Wiener Physiker: Quanten dürfen ohne Kausalität auskommen

02.01.2013 | 18:39 |   (Die Presse)

Anton Zeilinger sagt: „In einem gewissen Sinn sind Quantenereignisse unabhängig von Raum und Zeit.“ Man möge die Sicht, dass sich ein Quantenteilchen entweder als Teilchen oder als Welle verhält, aufgeben.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Ein Photon (Lichtteilchen) kann sich wie eine Welle verhalten oder wie ein Teilchen. Wenn es sich wie ein Teilchen verhält, dann muss es sich an einer Weggabelung entscheiden; wenn es sich aber wie eine Welle verhält, dann kann es zwei Wege auf einmal nehmen.

Wer bestimmt, ob sich das Photon wie ein Teilchen oder wie eine Welle verhält? Die Physiker, die es messen. Wann können sie das bestimmen? Vor der Messung – sollte man meinen. Doch der Quantenphysiker John Wheeler schlug schon 1978 ein Gedankenexperiment vor, das zeigt: Man kann diese Entscheidung auch treffen, nachdem das Photon seine Wege respektive seinen Weg durchlaufen hat; „delayed choice“ nennt man das.

Wie so viele Gedankenexperimente haben Physiker um Anton Zeilinger nun auch dieses realisiert: im großen Maßstab, mit Photonen auf La Palma und Teneriffa, die über diese Entfernung (144 Kilometer) miteinander „verschränkt“ sind, das heißt, so stark miteinander verbunden, dass eine Messung an einem Photon auf La Palma sofort das Verhalten des verschränkten Photons auf Teneriffa beeinflusst. „Sofort“ ist wörtlich zu verstehen: „Das bedeutet, dass kein physikalisches Signal zwischen den beiden laufen kann“, erklärt Xia-Song Ma, Erstautor der in Pnas (1.1.) erschienenen Arbeit. Denn ein physikalisches Signal kann ja laut Einstein nicht schneller als mit Lichtgeschwindigkeit laufen.

Man kann auch sagen: Es besteht keine Kausalität zwischen dem einen Ereignis (auf La Palma) und dem anderen (auf Teneriffa). Zeilinger interpretiert das so: Man möge die Sicht, dass sich ein Quantenteilchen entweder als Teilchen oder als Welle verhält, aufgeben, um nicht die Relativitätstheorie zu verletzen. „In einem gewissen Sinn sind Quantenereignisse unabhängig von Raum und Zeit.“ APA/tk

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

8 Kommentare

Quantensprung

In diesem Zusammenhang fällt mir da ja auch der so viel zitierte "Quantensprung" ein, der im sprachgebrauch einen gigantischen, großen Fortschritt, oder Entwicklungssprung bedeuten soll.
Wie wir ja alle (hoffentlich) wissen, ist dieser Sprung physikalisch ja als einer der kleinsten überhaupt (Quanten!) zu definieren.

Da sieht man wiedereinmal, wie sehr wissenschaftliche Erkenntnisse verballhornt werden und so gar nichts mit der Realität zu tun haben, bzw. wie sehr sich Moderatoren in den Medien, Politiker mit "Modeworten" wichtig machen, die dann aber schlußendlich ihr furchtbares Unwissen offensichtlich machen und nur zur Blamage dienen.
Soviel zu den "Niederungen" der deutschen Sprache.

Re: Quantensprung

Mir und vielen anderen ist der "Quantensprung" als eine wesentliche Veränderung geläufig.
Gerade weil es mit Quantum eine kleinstmögliche Veränderung beschreibt und mit einer großen Wirkung (Sprung) in Verbindung gebracht wird ist das Wort Quantensprung so unheimlich vielsagend und beliebt.
Sprache ist zum Glück mehr als Beschreibung von Fakten.

"In einem gewissen Sinn sind Quantenereignisse unabhängig von Raum und Zeit".

Das erinnert mich an die Hypothese der Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge. Auch in der Psychologie soll das "Kollektive Unbewusste", welches tiefenpsychologische Vorgänge im Menschen beeinflußt, ebenfalls von Beschränkungen durch Raum und Zeit nicht betroffen sein. (siehe z.B. C.G.Jung und Nachfoger)

Re: "In einem gewissen Sinn sind Quantenereignisse unabhängig von Raum und Zeit".

Dieser Satz ist mir auch aufgefallen. Mich interessiert dabei, was unter einem "gewissen Sinne" zu verstehen ist.

6 0

Gefährliche Quantentheorie

Das Gefährliche an der Quantentheorie ist, dass jeder dahergelaufene Quacksalber und Scharlatan, jeder Homöopath und jeder Biogläubige, jeder Erzeuger von Benzinspargeräten und Wasserbelebungsvorrichtungen den Namen dieser Theorie in den Mund nehmen darf, auf das Werbeprospekt schreiben kann und damit den Eindruck erweckt, seine Mittel und Methoden wären wrksam und erwiesen!
Wenn igendwo auf einer Webseite mit Ausnahme eines Physikinstitutes, auf irgend einem medizinischen Prospekt oder in einer Werbepostille eines Bioladens odder eines Heilpraktikers der Begriff "Quanten" erwähnt wird, dann ist das ein untrüglicher Beweis für Humbug schlechthin!

Re: Gefährliche Quantentheorie

Sie haben recht.

Faszinierend ist dabei, das seit vielen Jahren Quantenphysik zB in Form von USB-Sticks Einzug in die Häuser gehalten hat.

Da musste man das nicht großartig drauf schreiben.

... oder mit Radios, Fernsehern und Mikrowellen.


Re: ... oder mit Radios, Fernsehern und Mikrowellen.

Das kann man doch alles mit newton'scher Physik genauso erklären, oder nicht?

Die Floating-Gate-Transistoren in Flash-Speichern kommen allerdings nicht aus ohne Theorien aus der Quantenmechanik.

Wissenskommentar

AnmeldenAnmelden