Als Maria Magdalena die Mutter Jesu war

Das "Luxuswunder" auf der Hochzeit zu Kana war keins, beweist der Theologe Hans Förster. Er untersucht die koptische Überlieferung des Johannesevangeliums, die Überraschendes birgt – vielleicht sogar Indizien, wann das Evangelium entstand.

Maria Magdalena Mutter Jesu
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Jesus – (c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)

Spätestens seit Dan Brown weiß die Welt, dass Maria Magdalena angeblich mit Jesus verheiratet war. Jene, die das behaupten, berufen sich auf gnostische Apokryphen wie das sogenannte Philippusevangelium, das 1945 in Ägypten gefunden wurde. In christlichen Schriften aus Ägypten findet man aber auch eine andere Variante: nämlich dass Maria von Magdala identisch mit Maria, der Mutter Jesu, war.

Bibellesern ist der Gedanke fremd. Allein schon die Stelle im Johannesevangelium, an der Maria und Maria Magdalena unter dem Kreuz stehen, schließt das aus. „Aber es gibt eine Reihe von koptischen Texten, in denen Maria von Magdala eindeutig mit Maria aus Nazareth, der Mutter Jesu, identifiziert wird“, sagt der Theologe Hans Förster von der Uni Wien. Zum Beispiel einen Pergamentkodex aus dem 9./10. Jahrhundert, der die Geschichte von Maria von Magdala am leeren Grab aus dem Johannesevangelium erzählt – allerdings anders, als wir sie kennen.

Jesus als „mein Sohn“. Im griechischen Text begegnet die Frau einem Mann, den sie für den Gärtner hält. Sie sagt: „Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.“ In der koptischen Handschrift sagt sie: „Wenn du meinen Sohn weggenommen hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast ...“

Förster ist bei einem vom österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) unterstützten Projekt auf diesen Text gestoßen. Er untersucht die koptische Überlieferung des Johannesevangeliums, speziell die ältesten Varianten in sahidischem Dialekt. Warum wurde aus Maria Magdalena bei den ägyptischen Christen die Mutter Jesu? Darüber kann auch Förster nur spekulieren. „Hat die Namensgleichheit dazu geführt? Wollte man die Rolle der Maria Magdalena abwerten? Oder bezeugt dies vielleicht mehr eine besondere Hochschätzung für die Mutter Jesu? Jedenfalls scheint der Schreiber es vermutlich aus einer Predigt so verinnerlicht zu haben, dass er beim Kopieren eines koptischen Textes das Wort ,ihn‘ durch ,meinen Sohn‘ ersetzt hat.“

Die koptische Überlieferung des Johannes-Evangeliums setzt im 4. Jahrhundert ein. „Manche Handschriften bestehen aus Fragmenten, die über die ganze Welt verstreut sind“, sagt Förster. Er genießt die Digitalisierung. „Früher hatte ich 40 Mikrofilme, jetzt kann ich mir die Handschriften virtuell in einem Ordner zusammenstellen. Auch die Bildauflösung ist phänomenal, oft erkennt man mehr als mit freiem Auge vor dem Original. Wir können eine Vergrößerung erreichen, für die wir früher ein Mikroskop brauchten.“

Was erhofft sich Förster vom Projekt? Zunächst: „Der Text hat die damalige Kultur in Ägypten geprägt. Man kann daran erforschen, wie das Johannesevangelium in Ägypten rezipiert wurde. Hat der Übersetzer Sachen anders gemacht als im Original, und wenn ja, warum – aus sprachlichen, aus inhaltlichen Gründen? Und war das Johannesevangelium eher ein fixer Text oder wurde er in verschiedensten Varianten überliefert?

Spuren zu verlorenen Texten. Noch spannender: Welche Vorlagen verwendete der Übersetzer? „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die koptische Überlieferung auch verlorene griechische Varianten des Johannesevangeliums bezeugt. Die Übersetzung in das Koptische begann schon Ende des zweiten Jahrhunderts. Deswegen können auch späte koptische Handschriften etwas über frühe Texte aussagen, die den Übersetzungen zugrunde lagen. Die handschriftliche Überlieferung des griechischen Textes des Neuen Testaments beginnt zwar früher, setzt aber in großem Stil erst zu Beginn des 4. Jahrhunderts ein.“

Können die koptischen Übersetzungen vielleicht sogar helfen, ein Rätsel zu lösen, das die Forschung seit Jahrhunderten beschäftigt? Die Frage, wann das Johannesevangelium entstanden ist, entzweit die Bibelwissenschaft. Später- und Früher-Datierer stehen seit Jahren unbeweglich in Pattstellung. Försters Hoffnung, dass sich in koptischen Handschriften Indizien finden lassen, ist so gewagt wie faszinierend. „Ein paar Stellen weisen Tendenzen auf, die für diese Frage interessant sein könnten. Die Übersetzungen hat in diesem Zusammenhang noch keiner meiner Kollegen ins Spiel gebracht. Wir haben die Datierungsfrage immer am griechischen Text festgemacht, und je nachdem, welche Zitate man nimmt, kann man in die eine oder andere Richtung gehen. Übersetzungen werden tendenziell abgewertet, weil sie sich vom Original unterscheiden. Aber gerade Unterschiede, andere Tendenzen, Akzentuierungen können uns etwas über das Original sagen.“

Zum Beispiel wenn der Übersetzer ein Wort aus der Vorlage missversteht. „Ein Teil der lateinischen Überlieferung des Johannesevangeliums versteht den griechischen Begriff für ,Tempelweihe‘ (,enkainia‘) als Namen“, erzählt Förster. „Die Übersetzer haben ein neues lateinisches Wort draus gemacht – ,encenia‘. Das Original setzt hier offenbar ein Spezialwissen voraus, das der Übersetzer nicht mehr hat. Wenn man Hinweise darauf findet, dass im Griechischen ein anderer Leserkreis intendiert war als in der lateinischen oder koptischen Übersetzung, kann man überprüfen, wie das zu den Datierungshypothesen passt.“ Der FWF fand das offenbar plausibel, Förster hat für seine Indiziensuche auch eine Mitarbeiterin, Ulrike Swoboda, finanziert bekommen.

Was Weinlieferungsverträge verraten
. Ein höchst bemerkenswertes Nebenprodukt seiner Forschungen hat Hans Förster vor wenigen Tagen publiziert. Es betrifft das „Weinwunder“ auf der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-11) im Johannesevangelium. In der Forschung galt es als „Luxuswunder“, man betonte die große Menge an verwandeltem Wasser (insgesamt 480 bis 720 Liter) und überbot sich in Deutungsversuchen. „Aber wenn man Weinlieferungen der damaligen Zeit studiert, kommt man drauf, dass die Menge gar nicht so groß war, wie immer betont wird“, sagt Förster.

In einer Handschrift der Nationalbibliothek etwa ist ein Lieferungskauf verzeichnet, den Sandra Hodecek von der Papyrussammlung zusammen mit Fritz Mitthof (Uni Wien) bearbeitet hat. „Da wurden 8190 Liter Wein gekauft“, sagt sie. „Das ist allerdings schon unglaublich viel. Aber 1000 bis 2000 Liter waren durchaus üblich.“

Lexikon

Koptisch. Jüngste Sprachstufe des Ägyptischen, wurde vom 3. Jh. an gebraucht. Das Wort wird meist vom griechischen „Aigyptiakos“ (Ägypter) abgeleitet.

Sahidisch.Ausgestorbener Dialekt des Koptischen. Fast die ganze ältere koptische Literatur ist in Sahidisch verfasst, größtenteils handelt es sich dabei um Übersetzungen religiöser Schriften.

Evangelium nach Johannes. 4. Buch des NT, unterscheidet sich stark von den drei synoptischen Evangelien. Die Datierung ist bis heute sehr umstritten. Die meisten datieren es aber aufs Ende des 1./Anfang des 2. Jh.s.

Hans Förster

Geb. 1969 in Frankfurt, arbeitet am Institut für Neutestamentliche Wissenschaft der Evangelisch-Theologischen Fakultät, Uni Wien. Er forscht an der koptischen Version des Johannes-Evangeliums. (Bild: Joh 18/36-19/4 auf dem Blatt eines koptischen Pergamentkodexes, ÖNB). ÖNB

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2013)

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