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Was Gorillas das Jahr über futtern

01.01.2013 | 18:26 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Forscher konnten die Ernährungsgewohnheiten der Tiere über ein Jahr hinweg rekonstruieren – aus dem Kot.

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Wovon ernähren sich schwer beobachtbare, seltene und/oder bedrohte Tiere? Und wovon haben sich die ernährt, die man überhaupt nicht beobachten kann, unsere Ahnen vor ein paar tausend Jahren oder noch viel früher? Vor 2,5 Millionen Jahren haben sie Steinwerkzeuge erfunden, und man darf vermuten, dass die auf der Jagd und beim Zerteilen der Beute halfen: dass mehr Fleisch in die Mägen kam. Das klingt plausibel, aber mehr auch nicht, man braucht verlässlichere Zeugen.

Die langlebigsten sind Zähne (und Knochen), ihre grobe Form und ihre ganz feinen Abnützungserscheinungen geben Auskunft darüber, was sie zerschnitten und zermahllen haben. Aber der Anblick kann täuschen, man bemerkte es bei Anthropus bosei, der vor 1,5 Millionen Jahren lebte und ein so mächtiges Gebiss hatte, dass man ihn „Nussknacker“ nannte. Aber ein tieferer Blick, hinein in den Zahnschmelz bzw. seine Kohlenstoffisotope, zeigte ein ganz anderes Bild: Es gibt zwei Wege der Fotosynthese, C3 und C4, und beide sperren sich gegen die Aufnahme des Kohlenstoffisotops 13C. Aber C4 sperrt sich weniger stark als C3, deshalb haben C4-Pflanzen – Gräser vor allem – mehr 13C in sich. Und wer sich von Gräsern ernährt, hat es bald auch in sich.

In den Zähnen von A.bosei fand man dieses Muster: Er aß keine Nüsse, sondern Gras. Eine solche Analyse ist noch eine einfache Übung – eine relativ einfache, es geht um Promille –, und man kann sie mit den Habitaten abgleichen, in Savannen wächst eher Gras, in Wäldern gedeihen eher Früchte und Blätter. Aber wenn einer nur im Wald haust wie der Berggorilla? Und wenn man wissen will, was er das ganze Jahr über so futtert? Dann hat er nur Spuren von C3-Pflanzen in sich, und alles wird obendrein noch komplizierter. Denn es geht nicht nur um die Nachfrage nach den Isotopen – durch die verschiedenen Fotosynthesewege –, sondern auch um das Angebot: Unten in dichten Wäldern ist es anders als oben in lichten Kronen, weil das CO2, das aus der Erde ausgast, eine andere Isotopenkomposition hat als jenes oben in der Luft.

 

Februar/März und Juni/Juli: Lieber Obst

Dann wird das CO2 noch von einzelnen Pflanzen bzw. Pflanzenteilen anders aufgenommen, dann wird es noch von den einzelnen Pflanzenfressern anders in den Körper eingelagert – man weiß es von Experimenten mit Wiederkäuern und Nichtwiederkäuern –, und am Ende wird es schließlich noch in einzelne Körperteile anders eingebaut (bzw. dort bald umgeschichtet): Am langsamsten zeigen sich die Spuren in den Zähnen, rascher in den Knochen. Aber die feinste und rascheste Auflösung bietet natürlich der Kot: Den von vier Berggorillas in einem Nationalpark in Kenia hat Scott Blumenthal (New York) ein Jahr lang untersucht und analysiert, auf die Kohlenstoffisotope und auf Stickstoff: Zwei Mal im Jahr – Februar/März und Juni/Juli – bevorzugen die Tiere Früchte, die übrige Zeit halten sie sich an Blätter (Pnas, 4.12.).

Und was sagt das über unsere Ahnen? Von ihnen haben wir ja keinen Kot. Aber Zähne! Man müsste also nur bei den Gorillas auch Zähne analysieren und nachsehen, ob und wie die Ernährungsspuren im Kot sich später in den Zähnen zeigen – dann könnte man auch bei den frühen Menschen aufgrund der Zähne Rückschlüsse ziehen. Oder ginge es doch einfacher? Robert D'Anjou (Amherst) hat gerade die Besiedelungsgeschichte einer Insel in Norwegen rekonstruiert und bemerkt, dass die Menschen und ihre Nutztiere vor 2.300 Jahren kamen. Hinterlassen haben sie aus dieser frühen Zeit fast nichts. Aber doch etwas, was D'Anjou auswerten konnte: Biomarker ihres Kots in Sedimenten eines Sees, an dem sie hausten (Pnas, 21.11.). Vielleicht findet sich ja in und um die Wohnstätten der ganz frühen Menschen auch noch ähnliches Auswertbares.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2013)

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2 Kommentare
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kein gutes Modell

Der Gorilla ist als Modell für die Ernährung von Frühmenschen wohl nicht das optimale Modell, da er eine sehr spezialisierte pflanzenlastige Ernährung hat. Den Schimpansen könnte ich mir da schon eher vorstellen. Und Zähne sind halt auch nur ein Teil der Antwort. Daran kann man vielleicht erkennen ob eher silikatreiche Gräser oder eher Körner verzehrt wurden. Aber Details, wie z.B. saisonale Unterschiede, die auch oben angesprochen wurden? Da helfen auch Isotopenanalysen nur beschränkt. C3/5 wird einem z.B. kaum erzählen, welche Früchte wieviel Nahrungsbestandteil waren. Und Tiere? Von Insekten bis Fisch, von Ratten bis Elefanten; das wird sich schwer an Zähnen ablesen lassen. Und noch eins: war nicht der große Vorteil unserer Vorfahren die Flexibilität, auch was Verwertung von unterschiedlicher Nahrung betrifft? Ich hätte hier bedenken, zuviel aus Einzeldaten zu schliessen und dabei gerade letzteres kaum abbilden zu können: daß z.B. ein Trupp v.a. Fisch fing, ein anderer sich auf Kleinsäuger oder Huftiere spezialisieren konnte.

Faszinierend

Noch toller ist ja, dass Gorillas - so wie beispielsweise auch Schimpansen - mehr als 100 Pflanzen mit potenziell medizinischer Wirkung fressen, z. B. Blätter mit vielen Borsten, die Würmer aus dem Darm "spülen", oder Pfeffergewächse gegen Darmermkrankungen. Schade, dass wir - wenn wir uns nicht anstrengen - diese wundrbaren Tiere bald in der freien Wildbahn nicht mehr beobachten können, s. http://www.ndr.de/kultur/literatur/gorilla147.html