Zwei Milliarden für Forschung an Hirn und Kohlenstoff

Die EU gibt grünes Licht für zwei riesige Forschungsprojekte, die radikale Innovationen ermöglichen sollen.

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(c) REUTERS (FRANCOIS LENOIR)

„Im 19.Jahrhundert wollte man das Gehirn durch die Philosophie des Denkens verstehen, im 20.Jahrhundert durch naturwissenschaftliche Reduktion. Die Strategie des 21.Jahrhunderts ist die Integration des Wissens“, pflegt Henry Markram (ETH Lausanne) zu sagen. Was er damit meint: In den letzten Jahren haben rund 200.000 Neurowissenschaftler mehr als fünf Millionen Artikel über die Funktion von Nervenzellen und des Gehirns geschrieben – und dieses Wissen solle in einem Computersystem zusammengefasst werden. Dazu bekommt Markram nun die Gelegenheit: Sein Human Brain Project wurde von der EU als eines von zwei „FET Flagship“-Projekten ausgewählt, die größten jemals in Europa gestarteten Forschungsvorhaben. Für zehn Jahre sind jeweils bis zu einer Milliarde Euro vorgesehen (von der EU, aus nationalen Töpfen und der Industrie).

Kern des Human Brain Projects ist die Simulation des Gehirns im Computer auf Basis der Prinzipien, nach denen sich Nervenzellen in der Natur entwickeln. Markram ist das bereits an einer Säule der Großhirnrinde mit 1000 Neuronen gelungen, sukzessive sollen nun alle rund 100 Milliarden Nervenzellen, die jeweils mit 10.000 anderen verknüpft sind, im Computer erstehen. Das soll die Entstehung kognitiver Fähigkeiten erklären und neue Behandlungsmethoden für neuronale Krankheiten sowie den Bau leistungsfähigerer Computer ermöglichen. Beteiligt sind 87 Organisationen, darunter drei Gruppen aus Österreich: um Neurowissenschaftler Peter Jonas (IST Austria), Informatiker Wolfgang Maas (TU Graz) und Alois Saria (Med-Uni Innsbruck), der das Ausbildungsprogramm (für 500 bis 1000 Doktoranden) leitet.

 

Graphen: Interessante Eigenschaften

Heimische Forscher sind auch am zweiten Flagship-Projekt, Graphen, beteiligt: Thomas Müller erforscht an der TU Wien die optischen Eigenschaften dieses Materials. Graphen ist eine einlagige Schicht aus Kohlenstoffatomen, deren elektronische Eigenschaften jenen aller bekannten Materialien weit überlegen sind. Ihre Entdeckung wurde 2010 mit dem Physiknobelpreis gewürdigt, die Preisträger sind Teil des Konsortiums aus 126 Arbeitsgruppen aus 17 Ländern.

Ziel des FET-Flagship-Programms ist es, Europa in diesen Bereichen an die Weltspitze zu bringen – sowohl in der Grundlagenforschung als auch durch grundlegende Innovationen, die daraus erwachsen. ku

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2013)

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