Wie Hörnchen ihre Jungen rascher wachsen lassen

18.04.2013 | 16:54 |  von jürgen langenbach (Die Presse)

Tragende Weibchen produzieren mehr Stresshormone, wenn sie Stress durch Futterkonkurrenz für ihre Jungen kommen hören: Sie hören es am Gerassel der Population, es zeigt an, wie viele Tiere da sind.

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Ganz so putzig, wie sie in unseren Augen aussehen, sind Hörnchen nicht, zumindest sind es die Rothörnchen (Tamiasciurus hudonicus) am Yukon in Kanada nicht: Jedes Weibchen und jedes Männchen verteidigt ein Revier. Und wenn ein neugeborenes Junges vor dem Einbruch des Winters noch kein Revier hat, überlebt es nicht, die Reviere sind um Futterquellen herum angelegt, Weißfichten. Die tragen in manchen Jahren mehr, in anderen weniger, und wie sich das auf die Zahl der Hörnchen auswirkt, bilanziert Ben Dantzer (Michigan State University) seit über zwölf Jahren.
Dabei fiel ihm auf, dass Neugeborene in manchen Jahren rascher heranwachsen, unabhängig vom Futterangebot. Es hing mit etwas anderem zusammen, mit der Populationsdichte: Ist sie hoch, werden die Jungen rasch groß, sie haben dann bessere Chancen in der Konkurrenz ums Futter. Aber sie beschleunigen nicht von allein, sondern ihre Mütter sorgen dafür, sie geben etwas mit. „Es geht nicht einfach um Reaktionen auf Umweltveränderungen“, erklärt Dantzer: „Die Weibchen können offenbar aus Informationen, die sie während der Tragezeit erhalten, die Zukunft vorwegnehmen“ und die ungeborenen Jungen vorbereiten.
Aus welchen Informationen und mit welchen Mitteln? Für Erstere hatte Dantzer einen Verdacht: Rothörnchen geben zur Verteidigung ihrer Reviere rasselnde Signale ab – sie klingen so ähnlich wie bei uns die Ratschen –, und der Gesamtgeräuschpegel verrät die Populationsdichte. Aber womit bringen die Mütter die Jungen zum rascheren Wachsen? Das konnte Dantzer nicht allein klären, dafür brauchte er einen Spezialisten. Der heißt Rupert Palme, arbeitet an der Vet-Med in Wien und hat ein Verfahren entwickelt, mit dem man aus Fäkalien ablesen kann, wie hoch der Hormonspiegel der Tiere war, und zwar der von besonderen Hormonen, Glukokortikoiden, bekannt sind diese auch als Stresshormone. „Der Name führt in die Irre, er suggeriert etwas Falsches“, berichtet Dantzer der „Presse“: „Diese Hormone verursachen keinen Stress, sondern sie bereiten den Körper auf Stress vor und helfen ihm, damit fertig zu werden.“ Das tun sie über den Stoffwechsel, sie mobilisieren Zucker.
Diese Hormone werden von den werdenden Müttern verstärkt dann produziert, wenn sie den künftigen Stress ihrer Jungen kommen hören: Dantzer hat – in der freien Natur – tragende Rothörnchen beschallt, er spielte ihnen hohe Populationsdichten vor. Das warf die Produktion der Stresshormone an, und die warf die Wachstumsbeschleunigung der Jungen an: Wer in der Größe normaler Jahre bliebe, hätte keine Chance in der Konkurrenz um Futter – nur wer rasch wächst, kann mithalten (Science, 18. 4.).
Allerdings muss er später einen Preis dafür bezahlen: Diese Jungen werden nicht alt, Dantzer formuliert es, geschult an angelsächsischer Wissenschafts-PR, so: „Der erfolgreiche frühe Sprint verbrennt ein paar Streichhölzer, die im späteren Marathon des Lebens hilfreich gewesen wären.“

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