Ein großes Gehirn muss teuer bezahlt werden

Wenn im Zug der Evolution Gehirne größer werden, werden andere Organe des Körpers kleiner, und die Reproduktion geht zurück. Das ist eine alte Hypothese, sie konnte nun erstmals belegt werden.

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(c) REUTERS (DWI OBLO)

Unser kostbarstes Organ, wenn man denn so reihen darf, ist natürlich das Gehirn. Es ist auch unser teuerstes Organ. Zwar macht es nur zwei Prozent der Körpermasse aus, aber es braucht 20 bis 25 Prozent unserer Energie, bei Kleinkindern sind es gar 60 Prozent. Das geht nur, wenn anderswo gespart wird, etwa bei dem Organ, das den zweithöchsten Aufwand macht, dem Darm. Er wird kleiner, wenn das Gehirn größer wird, so postulierte es 1995 die „expensive-tissue hypothesis“, und im Grundsatz setzte sich die Idee von einem Handel des Gehirns mit dem restlichen Körper durch. Ob es bei dem aber um den Darm geht, blieb umstritten, manche sahen eher einen Konnex mit Muskel- oder Fettgewebe, andere mit der Reproduktion.

Aber zu entscheiden ist es schwer, und ob die grundlegende Prämisse stimmt – derzufolge ein größeres Gehirn auch ein besseres Gehirn ist –, ist noch einmal eine andere Frage. Nun sind beide zumindest partiell geklärt, an Fischen, Guppys. Sie schwimmen im Aquarium der Evolutionsbiologen der Universität Uppsala, dort arbeitet auch der österreichische Verhaltensforscher Alexander Kotrschal. Er hat mit seinen Kollegen Guppys in eine künstliche Evolution gebracht – auf große Gehirne selektiert –, der Effekt hat sich schon nach zwei Generationen gezeigt: Die relative Gehirngröße hat sich um neun Prozent erhöht, und zwar schon bei neugeborenen Fischen (Guppys gebären lebende Junge).

9 % mehr Hirn, 19 % weniger Junge

Im Gegenzug schrumpfte der Darm, und die Reproduktion ging zurück, 19 Prozent weniger Junge wurden geboren (Current Biology, 3. 1.). Und was brachte die Vergrößerung des Gehirns? Den Männchen überhaupt nichts, den Weibchen durchaus etwas, das zeigten beide Geschlechter in einem Test, in dem es um das Zählen von schwarzen Kreisen oder Vierecken auf einem weißen Blatt Papier ging. Zählten die Fische richtig, gab es zur Belohnung Extrafutter. Und die Weibchen mit den größeren Gehirnen zählten besser; es mag daran liegen, dass Weibchen dieser Art sich vor allem auf die Futtersuche konzentrieren, Männchen auf Sex. Der interessiert Weibchen schon auch, und sie orientieren sich bei ihrer Wahl an schwarzen Körperzeichnungen der Männchen; möglicherweise sprachen sie deshalb besser auf die Symbole auf dem Papier an, auch die waren schwarz.

Es könnte also durchaus sein, dass sich bei Männchen deshalb nichts zeigte, weil das Design des Experiments mit ihrer Lebensweise nichts zu tun hatte. „Momentan versuchen wir, den Männchen im Test statt Futter Zugang zu Weibchen als Belohnung anzubieten“, berichtet Kotrschal, „die ersten Ergebnisse sehen vielversprechend aus.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2013)

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