Weibliche vs. männliche Embryonen

05.01.2013 | 18:13 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

IGF-1 könnte bei Pferden das Überleben weiblicher Embryonen fördern.

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In guten Zeiten gebären Frauen mehr Söhne, in schwierigeren Zeiten mehr Töchter. Anthropologen der Uni Wien bestätigten dies kürzlich wieder: Wie die „Presse“ berichtete, erhöht ein eigenes Zuhause (und eine monogame Lebensweise) die Wahrscheinlichkeit, dass in Uganda Frauen mehr Söhne zur Welt bringen als Frauen ohne Eigenheim. Das Geschlechterverhältnis ist also nicht immer gleich (weltweit kommen auf 100 neugeborene Mädchen 107 Buben), es ist abhängig von sozialen und wirtschaftlichen Einflüssen.

Aber nicht nur Menschen steuern unbewusst das Geschlecht ihrer Kinder, auch im Tierreich ist das so. Auf welchen Faktoren oder genetischen Tricks dies beruht, ist noch nicht so klar. An sich werden bei der Produktion von Samenzellen gleich viele mit einem Y-Chromosom („männliches“ Spermium) wie mit einem X-Chromosom („weiblich“) ausgestattet. Die leichteren „männlichen“ Spermien mit dem Y-Chromosom können schneller zur Eizelle gelangen. Außerdem gibt es in der Gebärmutter Mechanismen, die bevorzugt das Überleben von männlichen oder von weiblichen Föten ermöglichen. Forscher der Vet-Med-Uni Wien haben nun an Pferden gezeigt, welches Protein in diesen Mechanismus involviert sein kann. Das Protein ist (Veterinär-)Medizinern nicht unbekannt: IGF-1 (Insulin Growth Faktor 1) reguliert das Wachstum und kann den programmierten Zelltod (Apoptose) hemmen. Bei der Rinderzucht mit künstlicher Befruchtung wird IGF-1 z.B. eingesetzt, um das Überleben der Embryonen zu sichern.


Doppelt so viel IGF-1. Das Team um Christine Aurich aus Wien zeigte nun in vivo an 30 Stuten (zwischen Tag acht und Tag zwölf der Trächtigkeit), dass bei weiblichen Embryonen viel mehr IGF-1 in den Zellen zu finden ist als bei männlichen Embryonen. Jana Beckelmann, die die Studie leitete, vermutet, dass die höheren IGF-1-Konzentrationen in den weiblichen Embryonen deren Überleben genau dann sichern, wenn die äußeren Umstände eher das Überleben der männlichen Embryonen fördern würden.

Der genetische Trick dahinter ist noch nicht ganz klar. Aber von der Messenger-RNA, die für die IGF-1-Produktion notwendig ist, gab es bei weiblichen Zellen doppelt so viel wie bei männlichen. Hat es damit zu tun, dass weibliche Zellen das X-Chromosom doppelt haben? Das Gen für IGF-1 liegt aber gar nicht auf dem X-Chromosom, doch es könnten Faktoren, die die Aktivität des IGF-1-Gens regeln, genau dort liegen. Das sollen weitere Studien klären, ebenso wie die Frage, ob frühe Fehlgeburten, die bei Pferden besonders häufig vorkommen, mehr weibliche als männliche Föten betreffen – und an welchen genetischen Faktoren und Umweltfaktoren dies liegt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.01.2013)

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