Warum die Evolution den Penis immer weiterwachsen ließ

Das männliche Geschlechtswerkzeug ist nicht nur ein primäres, sondern auch ein sekundäres. Deshalb wurde im Zuge der Menschheitsentwicklung nicht nur seine Funktion optimiert, sondern auch seine Größe. Darauf deutet zumindest die weibliche Sexualwahl im Labor.

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Warum die Evolution den Penis immer weiterwachsen ließ
Warum die Evolution den Penis immer weiterwachsen ließ – (c) Erwin Wodicka

„Is that a gun in your pocket, or are you just glad to see me?“ So formulierte es Mae West. Sie war eine außergewöhnliche Frau. Und der Anlass ihrer Frage ist auch nicht immer zu erblicken: Wenn sich der Penis erigiert zeigt, ist die Wahl getroffen – die Frau hat gewählt –, und der Mann ist nackt. Das war er in der Gattungsgeschichte auch lange den ganzen Tag, der schlaffe Penis war weithin sichtbar. Dann kam die Kleidung. Wonach sollte nun die Frau wählen? Und spielt der Penis bei der Wahl überhaupt mit, geht es nicht eher um die gesamte Gestalt eine Mannes, die Größe, die Breite der Schultern?

Der Penis ist zunächst einmal ein Instrument, und die Ehe ist „Vertrag zum wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtswerkzeuge“, so definierte es Kant. Auch Darwin ordnete den Penis als Werkzeug ein, unter die primären Geschlechtsmerkmale, von ihm stammt diese Unterscheidung. Die primären sind die Instrumente, die sekundären sind die, die zu ihrem Einsatz führen sollen. Zu ihnen gehören auch Größe und Proportion des ganzen Körpers, sie bezeugen die Qualität der Gene. Aber Darwins Zweiteilung blieb nicht unumstritten: Vielleicht ist der Penis beides, primär und sekundär – vor allem bei einem Lebewesen, das ihn dauernd vorzeigte, seit es den aufrechten Gang erfand?

Bizarrste Formen im Insektenreich

In diesem Fall würde die Selektion am Penis doppelt ansetzen und ihn zunächst als Werkzeug optimieren. Das hat vor allem unter Insekten bizarrste Formen hervorgebracht: Sie sollen das eigene Sperma perfekt platzieren und das von Konkurrenten abwehren. Letzteres tun sie oft als böse Waffen, die Weibchen so zurichten, dass sie nicht mehr kopulieren können. Hier setzt die Selektion also direkt im Akt an. Tut sie es auch vorher, bei der Wahl? Viele Kulturen haben Schmuck- und Stützgeräte entwickelt, mit denen die Männer vorzeigen, was sie haben bzw. was sie gerade nicht haben, sondern haben wollen.

Aber lenkt auch der schlicht hängende Penis irgendeinen Blick auf sich? Man hat natürlich Frauen oft befragt – es ging immer um die Größe, die Länge, die Dicke –, man hat ihnen dabei auch Fotos gezeigt. Aber die Befunde sind nicht klar, sie weisen in alle Richtungen. Was sollen die Frauen auch antworten? Schon die Frage geht zu weit, und die Anwesenheit eines Interviewers macht die Antwort nicht leichter. Das ist in allen wissenschaftlichen Interviews so, die Befragten richten ihre Antworten unter anderem in die Richtung, in der sie vermuten, dass die Interviewer – bzw. deren Kultur – es hören möchten.

Zudem waren die vorgezeigten Fotos eben Fotos: klein.
Deshalb hat Brian Mautz (Canberra) Frauen auf Videoschirmen nackte Männermodelle in Echtgröße gezeigt – Körperlänge von 1,63 bis 1,87 Meter, Penislänge von fünf bis 13 Zentimetern –, von den Forschern war niemand im Raum. Modelliert an den Männerköpern war Dreierlei: die Höhe des Körpers, das Verhältnis der Schultern zu den Hüften – ist es hoch, gilt das als männlich –, und eben die Größe des Penis.

Die Frauen stützten ihr Urteil über die Attraktivität der Männer auf alle drei Kriterien: Die Länge des Penis hatte das gleiche Gewicht wie die des Körpers, allerdings minimierte sich mit zunehmender Körpergröße dieser Einfluss. Am stärksten ist er in Verbindung mit beiden anderen, mit den breiten Schultern und den schmalen Hüften sowie dem hohen Wuchs (Pnas, 8. 4.).

„Für Frauen nicht uninteressant“

„Unser Befund widerspricht direkt den Ansprüchen, dass die Größe des Penis für die meisten Frauen uninteressant sei“, schließt Mautz. „Die weibliche Sexualwahl kann in der Evolution des Penis eine Rolle spielen.“ Und vorangetrieben wird diese Evolution von Frauen, die selbst groß gewachsen sind, sie sehen mehr auf die Penisgröße. Mae West wird dazu also wenig beigetragen haben, sie war 1,52 Meter. Aber was immer sie da sah, ein schlaffes Glied war es nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2013)

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