Brachte der Regen das Farbsehen?

Koboldmakis konnten früh drei Farben unterscheiden – Rot, Grün, Blau –, sie brauchten das in ihrem verhangenen Zwielicht. Als es klarer wurde, gaben sie Rot auf.

Koboldmaki
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Koboldmaki – Reuters

Sie haben die größten Augen von allen Säugetieren, natürlich nur relativ, denn sie sind 20 Zentimeter kleine und 130 Gramm leichte Zwerge, die Koboldmakis, die auf südostasiatischen Inseln leben. Aber ihre Augen sind riesig, die Äpfel haben einen Durchmesser von etwa 16 Millimeter und damit mehr als das Gehirn. Und diese Augen haben noch eine Besonderheit, sie haben kein Tapetum lucidum, das ist eine reflektierende Schicht im Auge, die das Leben bzw. Jagen in der finsteren Nacht erleichtert.

Aber auch Koboldmakis leben in der finsteren Nacht, dann sind sie – sie sind als einzige Primaten reine Fleischfresser – hinter ihrer Beute her, Insekten vor allem. Deshalb sind ihre Augen so groß, und deshalb können sie auch keine (drei) Farben unterscheiden, sie haben keine Trichromatie, sehen kein Rot, sondern nur Grün und Blau. Sie oder ihre Ahnen haben also irgendwann abgelegt, was andere Wirbeltiere früh erworben haben und was viel einfachere Tiere noch früher entwickelten, eine Vielzahl von Opsinen, das sind Sehpigmente, die älter als das Sehen sind. Man hat sie schon in Seeigeln gefunden, die haben keine Augen haben und keinen Kopf, also auch kein Gehirn, das Sinneseindrücke verarbeiten könnte. Aber Opsine haben sie, man vermutet, dass die zunächst Detektoren nicht für Licht, sondern für anderes waren (Science, 339, S.754).

 

Außer uns sehen nicht viele Rot

Wie auch immer, später wurde das Repertoire auf das Sehen ausgebaut und erweitert, manche Amphibien, Fische, Reptilien und Vögel arbeiten gar mit vier verschiedenen Opsinen, wir und die anderen Altweltaffen – und die Brüllaffen der Neuen Welt – sind trichromatisch, alle anderen Säuger sehen kein Rot. Die Makis tun es auch nicht, heute. Aber in ihren Genen deutet viel darauf, dass ihre ersten Ahnen – sie kamen vor etwa 56 Millionen Jahren – auch trichromatisch waren und diese Fähigkeit später wieder aufgegeben haben. Das hat Shoji Kawamura (Tokio) nun bemerkt, und er hat sich damit ein Problem eingehandelt: Warum manche Affen Trichromatie entwickelten, ist nicht ganz geklärt, vermutlich ging es um das Erkennen von Früchten im Wald, vermutlich auch um sexuelle Signale.

Mit Sicherheit ging es natürlich um Licht. Die Säuger, die zuzeiten der Saurier lebten, wichen aus in die Nacht, aber als die Saurier weg waren, lockte der Tag. Und so kodifizierte man bisher auch die Geschichte des Sehens: große dichromatische Augen gleich Nacht, kleine mehrchromatische gleich Licht. Nun hatten aber die frühen Makis große und mehrchromatische, wie das? Kawamura hat nur eine Erklärung, er weiß, dass sie eine „Spekulation“ ist, sie läuft über die Umwelt des Lichts (Proc. Roy. Soc. B., 27.3.): Als die Makis kamen, hingen ihre Habitate viel stärker voller Regen als heute, mitten in der Nacht war überhaupt nichts zu sehen.

Besser wurde es nur im Zwielicht der kommenden/gehenden Dämmerung. Aber auch dann dämpfte der Regen die Sicht auf die nicht leicht detektierbare Beute, Insekten, die oft regungslos irgendwo sitzen. Deshalb mussten die frühen Augen alles aufbieten. Und konnte die Farbe Rot wieder aufgeben, als die Regen schwächer wurden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2013)

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