Schweizer Teilchen für Wiener Neustadt

12.01.2013 | 18:02 |  von Georg Renner (Die Presse)

Das Krebstherapie- und Forschungszentrum Med-Austron bekam eine Ionenquelle des CERN.

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Die Veranstaltungshalle Arena Nova. Eine Fachhochschule samt mehreren Studentenheimen. Eine Flugzeugfabrik und ein Erlebnisbad. Es ist eine bunte Nachbarschaft, in der das niederösterreichische Krebstherapie- und Forschungszentrum Med-Austron im Gewerbegebiet von Wiener Neustadt nach und nach Gestalt annimmt.

Eine Gestalt, die am Freitag wieder deutlich konkreter geworden ist: Mit einer großen Feier wurde der von Land, Bund und Stadt finanzierten Institution, in der ab 2015 Strahlentherapien gegen Krebs durchgeführt werden sollen, die Ionenquelle überreicht – nach der Dachgleiche im Vorjahr ein nächster Meilenstein auf dem Weg zur Eröffnung des Areals.

Diese erste von vier Ionenquellen, entwickelt im Europäischen Kernforschungszentrum CERN, mit dem Med-Austron kooperiert, ist das Herzstück des Teilchenbeschleunigers, der die für die Behandlungen nötigen Teilchen liefern wird: aus einem einzigen Proton bestehende Kerne von Wasserstoffatomen sowie schwerere Kohlenstoff-Ionen, deren Kern aus jeweils sechs Protonen und Neutronen besteht. Um die Atomkerne von ihren Elektronen zu trennen, sodass sie zu Ionen werden, wird Wasserstoffgas bzw. Kohlendioxid auf extrem hohe Temperaturen erhitzt. In diesem Plasmazustand streifen die positiv geladenen Kerne die negativ geladenen Elektronen ab und können durch elektrische Felder getrennt werden. Im nächsten Schritt kommen die Ionen in die Beschleunigerkette.


Seltene Therapieform. Nach einem Linearbeschleuniger werden die Teilchen im Kreisbeschleuniger mit rund 80 Meter Umfang – untergebracht in einer großen Halle in Wiener Neustadt – durch elektrische Hochfrequenzfelder auf bis zu 75 Prozent der Lichtgeschwindigkeit gebracht. Sobald sie das entsprechende Tempo haben, werden sie zu den Behandlungsplätzen geführt. Dort müssen die Patienten besonders exakt positioniert und fixiert werden – der Ionenstrahl trifft mit einer Präzision von 0,5 Millimeter auf das erkrankte Gewebe.

Diese Therapie hat den Vorteil, dass – anders als bei klassischen Behandlungen mit Röntgen- und Gammastrahlen – die hinter dem Tumor liegenden Organe nahezu völlig geschont werden. Außerdem ist die Ionentherapie besonders geeignet für Tumore, die als strahlenresistent gelten.

Wenn Med-Austron in zwei Jahren in Betrieb geht, wird es eines von nur vier Instituten weltweit sein, die die Ionentherapie anbieten. Erreicht es 2020 seinen Vollbetrieb, sollen hier bis zu 1400 Patienten pro Jahr in Behandlung sein.

Bei der Übergabe der Ionenquelle zeigte sich CERN-Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer beeindruckt von der Anlage: „Med-Austron ist ein Beispiel, wie die Grundlagenforschung am CERN in einem Mitgliedstaat Nutzen für die Gesellschaft stiften kann“, so Heuer. Forschung, wie sie künftig auch in Wiener Neustadt stattfinden soll: Denn neben der Therapie sollen ab 2016 auch nicht klinische Forschungen, etwa im Bereich Strahlenbiologie oder Experimentalphysik, durchgeführt werden.

in Zahlen
200

Millionen Euro
haben Bund, Land Niederösterreich und Wiener Neustadt in die Errichtung von Med-Austron investiert – die Kosten seien „im Plan“, wie es heißt. Das Wissenschaftsministerium schießt außerdem 41 Millionen Euro für begleitende Forschung zu.

160

Arbeitsplätze umfasst Med-Austron mit seinem Vollbetrieb
ab 2020. Mehr als
ein Dutzend Wissenschaftler wurden dafür bereits am CERN ausgebildet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

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1 Kommentare

Du meine Güte!

Gibts dann auch Heilchancen bei Bla.uen Krebs?

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