Medizin: Neue Diagnosen schaffen neue Psycholeiden

20.03.2013 | 18:11 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Millionen Menschen, die gesund sind oder kleine Ticks und Zipperlein haben, könnten durch eine Neuauflage eines Krankheitenkatalogs zu psychisch Kranken werden, etwa Nägelbeißer oder Frauen mit wenig Lust auf Sex.

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Kein Mensch ist gesund, es sind nur alle noch nicht genügend untersucht.“ Das ist ein alter Internistenwitz, er wird wohl bald in der Realität an der Psychofront überboten, das fürchtet zumindest Allen Frances, emeritierter Psychologe der Duke University: „Wenn die neue Diagnose kommt, bringt sie das Risiko, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung als psychisch krank gelten wird.“ Die Diagnose heißt „somatic symptom disorder“, und kommen wird sie in der Bibel der Psychiatrie, dem „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM) der American Psychiatric Association APA.

Dieses Handbuch für Diagnosen – und Definitionen – psychischer Leiden wurde 1917 erstmals erarbeitet, vom Vorläufer der APA, es umfasste 22 Krankheitsbilder. Die erste Fassung kam 1952, sie wird alle zwanzig Jahre überarbeitet. In der vierten Fassung aus dem 1994 waren es 297 Krankheitsbilder. Frances war Chef einer APA-Arbeitsgruppe, sie prüfte 94 Anträge auf neue Diagnosen/Leiden, ganze drei ließ sie durch: Asperger (eine mildere Form des Autismus), ADHA (auf Deutsch ADHS, „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom“) und „childhood bipolar disorder“ (Letzteres früher: manisch-depressiv).

Daraufhin schnellten die Zahlen hoch: „Bei Asperger hatten wir erwartet, dass drei oder vier Prozent mehr Fälle diagnostiziert werden“, berichtet Frances: „Nie hätten wir uns träumen lassen, dass es von einem Fall auf 1000 Personen in den USA auf einen auf 88 gehen würde und auf einen auf 38 in Korea. Ähnlich war es bei der „childhood bipolar disorder“, die Fälle vervierzigfachten sich, gar nicht zu reden von der Diagnose ADHS, mit der nun weltweit Zappelphilippe pharmakologisch ruhiggestellt werden.

 

Mehr als zwei Monate Trauer? Depression!

„Alles was als Diagnose in das DSM eingeht, kann auch missbraucht werden“, schließt Frances. Missbraucht, von wem? Von der Pharmaindustrie, aber auch von Ärzten, die mit der Entdeckung neuer Leiden in die Annalen eingehen wollen, zumindest in die der APA: In deren Neufassung sollen etwa chronische Nägelbeißer unter die psychisch Kranken eingereiht werden („pathological grooming habits“); wer leicht irgendwo etwas vergisst, kommt in die „leichte kognitive Störung“; und wer um einen verstorbenen geliebten Menschen länger als zwei Monate schwer trauert, schlicht trauert, wird Kandidat für eine „major depression“.

Auch überschüssige Freude am Essen wird bald als „binge eating“ und damit als Psycho anerkannt – „Fressgelage-Störung“ –, und wenn eine Frau nicht genug oder gar keine Freude am Sex hat, dann leidet sie an irgendeiner der Female Sexual Arousal and Female Orgasm Disorders (FSD). Darauf hat Tamara Kayali, Herausgeberin der Bioethics Dissertation Reviews, hingewiesen, und auf den möglichen Hintergrund auch: Nach dem Erfolg mit Viagra wandte sich die Pharmaindustrie der Hebung der weiblichen Lust zu, inzwischen gibt es Hoffnung, ein Nasenspray auf Testosteronbasis.

Kayali bat Frances, die FSD in die lange Liste der Leiden aufzunehmen, die er aus DSM-5 herausreklamieren will – noch wird im Hintergrund gerungen, die Liste kommt im Mai –, aber die Aussichten sind gering. Frances war wieder Leiter einer Arbeitsgruppe, er hat die Funktion unter Protest zurückgelegt und versucht nun, über die Öffentlichkeit Einfluss zu nehmen, dabei thematisierte er die bisher genannten Beispiele. Ohne Erfolg. Nun hat er noch einen Vorstoß unternommen, im British Medical Journal (19.3.), dabei geht es um etwas, was alle Schleusen öffnen könnte, die eingangs erwähnte „somatic symptom disorder“, also die „somatische Symptom-Störung“.

 

Grenzenlos: Somatische Symptom-Störung

Diese Leiden gab es auch früher, sie hießen „somatoforme Störungen“ und betrafen das Durchschlagen von Ängsten auf das körperliche Wohlergehen. Aber nun werden die Krankheitsbilder einerseits erweitert auf „dysfunktionale Gedanken, Gefühle oder Verhaltensweisen“. Auf der anderen Seite werden die Kriterien aufgeweicht, ein zentrales entfällt: Bei „somatoformen Störungen“ mussten die Symptome „medizinisch unerklärt“ sein, d.h. Ärzte mussten für die körperlichen Symptome erst einmal körperliche Ursachen suchen. Das entfällt nun, das körperliche Unbehagen muss nur noch das Alltagsleben beeinträchtigen, mindestens sechs Monate lang, es muss zudem von hoher Angst über das Symptom begleitet sein oder generell von großer Sorge um die Gesundheit: „Eine Fehlanwendung dieser vagen Kriterien“ – englisch: catch-all criteria – „könnte Millionen Menschen falsch kennzeichnen, vor allem Frauen, die leicht als Katastrophistinnen wahrgenommen werden, wenn sie somatische Symptome präsentieren.“

Zudem fürchtet Frances den Zusammenbruch der ohnehin fragilen Grenze zwischen organischen und psychischen Leiden. Allerdings erwägt auch er nicht, dass Angst bzw. ihr somatisches Durchschlagen auch gute bzw. böse Gründe haben kann, denen nicht grundsätzlich mit Therapien begegnet werden muss, sondern zuvor mit Handeln, Flucht etwa oder Gegenwehr. Aber davon abgesehen erinnert Frances an Thomas Szasz, einen Psychologen, der mit Kritik an seiner Zunft nicht zurückhaltend war und 1997 einen Aufsatz publizierte: „Die Herstellung des Irrsinns. Eine vergleichende Studie der Inquisition und der Bewegung für geistige Gesundheit“. Daraus zitiert Frances: „Wenn ein Arzt in alten Zeiten keine natürliche Krankheit finden konnte, erwartete man, dass er Hexerei fand. Wenn er heute keine findet, erwartet man, dass er eine psychische Krankheit diagnostiziert.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2013)

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54 Kommentare
 
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Die hier aufgezeigte Problematik hat nich zuletzt die WHO zu verantworten!

Zu allererst ist ihre Definition von Gesundheit völlig daneben, nämlich Gesundheit ist Freiheit von jeglichen somatischen, psychischen und sozialen Beeinträchtigungen !!!

Brave New World

Nur noch die Schlimmen dürfen dorthin.

Nix für die Braven.

das ROT/GRÜN Stricherlsystem


ist geknackt worden!

Da sind wir mittendrin.

Und nicht nur bei psychischen, sondern auch bei physischen Krankheiten.
Seit einigen Jahrzehnten wird ein regelrechter Kult ums Kranksein betrieben. Der geht aber nicht nur von denen aus, die finanziell davon profitieren, sondern auch von denen, die dann als arme Hascherl im Mittelpunkt stehen.
Zahlen müssen wir das alle.

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Einfach das Psychologen-Geschwätz ignorieren

Ein Psychologe ist nichts anderes wie jemand der Geld dafür verlangt, dass er Leuten die gerne schwätzen dabei zuhört und ihnen bestätigt wie arm und krank sie doch sind. Das mag so wie der Placebo-Effekt, wo nutzlose Medikamentimitate bei manchen eine Heilung bringen, weil sie von der Wirkung überzeugt sind, dem einen oder anderen neurotischen Schwätzer helfen und irgendwelche hypochondrischen Leiden lindern. Es ändert jedoch nichts daran, dass Psychologie an sich ähnlich wissenschaftlich ist wie Kartenlegen und Horoskope erstellen.

Wer wirklich einen ordentlichen Knacks im Oberstübchen hat, gehört zum Psychiater. Der ist ausgebildeter Arzt und kann mit wirkungsvollen Medikamenten helfen. Psychologie ist hingegen nichts anderes wie das althergebrachte "Zuhören" bei kommunikationsbedürftigen Menschen als Wissenschaft zu verbrämen.

Re: Einfach das Psychologen-Geschwätz ignorieren

Genau so ist es, bzw. war es bisher! Langsam entwickelt sich jetzt aber eine wissenschaftlich fundierte Psychologie auf Basis einer naturwissenschaftlichen Hirnforschung.

Langenbach ist wiederum der Vorwurf zu machen, daß er hier die Psychiatrie, die eigentlich für die Diagnose und Therapie von psychischen Erkrankungen zuständig ist, nicht sauber von der Psychologie, die bestenfalls eine Lebensberatung sein kann, trennt !!!

Oh mein Gott

Ich hatte ein Famulatur auf der Psychiatrie, wo wir auf die Chirurgie gerufen wurden wegen "Verdachts auf eine schwere depressive Phase" bei einem Patienten.
Dieser Patient hatte als Radfahrer einen schweren Unfall, bei welchem mehrere Personen starben und er selber 2 Wochen im Koma lag und man ihm mitteilen mußte, dass seine Frau bei dem Unfall getötet wurde.
Die Untersuchung des Psychiaters war nach 3 Tagen. Ich fragte dann die Ärztin und die sagte: "Natürlich! Früher hat man dem Menschen 1 Jahr Trauerzeit eingeräumt und heute machen wir sie Krank." Denn selbst wenn sie nicht Gläubig sind haben die Kirchen mit ihren Seelenmessen ein System mit der Situation umzugehen, wo die Psychologen immer noch dran arbeiten.
Diagnose ist wenn einem nichts anderes einfällt F43.- nach ICD-10 "Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen"

Es hat System.

Wer dann das System kritisiert.

Landet ganz leicht in der geschlossenen Anstalt.

Sind sie dann auch noch Traurig... na dann prost...

Endlich Opfer der Schasologie

Nach langem Ausprobieren riechen meine Schase jetzt so, dass der Arzt mich krank geschrieben hat. Ich hoffe, dass die Pharmaindustrie bald mit einem Medikament
Abhilfe schaffen kann, selbstverständlich auf Krankenkasse. Außerdem begrüße ich sehr, dass NGOs von Zara bis zur Caritas die Politik bereits mit Forderungen bombardieren, einen Lehrstuhl für Schasologie zu errichten.

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Nix Neues

Im Grunde nix neues, jeder ist auf die eine oder andere Weise "gestört", und das ist gut so. Damit wird verhindert das wir alle wie ein Ei dem anderen gleichen... das als Krankheit zu verkaufen ist wohl der größte Pharmaschme den ich je gehört habe, naja solange sie uns Medikamente dagegen verkaufen können machen die wohl alles...

Hat da noch niemand die Strategie der Psycho`s...

.... geschnallt?
Die haben von den Juristen gut gelernt!
Ein Thema so aufblasen, dass es Niemand mehr versteht (nicht einmal sie selbst), denn das sichert den Beruf - und das fette Knödel das da rollt - gut ab.

Re: Hat da noch niemand die Strategie der Psycho`s...

Die Juristen haben das nicht erfunden, diese Vorgangsweise ist viel älter. Hohepriester, Schriftgelehrte udgl haben schon seit Menschengedenken mit (Geheim)Wissen brilliert und das gemeine Volk für deppert angesehen. Ihr Wissen haben sie ausschließlich an einzelne Auserwählte weitergegeben und sich so vom Pöbel (höchst lukrativ natürlich) abgehoben... ;-)

Nehmen sich selbst nicht ernst

Alle 5-7 Jahre werden DSM und ICD wesentlich umgeschrieben.

Mit einem Tag sind dann psychische Krankheiten nicht mehr existent und andere entstehen.

Re: Nehmen sich selbst nicht ernst

müssen sie ja tun, denn da winkt ja Kohle; diese sinnlosen "Bücherl" werden ja mit erfundenen Psychowehwehs immer dicker und teurer!

Die Deppendoktorlobby

wird gewiss keine Ruhe geben, bevor nicht wirklich jeder einen an der Klatsche hat, damit er lukrativ behandelt werden kann.

Und dass, um dieses Ziel zu erreichen, keine Kosten und Mühen gescheut werden sieht man gut daran, dass offenbar sogar das Forum hier gehackt wurde, um so richtig Strichl-PR betreiben zu können.

Aber man muss das verstehen. Es rüsten ja jedes Jahr tausende neue Seelenklempner von den Universtäten ab und die Pharmaindustrie sorgt nur dafür, dass die auch alle ihr Auskommen haben - als Pharmavertreter ... ;-)

Re: Es rüsten ja jedes Jahr tausende neue Seelenklempner von den Universtäten ab.

Psychotherapie / klinische und Gesundheitspsychologie sind (sehr teure) Ausbildungen, die man sich selbst finanzieren muss.

Sie wird nicht (!) an öffentlichen Universitäten angeboten.

Sie verwechseln das mit dem Psychologie-Studium - das nicht zur therapeutischen Behandlung berechtigt.

---

Auf die sehr problematischen Diagnose-Schemata haben die Psychotherapeuten kaum Einfluß.

Re: Die Deppendoktorlobby

Tja, jetzt soll es auch die Psychotherapie auf Krankenschein geben!
Hurra! Jetzt ist das sichere Einkommen in trockenen Tüchern!

Ob dann allerdings auch die armen Teufel die es echt geputzt hat eine gute Behandlung bekommen ist fraglich.

Ein par bunte Tabletterln heilen da Niemand. (bringen aber viel Geld).

hoffentlich

hat hier schon jeder seine diagnose. wenn noch nicht-bitte schnell zu einem arzt.

jeder hat

inzwischen zuviel cholesterin und einen zu hohen blutdruck- d.h. alle sind krank. erwerbsloses grundeinkommen vermeidet jedenfalls einen gefährlichen berufsstress. wäre doch ein wahlkampfthema. in zypern wären auch die steuerabgaben gut verzinst.

früher

war die Welt noch in Ordnung, da gab es 6!!!!! psychiatrische Erkrankungen....

heute ist jedes Wehweh ein Leiden, das jahrelang therapeutisiert werden muss, es gab auch die Meinung, mehr als 10 Therapiestunden sollen nicht sein, es wirke nur eine Psychotherapie die selbst bezahlt wird!

Allerdings gut bei den angeblichen Psycholeiden, nach einigem Simulieren winkt die Invaliditätspension.....

Nicht umsonst wäre der Postler Postl in Ostdeutschland Chef der forensischen Psychiatrie geworden...

legt den Psychofritzen /innen das Handwerk!!


Re: früher

heute

Heute fälscht ein hochbezahlter Gerichtsachverständiger für Psychologie sein Gutachten zum Nachteil des Probanden!
NIX mit Berufsunfähigkeitspension!
Mach dich klug bevor du postest!

Nur weil ich Paranoia habe,

heißt das noch lange nicht, dass ich nicht verfolgt werde.

Die wirklich kranken -

Sind die Psychologen!

Re: Die wirklich kranken -

Da liegen Sie gar nicht so weit daneben......

Re: Die wirklich kranken -

Da liegen Sie gar nicht so weit daneben......

Re: Die wirklich kranken -

Da liegen Sie gar nicht so weit daneben......

 
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