Neue Raffinesse der Gärtnerei der Ameisen

02.01.2013 | 18:39 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Die Tiere haben sich vor Millionen Jahren mit Pilzen vergesellschaftet, um Biomasse zu verwerten. Die Allianz hat viele Tricks entwickelt, etwa Pilz-Enzyme, die in Ameisenmägen durch die Gärten getragen werden.

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Alles Leben ernährt sich von Pflanzen, aber nur wenige Pflanzenfresser fressen gleich alles halb kahl. Das sind auf der einen Seite ganz Große – Wiederkäuer –, und auf der anderen ganz Kleine – Ameisen, die vor 50 Millionen Jahren erfanden, was Menschen vor 11.000 Jahren in den Sinn kam: die Agri- respektive Hortikultur. Die Ameisen holen Biomasse ein und legen damit Gärten an, in denen die Pilze gedeihen; im Gegenzug lassen die Pilze sich von den Ameisen beweiden. Gegen diese Allianz haben Pflanzen keine Chance: Die Ameisen brechen die äußere Verteidigung auf – etwa Wachsschichten –, sie machen die Biomasse erst angreifbar für die Pilze. Die legen dann die innere Verteidigung der Pflanzen lahm, all die Gifte, mit denen Fraßfeinde abgewehrt werden.

Als es begann, waren die Ameisenvölker klein, sie sammelten Pflanzenreste ein. Aber vor acht bis 12 Millionen Jahren kam eine Revolution, nun gingen die Ameisen ernten – Blätter schneiden –, in großem Stil: Die Kopfzahl dieser Völker geht in die Millionen, bis zu 15 Prozent der Biomasse der Regenwälder räumen sie ab, vor allem in Amazonien. Dort hausten und hausen Blattschneider – „Saúva“ – so übel, dass frühe Siedler sagten: „Entweder Brasilien tötet die Saúva, oder die Saúva wird Brasilien töten.“

 

Riskante Monokultur macht findig

Nun leben beide noch, und die Saúva tun es mit erstaunlicher Raffinesse: Ihre Felder sind riesig – sie haben die Fläche mehrerer Fußballfelder –, und sie sind mit Monokultur bestellt. Das ist riskant, aber es ist unvermeidlich, die Pilze dulden keine Konkurrenz: Sie merken an ihrer Bewässerung durch die Ameisen – mit Urin –, was die Gärtner gefressen haben, und wenn sie fremde Pilze bemerken, stellen sie das Wachstum ein. Also müssen die Ameisen mit Monokulturen leben, sie legen sie vorsichtshalber unter der Erde an – weitab von frei lebenden Pilzen – und haben einen Dritten im Bunde rekrutiert: ein Bakterium, dessen Gift manche Pilze tötet. Und zwar die, die als Parasiten die Pilze der Gärten attackieren. Der Mensch hat das gleiche Bakteriengift später auch nutzen gelernt – als Antibiotikum –, aber in seinen Händen ist die Waffe rasch stumpf geworden. Bei den Ameisen wirkt sie seit Jahrmillionen.

Nun hat Henrik De Fine Licht (Kopenhagen) die nächste Finessse der Gärtner aufgedeckt (Pnas, 24.12.): Die Pilze entschärfen die Abwehrgifte der Pflanzen, Phenole etwa, mit Enzymen, Laccasen. Die sind dort konzentriert, wo es viele Pilze gibt, im Zentrum der Gärten. Aber an den Rändern sind sie rar, und gerade dort werden sie gebraucht: Dort ist die frischeste Biomasse. So haben Ameisen und Pilze noch einen Trick ersonnen: Die Pilze produzieren Laccasen in einer Form, die unverdaut durch die Ameisen hindurchgeht. Die tragen sie im Gedärm an den Rand der Gärten und setzen sie dort ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2013)

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