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Medizin: Hormon für Autismus-Wunderkur?

Autisten – wie dieses Kind im Film „Extremely Loud & Incredibly Close“ (2011) – tun sich schwer bei der Kontaktaufnahme mit anderen Menschen und beim Interpretieren von Gesichtern. / Bild: (c) Warner 

Oxytokin sorgt für soziale Bindungen. Nun soll in großem Stil darauf getestet werden, ob es Menschen mit Problemen beim Sozialbezug hilft.

 (Die Presse)

Eine schnelle („okys“) Geburt („tokos“) verheißt der Name, und das Hormon, das ihn trägt – Oxytokin –, löst das Versprechen ein bzw. die Wehen aus. Man bemerkte es 1906, und kurz darauf zeigte sich, dass die Substanz nicht nur auf die Welt geleitet, sondern dort auch nährt: Es regt die Milchdrüsen zum Produzieren an. Aber der Mensch lebt nicht von Milch allein, und Oxytokin lässt nicht nur sie strömen: Es stärkt auch emotionale Bezüge, zunächst die von Mutter und Kind, später auch die zwischen Erwachsenen. Bei manchen Tieren – Wühlmäusen etwa – fördert es die Treue. Ob das bei Menschen auch so ist, weiß man nicht. Gesichert hingegen ist seit 2005, dass es das Vertrauen fördert: Damals hat der Vorarlberger Ernst Fehr, der an der Uni Zürich an der Schnittstelle von Hirnforschung und Ökonomie arbeitet, Testpersonen via Nasenspray eine Portion Oxytokin verabreicht: Sie wurden vertrauensselig gegenüber Wildfremden.

Spätestens dieses Experiment weckte Hoffnungen bei der „angeborenen Unfähigkeit, den üblichen emotionalen Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen“. So definierte 1943 Leo Kanner, ein Arzt, der aus Österreich in die USA ausgewandert war, den Autismus. Viel mehr über dieses Leiden weiß man noch nicht – Kanner legte es später gefühlskalten Müttern zur Last, noch später schwenkte er wieder zurück zum Angeborenen –, man weiß nicht einmal, wie viele es haben. Und Therapien gibt es kaum, vor allem keine kausalen Medikamente. Wäre nicht Oxytokin, das Hormon des Sozialen, das Mittel der Wahl?

Einmalige Gabe, kurzzeitige Linderung

Erstmals getestet wurde es 2006 an zwei erwachsenen Autisten: Einer zeigte das seltenere Symptom der repetitiven Bewegungen, der andere die allgemeine Schwierigkeit, Emotionen in Gesichtern anderer zu interpretieren. Beides milderte sich nach einmaliger Oxytokin-Gabe kurzzeitig. In einem weiteren Test, den Adam Guastella (Sydney) an Heranwachsenden durchführte, zeigten sich auch Milderungen, leichte. Aber diese Tests arbeiteten mit einer einmaligen Gabe.

Deshalb ist Guastella nun in Langzeittests an Kindern gegangen, denen Oxytokin über Wochen oder Monate verabreicht wird, und dieses Frühjahr sollen mehrere ähnliche große Tests anlaufen. „Es könnte das erste Medikament werden, das die Kernsymptome des Autismus angeht“, hofft etwa Geraldine Dawson, Psychologin und Beraterin der Selbsthilfegruppe Autism Speaks, die diese Tests mitfinanziert. Aber nicht alle sind einverstanden: „Man kann nicht von Versuchen an Erwachsenen, die eine Dosis erhalten haben, einfach so zu Dauerversuchen an Kindern übergehen“, kritisiert etwa Karen Bales (UC Davis). Sie hat bei Experimenten mit Wühlmäusen bemerkt, dass Oxytokin nicht immer das „Hormon der Treue“ ist, sondern auch das Gegenteil fördern kann – es hängt alles an der Dosis (und am Geschlecht). In späteren Experimenten bemerkte sie, dass sich die Wirkung über das Leben hinweg von anfänglich erhöhtem Sozialbezug zu später sinkendem umkehrte.

Zudem kann der durch Oxytokin gesteigerte Sozialbezug – bei Menschen – höchst zweischneidig sein: Er stärkt zwar die Bindungen innerhalb der Gruppe, richtet sich aber gegen die Nichtmitglieder. „Oxytokin stärkt den Ethnozentrismus“, schloss Carsten De Dreu (Amsterdam), der 2011 das Experiment Fehrs wiederholte – und eine Schwäche des Designs bereinigt hatte: Fehrs Testpersonen waren nur Schweizer, bei De Dreu ging es um Niederländer, die über Araber und Deutsche urteilen sollten. Ihnen gegenüber steigerte Oxytokin nicht das Ver-, sondern das Misstrauen.

„Je mehr wir über Oxytokin wissen, desto komplizierter wird es“, urteilt Sue Carter (Research Triangle Park), „es fehlt uns noch viel Hintergrundwissen“ (Science, 339, S. 267). Aber dieses Defizit wollen eben auch die beheben, die nun an Tests gehen, und sie sehen sich im Zugzwang: Der Großversuch wird längst unternommen, inoffiziell und unkontrolliert, von Eltern in den USA. „Vermutlich Tausende gehen in Apotheken und lassen sich Oxytokin-Präparate zusammenstellen“, erklärt etwa Linmarie Sikich (University of North Carolina), die den größten offiziellen Test plant. „Deshalb müssen wir herausfinden, ob es funktioniert oder nicht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2013)

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27 Kommentare
 
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Anwendung von Oxytocin

Förderung der Milchentleerung bei Stillschwierigkeiten oder beim Ab-
pumpen der Brust; sekundäre Hypogalaktie durch Milchstau oder sog.
Schwereergiebigkeit der Brust.


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Lieber Herr Langenbach!

Komplizierte Sachverhalte, die auch noch Wissenhintergrund benötigen, lassen sich nicht in eine Sensationsmeldung verwursten.
gal, wie man es dreht und wendet, es ist und bleibt ein Horror, wassie da zusammenbasteln!
Zum Trost darf ich ih noch sagen, dass ihre KolleginClaudia Richter das auch nicht besser bis dato macht!

Re: Lieber Herr Langenbach!

lieber Herr Aquilo,
bitte sagen bzw. schreiben Sie mir doch,
was Ihnen an meinem Artikel missfällt

2 3

Re: Re: Lieber Herr Langenbach!

alles mißfällt mir!
von vorne bis hinten schwach!
Ich will gar nicht auf die Schreibweise von Oxytocin eingehen..
Als erstes hätte ich eine Einleitung erwartet in der wenigstens ansatzweise erläutert wird, wie Hormone definiert sind, welche Gruppen von Hormonen es gibt, was Hormone von anderen Botenstoffen unterscheidet. Dann hätten Sie eruieren können, wann Oxytocin erstmals gefunden und in seiner Struktur aufgeklärt wurde. Weiter wann dieses Hormon synthesiert wurde. Auch wäre es nett gewesen den bisherigen gesicherten Wissenstand über die Wirkung, über die Regelkreise zu erläutern. Was haben Sie gemacht? Sie haben mit wilden Spekualtionen Sensation verbreitet. Auch wäre vielleicht ein Gespräch mit einem Endokrinologen nicht schlecht gewesen....
Siesollten es vielleicht mit seichten Buchkritiken wie ihre Kollegin Claudia Richter veruchen. Dafür wird man sogar ausgezeichnet!!!

7 0

wird man für unpopuläre aussagen zensiert?


8 0

Sehr oberflaechlich

Wenn es heisst:

"So definierte 1943 Leo Kanner, ..., den Autismus. Viel mehr über dieses Leiden weiß man noch nicht – Kanner legte es später gefühlskalten Müttern zur Last, noch später schwenkte er wieder zurück zum Angeborenen –, man weiß nicht einmal, wie viele es haben. Und Therapien gibt es kaum, ..."

Man weiss heute schon sehr viel ueber dieses Leiden, welchen Effekt es auf verschiedene Bereiche der biochemischen Prozesse im menschlichen Koerper es haben kann. Dass man nich weiss, wie viele menschen daran leiden, ist vielleicht in Oesterreich der Fall, jedoch nicht in den USA oder grossbritanninen. Auch gibt es viele erprobte Therapieformen, die teilweise zum Erfolg fuehren koennen (aber nicht muessen). Es gibt Kinder, die die Symptome des Autismus wieder abgelegt haben (nach diversen Therapien).

Obwohl Autismus nur eine side-show dieses Artikels ist, kann man sehr wohl 5 Minuten in wikipedia investieren, um sich wenigstens ein bisserl zu informieren.

P.S. Obwohl Kanner den Begriff Autismus gepraegt hat, sind seine Thesen schon laengst verworfen...

7 0

Superlative

„Vermutlich Tausende gehen in Apotheken und lassen sich Oxytokin-Präparate zusammenstellen“, erklärt etwa Linmarie Sikich (University of North Carolina), die den größten offiziellen Test plant. „Deshalb müssen wir herausfinden, ob es funktioniert oder nicht.“

Na toll, man will herausfinden, wie etwas funktioniert, weil es häufig verschrieben wird.

meines wissens

heisst das hormon oxytoxin.

2 12

ob Oxytokin, Oxytocin, Oxytozin, Okytokin, tock tock?

das Hormon wird nichts nützen, lol

natürlich kann es Symptome heilen

das Interessante am Autismus ist jedoch, dass diese Krankheit uns mitteilen soll:
Glaubt nicht mehr an genetische, chemische Ursachen, jede Krankheit hat ihren tieferen Sinn und tiefere Ursachen, dh. wäre es möglich dem Autisten Verständnis entgegenzubringen und in seine Welt einzudringen, dann wären seine Motive erkennbar und er einfach durch Mitgefühl heilbar
(das, was der Postmoderne am meisten abgeht, darum nimmt Autismus zu)

das ist wie bei Viagra, es hilft zwar zum Ständer, aber kann es die Liebesfähigkeit erhöhen?


6 0

Re: ob Oxytokin, Oxytocin, Oxytozin, Okytokin, tock tock?

Da Autismus angeboren sein soll, wird es wohl kaum an zu wenig Mitgefühl liegen. Ich hatte einmal eine Gruppe von Autisten kennengelernt, da hatten sich die Eltern und ihre ganze Umgebung hingebungsvoll um diese Kinder gekümmert. Mit Hinwendung dürfte das also nicht zu heilen sein, es ist dann vielleicht lediglich nicht so sehr schlimm.

Fein, dass jetzt zumindest Ansätze gefunden sind, die eine Heilung ermöglichen könnten.

Da Autismus angeboren ist und wenn Sie recht haben, dass es an der Umgebung liegen sollte, dann müsste es sich bei Autismus um eine Mutation des Menschen handeln. Also beispielsweise nach zehn Generationen von Nachfolgern um die sich niemand kümmert folgt dann die Mutation eines Menschen, der sich auch um niemanden kümmert.

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Re: Re: ob Oxytokin, Oxytocin, Oxytozin, Okytokin, tock tock?

"angeboren sein soll" - richtig, der Mensch ist ein Wesen, das jahrzehntelang reifen und sich entwickeln kann, die früheren Jahre sind prägender, wenn nach wenigen Jahren das "angeboren" diagnostiziert wird, kommt das einer Verurteilung gleich, dh. man kann nichts mehr machen

"Hinwendung" und "Kümmern" dürfte in der Tat zu wenig sein, denn der normale Mensch hat ja gar keinen Zugang, man müßte den Autisten erst mal "Verstehen"


2 10

Re: ob Oxytokin, Oxytocin, Oxytozin, Okytokin, tock tock?

hinzuzufügen wäre noch:
die heutige allgegenwärtige erdrückende geistige Dumpfheit verhindert es, dass die so klar ersichtlichen Zusammenhänge im Trüben bleiben:
Autismus ist ein soziales Phänomen

der Wissenschaftler ist zum Schmied des Mittelalters geworden, grob schlägt er auf seinen Amboß, ohne links und rechts zu schauen

Weitblick wäre gefragt (zugegebenermaßen zuviel verlangt lol)


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oxytocin sollte man wenigstens richtig schreiben


Re: oxytocin sollte man wenigstens richtig schreiben

jaj, ich weiß schon, im peudonym fehlt ein s,
da können Sie sich als nächstes darüber ereifern

Re: oxytocin sollte man wenigstens richtig schreiben

keine Sorge,
das ist schon ganz richtig geschrieben so,
es heißt ja tokos und nicht anders

und wenn Sie mir dann noch erläutern, was das "wenigstens" heißen soll,
wäre ich Ihnen schon sehr dankbar,

und wenn Sie sich nicht hinter irgendeinem ridikülen Peudonym verstecken würden, wäre ich Ihnen noch dankbarer

Fachterminologie

Wissenschaftsjournalismus 2.0:
mit der Fachterminologie nicht vertraut sein und dann noch pampig werden

Jeder Fachbereich hat seine eigene Fachterminologie, die Mediziner schreiben "Oxytocin", auch wenn es Altphilologen zuwider ist.

Re: Fachterminologie

ach gottchen, pampig?
fällt Ihnen auch noch ausnahmsweise ein Argument ein,
mit Ihren lustigen zwei Neunen und Nullen

Re: Re: oxytocin sollte man wenigstens richtig schreiben

Der von Ihnen zitierte Ernst Fehr benutzt übrigens auch die Schreibweise "Oxytocin" in seinen Publikationen:

http://www.uzh.ch/news/articles/2011/fremden-vertrauen-dank-oyxtocin.html

Re: Re: Re: oxytocin sollte man wenigstens richtig schreiben

so what?

8 1

Re: Re: Re: Re: oxytocin sollte man wenigstens richtig schreiben

Sagen Sie einmal, sind Sie betrunken?

Re: Re: oxytocin sollte man wenigstens richtig schreiben

Eine Enzyklopädie sagt dazu:
Oxytocin (auch Ocytocin, von (altgriech.) ὠκύς, ōkys „schnell“ und τόκος tokos „Geburt“: okytokos „leicht gebärend“; im Deutschen manchmal auch Oxitozin genannt)

Ihr "Oxytokin" ist also einfach nur falsch.

Re: Re: Re: oxytocin sollte man wenigstens richtig schreiben

was ist da falsch,
sehr geehrter Herr Wallenstein,
okytokos hat hinten ein k,
und darum geht der Streit?

wissen Sie, ich habe lange Jahre "Oxytozin" geschrieben, und mich dann von Lesern, die sich gut im Altgriechischen auskennen, ich tue das nicht, belehren lassen

das härtere Problem liegt vorne,
warum heißt das Hormon nicht Okytokin?

Re: Re: Re: Re: oxytocin sollte man wenigstens richtig schreiben

Herr Langenbach!

Oxytozin, seltene auch Oxytocin, sind die in der Medizin allgemein üblichen Schreibweisen (siehe auch im altehrwürdigen Pschyembel)

Ich habe in meinem ganzen langen medizinischen Leben keine andere Schreibweise für das Hypophysenhinterlappen-Hormon gesehen!

Aber warum schreiben Sie den ganzen Artikel nicht gleich in Altgriechisch?

Re: Re: Re: Re: Re: oxytocin sollte man wenigstens richtig schreiben

Ich bitte allseits um Nachsicht für meinen Ton, der mir doch stark übergeschossen ist

Re: Re: Re: Re: Re: Re: oxytocin sollte man wenigstens richtig schreiben

Na endlich fällt Ihnen das selber auf!

Ich halte es schon für höhergradige journalistische Präpotenz, wenn ein Außenstehender der Fachwelt partout eine neue Nomenklatur aufzwingen will!

Und wenn Sie schon auch gleich die Moralkeule auspacken müssen, so kann man durchaus mit gleicher Münze zurückzahlen und die journalistische Ethik anprangern, die gerade in der Sparte Wissenschaft sehr dazu neigt, Außenseiter ungebührlich zu beweihräuchern und wenig auf Ausgewogenheit der Standpunkte achtet!

Ein Sonderkapitel ist da die "das ist ja ohnehin allgemein bekannt" Klimawndel-Berichterstattung.

Unabhängig davon ist Ihnen zu danken, haben Sie hier doch ein interessantes Thema angeschnitten, wiewohl eine fachlich versierte Korrekturlesung nicht nur der korrekten Schreibweise wegen dem Artikel gut getan hätte !

Re: Re: Re: Re: Re: oxytocin sollte man wenigstens richtig schreiben

Ich danke Ihnen sehr,
sehr geehrter Herr Dr. Stöckl,
Sie sind der einzige, der sich hier nicht hinter irgendeinem idiotischen Pseudonym versteckt,
aber bitte glauben Sie mir: ich habe vor etwa fünf Jahren von Oxytzin auf Oxytokin umgestellt,
weilt Altgriechen mich belehrt haben (vielleicht schlafen die jetzt alle schon und melden sich erst morgen)

altgriechisch schreibe ich den Artikel nicht, wei lich es nicht kann und Sie es auch nicht können,

aber wundern darf ich mich schon, dass es auch Ihnen als Arzt offenbar sehr viel weniger um das Leiden dieser Patienten geht
als um dessen Schreibweise
sehen Sie mir es bitte nach: die ganze Beiträge,
auch Ihrer, kotzen mich an

 
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