Ein integrer Verteidiger von Recht und Moral

14.02.2013 | 18:23 |  NORBERT MAYER (Die Presse)

Ronald M. Dworkin (1931-2013) zählte zu den hervorragendsten Rechtsphilosophen der USA. Sein Geist war an Immanuel Kants Vertrauen in die Vernunft geschult. Am Donnerstag ist er in London gestorben.

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„Was ist Gleichheit?“ lautet der programmatische Titel einer Essaysammlung (Suhrkamp-Verlag, 2011) von Ronald Myles Dworkin. Im englischen Original summierte der bedeutende Philosoph aus den USA, der am Donnerstag starb, diese für sein Denken zentralen Texte unter dem Titel „Sovereign Virtue“ (2000). Es ging dem Professor, der an der New York University und dem University College London Rechtswissenschaft und Rechtsphilosophie lehrte, um Tugenden. Er entwickelte in diesem Buch die Theorie der Ressourcengleichheit: Eine Gesellschaft ist dann gerecht, wenn die Mittel in ihr gleich verteilt sind. Das ist ein schöner, ein tugendhafter Gedanke, wie er von einem energischen, angriffslustigen Kritiker des Rechtspositivismus zu erwarten ist, dessen Philosophie sich an Immanuel Kants Vertrauen in die Vernunft orientiert.

Ein weiterer Schlüsselbegriff dieses Moralisten, der Schule gemacht hat, ist die Integrität: „law as integrity“. Recht umfasst demnach nicht nur kodifizierte Regeln, sondern allgemeine Prinzipien. Wesentlich ist für ihn, dass alle Menschen als gleich anerkannt werden, sie haben Anspruch auf Rücksicht und Respekt. Recht und Moral sind untrennbar verbunden. Das wird in „Taking Rights Seriously“ (1977) betont. Bürgerrechte, ziviler Ungehorsam sind für Dworkin bei guten Argumenten nachvollziehbar, Widerstand ist in einer pluralistischen Gesellschaft legitim, wenn er dem Verantwortungsbewusstsein entspringt. In dieser Philosophie hat Gewissen einen hohen Stellenwert. Dworkin setzte sich auch für Palliativmedizin ein, für mehr Toleranz in der Frage der Abtreibung. Meinungsfreiheit war für ihn sakrosankt. Zensur sei immer totalitär.

Was also macht das Wesen von Gleichheit aus, die sogar die Freiheit beschränken kann? Dworkin fordert von einer idealen Gesellschaft, dass sie das Prinzip der Gleichheit aktiv durch sozialen Ausgleich schafft. Zwei Prinzipien sind ausschlaggebend: Es gibt ein Recht auf Erfolg, auf ein nicht vergeudetes Leben, zugleich aber, und dieser zweite Satz nimmt die Autonomie ernst, ist die Verantwortung dafür nicht delegierbar. Dieser Liberalismus ist wertgebunden.

Dworkin dachte verantwortungsvoll. Er hat die denkbar beste Ausbildung genossen. In Harvard und in Oxford erhielt er Bachelor-Grade, studierte am Magdalen College und an der Harvard Law School. Nach einem Zwischenspiel als Anwalt in New York City lehrte er erst in Yale, dann erhielt er renommierte Lehrstühle in New York und London. Seine Beiträge zum öffentlichen Diskurs in der „New York Review of Books“ waren anregend, frisch, legendär. Der Fellow der British Academy und der American Academy of Arts and Science erhielt eine Fülle von Auszeichnungen, unter anderem 2007 den Holberg-, 2012 den Balzan-Preis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2013)

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1 Kommentare
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Ja wovon plappern denn die Linken sonst?

"...zugleich aber, und dieser zweite Satz nimmt die Autonomie ernst, ist die Verantwortung dafür nicht delegierbar. Dieser Liberalismus ist wertgebunden."

Katastrophal: wie könnten sie denn solche Menschen an der Nase rumführen?

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