Mikroskopisch kleine Indizien

02.02.2013 | 18:13 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

Wiener Botaniker nutzen Pollen als kriminalistische Hinweise: Pollenkörner haften an Verdächtigen und Opfern für lange Zeit. Nun werden auch Innenräume auf Pollen untersucht.

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Pollen ist überall, Pollen hält (fast) alles aus. Ein Pollenkorn, das 20 Millionen Jahre alt ist, erkennt man unter dem Mikroskop immer noch: Es ist nur ein bisschen verrunzelter als das frische Pollenkorn, aber eindeutig zu seiner Pflanzengattung zuordenbar. Kocht man Bodenproben in Salzsäure oder noch aggressiveren Gemischen, wird Pollen nicht zerstört. „Der erste Fall, bei dem wir die Zusammenarbeit mit der Polizei begonnen haben, war 2009 bei Haag: Da fanden zwei Jäger eine Babyleiche in einer Schachtel, das Baby war in ein T-Shirt gewickelt und auf Heu gebettet“, erzählt Martina Weber. Sie hat das ungewöhnliche Gebiet der „forensischen Palynologie“ wieder nach Österreich gebracht, seit 2007 betreut sie die kleine Arbeitsgruppe.

Weltweit existieren nur wenige Experten, die Pollenkörner (und Sporen von Farnen, Moosen und Pilzen) zur kriminalistischen Aufklärung verwenden. Die führenden Nationen sind Neuseeland und Großbritannien. In diesen Ländern werden Pollenanalysen seit über 20 Jahren forensisch eingesetzt. Von Dallas Mildenhall (NZ) und Patricia Wiltshire (GB) haben die Forscher am Biodiversitätszentrum der Uni Wien nun das Handwerk gelernt.


In der Fritteuse. In Fernsehserien wie „CSI“ sieht das allerdings viel spektakulärer aus, wenn mikroskopisch kleine Fundstücke bei der Aufklärung von Verbrechen helfen. In Wahrheit nutzen die Botaniker eine umgebaute Fritteuse zur Aufbereitung der Pollenproben: Nach acht Minuten Kochen in einem Essigsäure/Schwefelsäure-Gemisch ist nichts mehr darin, außer der stabilen Wand der Pollenkörner (stabil gegen mechanische und chemische Einflüsse). „Es heißt übrigens nie ,die Pollen‘, sondern Pollen ist wie Schnee ein Mehrzahlwort: Der Pollen besteht aus den Pollenkörnern wie der Schnee aus den Schneeflocken“, klärt Weber auf. Die Pollenwand besteht aus „Sporopollenin“, dessen molekulare Struktur bisher noch nicht völlig geklärt ist (es kommen langkettige Fettsäuren und Phenole darin vor).

Die Pollenwand ist architektonisch wie ein Haus aufgebaut: Boden, Säulen und Dach schützen das männliche Erbgut der Pflanze im Pollenkorn vor äußeren Einflüssen. Nach der „Acetolyse“ im Fritteusebad wird das Pollenmaterial auf Glasplättchen gestrichen und mikroskopiert. Dabei werden die Pollenkörner identifiziert und gezählt: Die braunen Pollenhüllen kommen in verschiedensten Formen und Größen vor, jede Pflanzenart hat ihre charakteristischen Merkmale, sodass man von den Pollenkörnern einer Probe auf die dazugehörigen Pflanzen bzw. Vegetation schließen kann.

„Wir erkennen sehr schnell, aus welcher Jahreszeit eine Pollenprobe stammt, weil wir die Blühsaison gut zuordnen können“, sagt Weber. Im Fall der Haager Babyleiche analysierte ihr Team das Heu aus der Schachtel und fand darin viel Graspollen, Pollen verschiedener Korbblütler, Farnsporen sowie Pilzsporen, die typisch für abgepacktes Heu sind (das im Kunststoff gärt). Auch Eichenpollen wurde entdeckt, woraufhin der Tipp an die Kriminalisten gewesen wäre, nach Eichenhainen in der Umgebung Ausschau zu halten.

Doch die Polizei hatte den Fall damals schnell gelöst: Eine 15-jährige hatte das Baby unter dramatischen Umständen entbunden und getötet. „Wir haben anschließend das Heu, das bei dem Mädchen im Zimmer gefunden wurde, mit dem aus der Schachtel verglichen: Es zeigte sich die gleiche Pollenzusammensetzung“, sagt Weber. Bei der Zusammenarbeit mit der Polizei geht es auch darum, die Pollenproben so korrekt wie möglich zu sammeln. Schnell kann es zu Verunreinigungen kommen. „Am liebsten ist uns, wenn wir selbst vor Ort sind. Denn Botaniker halten schon bei der Anreise Ausschau nach blühenden Pflanzen, die für diesen Ort typisch sind“, verrät Weber. Wichtig ist, dass die Proben am Tatort bzw. Fundort schnell genommen werden: Regengüsse, Windstöße oder neu aufblühende Pflanzen können die Zusammensetzung des Pollenprofils rasch verändern.


Haare, Kleidung, Schuhe.
Pollenkörner sind mikroskopisch klein: Vom kleinsten (Vergissmeinnicht-Pollenkorn) passen 200 auf einen Millimeter. Vom größten, dem Kürbis, passen fünf Pollenkörner auf einen Millimeter. „Etwaige Verdächtige haben keine Ahnung, dass sie auf Schuhen, Kleidung, Haaren und Autoreifen Pollen vom Tatort mitnehmen. Sogar nach mehrmaligem Wäschewaschen ist Pollen noch in Textilien zu finden“, sagt Weber.

Denn Pollen ist in großen Mengen vorhanden: Schwedische Forscher haben errechnet, dass alle Fichten aus Schweden insgesamt pro Blühperiode circa 75.000 Tonnen Pollen produzieren, die vom Wind vertragen werden. Neben „windblütigen“ Pflanzen gibt es auch „tierblütige“, die bei der Bestäubung auf Bienen, Fliegen, Käfer oder Vögel setzen: Sie produzieren weniger Pollen, ihre Pollenkörner sind für Tatorte umso aussagekräftiger, da die Verbreitung viel enger um die Pflanze ist als bei „Windblütlern“.

So berichtet Weber von einem Fall, bei dem der Alibi-Ort nur sechs Meter vom Tatort entfernt war. Forensische Pollenforscher konnten nachweisen, dass der Täter direkt am Tatort gewesen sein muss, da er dort an einer insektenblütigen Pflanze angestreift war.

„Doch Pollen gibt es nicht nur im Freiland“, sagt Weber. In einem aktuellen FWF-Projekt soll erkundet werden, wie lang man die Pollenzusammensetzung einer Wohnung noch an den Schuhen von Leuten erkennen kann, die diese Wohnung betreten haben.


70 Paar Schuhe.
Versuchsort ist die Wohnung des Dissertanten Philipp Preusche, Versuchsobjekte sind 70 Paar neu gekaufte Schuhe und Staubtücher. Preusche möchte einerseits den aktuellen jahreszeitlichen Pollenstatus in der Wohnung ermitteln: Schließlich wird beim Lüften und Betreten der Wohnung auch Pollen aus der Umgebung eingetragen. Preusche wischt die Wohnung nach vorgegebenem Zeitplan alle paar Tage mit dem Staubtuch, das dann im Labor analysiert wird. Andererseits versucht er mittels zusätzlicher Zimmerpflanzen, das Pollenmuster in der Wohnung zu verändern. Dafür sorgen blühende Zimmerpflanzen wie Einblatt (Spathiphyllum) und Clivien (keine windblütigen, damit die Pollenstreuung enger ist).


Simulierter Einbruch. Für die eigentlichen Versuche schreitet Preusche in regelmäßigen Abständen mit den nagelneuen Schuhen sechs Minuten lang durch die Wohnung. Ein Paar verschweißt er sofort luftdicht, ein zweites Paar lässt er nach der Wohnungsbegehung an und geht damit im Park spazieren oder fährt mit der S-Bahn oder dem Auto ins Labor am Rennweg.

Dort werden beide Paare (mit pollenfreiem destillierten Wasser) gewaschen, der Pollen wird isoliert, acetolysiert und mikroskopiert. „Der Vergleich soll zeigen, ob sich auf den Schuhen das typische einzigartige Pollenmuster der Wohnung wiederfindet und wie lange nach weiterer Benutzung der Schuhe das Pollenmuster noch auffindbar ist“, erklärt Weber.

Die Botaniker hoffen, eine neue Methode zu etablieren, die nach Einbrüchen beweisen kann, dass der Dieb in einer Wohnung war, auch wenn das Diebesgut nicht gefunden wird. Bisherige Ergebnisse sind vielversprechend, das Projekt läuft bis 2015, spätestens dann sind konkrete und statistisch abgesicherte Aussagen möglich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)

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