Antike Apotheke: Zink für Augenleiden!

07.01.2013 | 21:00 |  Von Jürgen Langenbach (Die Presse)

Die Rezeptur eines Medikaments, das über 2000 Jahre in einem Schiffswrack auf dem Meeresboden vor der Toskana überdauerte, konnte nun analysiert werden.

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Vor etwa 2150 Jahren war ein Arzt mit an Bord eines Schiffs, das vor der italienischen Küste nahe der etruskischen Stadt Populonia (heute: Piobino) sank; in 18 Meter Tiefe blieb es liegen, von Menschen unberührt bis 1974. Da ist das 18 Meter lange und drei Meter breite Wrack bemerkt worden, und seit 1982 sind die Archäologen an der Arbeit: Das Schiff war reich beladen mit Handelsgütern aus dem östlichen Mittelmeer – von Lampen aus Ephesos über Amphoren aus Rhodos bis hin zu Glasgefäßen aus Syrien –, zum letzten Mal in See gestochen war es offenbar in Delos. Dort war wohl auch ein Passagier zugestiegen, der eine halbe Apotheke mit sich führte, mit Instrumenten zum Schröpfen und Aderlassen etwa. Die konnte man mit bloßem Auge identifizieren.

Aber es gab auch Zinngefäße, in denen Tabletten verpackt waren: grau, fast rund, vier Zentimeter Durchmesser, ein Zentimeter dick. Wozu dienten sie? In Texten und Hieroglyphen ist viel überliefert von der Heilkunst der Antike, aber Funde von Medikamenten – oder auch Kosmetika, die Bereiche überschneiden sich, antiker Lidschatten etwa schützte oft auch als Antibiotikum – sind rar, und die chemische Analytik ist erst in den letzten Jahren fein genug geworden, die Zusammensetzung auch geringster Reste etwa in Tiegeln zu erhellen, und zwar zerstörungsfrei.

Die Mauren therapierten mit Arsen

Ganz vorn in dieser Kunst ist Erika Ribechini (Florenz): Sie hat etwa ein pharmakologisches Erbe der Mauren im mittelalterlichen Spanien analysiert und darin vor allem Auripigment (auch: Orpiment) gefunden. Das ist ein Arsensulfid (As4S6), das seiner leuchtend gelben Farbe wegen früh als Pigment eingesetzt worden ist. Aber arabische – und chinesische – Ärzte setzten es früh und breit als Medikament ein; in China wurde es vor Kurzem wieder entdeckt, zur Leukämie-Therapie (Journal of Archeological Science 38, S. 3350).

Nun hat Ribechini die Pillen aus dem gesunkenen Schiff analysiert und eine breite Palette von Inhaltsstoffen gefunden: Die reicht von Stärke und Fett über die Pollen vieler Pflanzen, Harze, Holzkohle und Bienenwachs bis hin zu Leinenfasern. Zentral waren aber Zinkverbindungen – Hydrozincit (Zn5(CO3)2(OH)6) und Smithsonit (ZnCO3) –, und Zinkverbindungen tauchen früh unter dem Sammelnamen „Cadmia“ auf. Der Historiker Plinius beschrieb ihre Gewinnung – als Abfallprodukt der Kupferverhüttung –, der Arzt Galen empfahl sie vor allem in der Augenheilkunde und bei Hautkrankheiten.

„Das Mittel wurde auf die Lider aufgetragen“, vermutet Ribechini (Pnas, 7. 1.) und nimmt die traditionellen griechischen („Kollyra“) bzw. lateinischen Namen („collyrium“) vieler Augenmedikamente als zusätzlichen Beleg: Er bedeutet „kleine runde Laibe“ und beschreibt die Tabletten gut. Und die unzähligen Ingredienzien? Die Harze dienten wohl der Konservierung, sie enthalten Antioxidantien; die Pollen kamen eher im Bienenwachs. Und die Leinenfasern? Die haben möglicherweise der Stabilität der Pillen gedient – und sich offenbar bewährt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2013)

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1 Kommentare
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Hoffentlich werden diese Rezepturen nicht von der alternaiven Medizin entdeckt!


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