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Nazistätten: Versteckte Orte des Grauens

12.01.2013 | 18:02 | von Martin Kugler (Die Presse)

Historiker machen durch minutiöse Forschungsarbeit in Vergessenheit geratene, verdrängte und "übersehene" Nazistätten wieder sichtbar. Das ist in Österreich bis heute nicht selbstverständlich.

Mit freiem Auge ist (fast) nichts mehr vom Lager Liebenau im Süden von Graz zu sehen. Die seinerzeit 190 Holzbaracken für bis zu 5000 Menschen, die ab 1940 im „Lager V“ aufgestellt wurden, sind verschwunden. Seit die Stadtgemeinde Graz das desolate Gelände 1947 gekauft hat und Wohnhäuser darauf errichtet wurden, gibt es keinerlei Spuren von den Zwangsarbeitern, umgesiedelten „Volksdeutschen“ oder Kriegsgefangenen, die dort festgehalten, ausgebeutet, gequält oder ermordet wurden. Mit zwei Ausnahmen: den Puchsteg aus dem Jahr 1942 und ein Grab auf dem Israelitischen Friedhof Graz mit 46 Leichen ungarischer Juden, die im April 1945 im Lager ermordet wurden.

Auf letztere Geschichte wurde man im Herbst 2011 bei den Diskussionen über das geplante Murkraftwerk aufmerksam; Stadt Graz und Energie Steiermark haben daraufhin beim Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung eine Studie in Auftrag gegeben, die das seinerzeitige Geschehene dokumentieren soll. Am Mittwoch wird diese der Öffentlichkeit vorgestellt.

Eingebettet ist die Geschichte, die die Historikerin Barbara Stelz-Marx erzählt, in den Bau des „Südostwalls“: Um sich vor der heranrollenden Roten Armee zu schützen, ließ die NS-Führung eine Verteidigungsstellung von der Kurischen Nehrung bis zur Adria errichten. Genützt hat das nichts – das Vorhaben hat aber mindestens 23.000 der eingesetzten 50.000 ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter ihr Leben gekostet. Unter ihnen die Opfer des Massakers in Rechnitz (25. März 1945) und wenige Wochen später in Liebenau.


Todesmärsche. Als sich die Sowjetarmee näherte, begann die „Evakuierung“ in Richtung der Konzentrationslager Mauthausen und Gunskirchen. Eine der Zwischenstationen auf diesen „Todesmärschen“ war Graz-Liebenau, wo zwischen 2. und 28. April mindestens 5000 bis 6000 ungarische Juden durchgeschleust wurden. Laut Zeugenaussagen wurden notwendige Medikamente, obwohl vorhanden, nicht ausgegeben, die Betroffenen erhielten kaum Verpflegung. Und Personen, die krank oder von der Schinderei zu schwach waren, wurden erschossen.

Im Oktober 1945 wurde die Polizei von Zeugen über dieses Massaker informiert. Erst im Mai 1947 wurden 53 Leichen exhumiert, bei 34 wurden tödliche Schusswunden nachgewiesen. Der britische „General Military Court“ machte vier Mitgliedern des Lagerpersonals den Prozess, der mit zwei Hinrichtungen, einer dreijährigen Haftstrafe und einem Freispruch endete. Die Briten, so erläutert Stelz-Marx, erhofften sich durch rigorose Bestrafung von NS-Gewaltverbrechen eine Stärkung des demokratischen Rechtsempfindens in der Bevölkerung.

Der erzieherische Erfolg blieb jedoch, wie Lord Claud Schuster, Direktor des britischen „Legal Service“, selbstkritisch bemerkte, nicht zuletzt aufgrund des fehlenden Interesses in der Öffentlichkeit weitgehend aus. Zwar berichteten Zeitungen vom Prozess, doch über die Jahre geriet die Angelegenheit fast völlig in Vergessenheit. Die Auftraggeber der Studie versprechen nun, die Erkenntnisse beim Bau des Kraftwerks „mit gebotenem Respekt“ einfließen zu lassen, zudem soll ein Mahnmal errichtet werden.


Wissenslücken und Desinteresse. Dass die Grauen der Nazizeit sichtbar gemacht werden, ist in Österreich bis heute nicht selbstverständlich. Eines krassen Falls hat sich Mathias Lichtenwagner in seiner Diplomarbeit angenommen, die nun in erweiterter Form als Buch erschienen ist. Unter dem Titel „Leerstellen“ nimmt sich der Forscher und Aktivist im „AK Denkmalpflege“ der Topografie der Wehrmachtsjustiz in Wien an. Konkret untersuchte er elf Standorte von NS-Wehrmachtsgerichten, zwei der Wehrmachtsstreife, sieben Haftorte und zwei Hinrichtungsstätten. Laut Hochrechnungen wurden 120.000 militärgerichtliche Urteile gegen österreichische Soldaten, darunter 1200 bis 1400 Todesurteile gegen Deserteure, gefällt.

Dabei ist er auf zwei Dinge gestoßen: erstens auf riesige Wissenslücken, was in den Gebäuden zwischen 1938 und 1945 geschehen ist – einige konnte er durch intensives Quellenstudium kleiner machen, etwa über Wehrmachtsgerichte im jetzigen Regierungsgebäude am Stubenring oder dem ehemaligen Verteidigungsministerium am Franz-Josefs-Kai. Seine zweite Erkenntnis ist fast noch erschreckender: „Viele Personen, die heute in den damals von der NS-Militärjustiz verwendeten Gebäuden arbeiten oder für diese Bauten verantwortlich sind, fanden mein Interesse an der Ortsgeschichte zwar rührend, hielten es aber für ganz und gar unnötig, sich damit auseinanderzusetzen“, schreibt Lichtenwagner. Für umso wichtiger erachtet er es daher, dass das 2010 von der Wiener Stadtregierung beschlossene „Mahnmal für Deserteure“ wirklich errichtet wird – damit das Bewusstsein auch in breitere gesellschaftliche Schichten dringt.


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