?). Letztendlich glaube ich dass Avatare keineswegs frei entscheiden, sondern zu einem Second Life Rollenverhalten wechseln.

Frage:

Sind da Burkininnen und Schleierträgerinnen eingerechnet?

Re: Frage:

Glaub ich nicht. Die dürfen sicher kein Second Life spielen.

Re: Frage: warum willst sie einrechnen?

Am ehesten herausrechnen, hat aber auch keinen Sinn.

Die Versuche zur Bereinigung sind übrigens im Artikel angeführt.

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