Streit um Patent auf Leben liegt nun beim US-Höchstgericht

18.04.2013 | 17:52 |   (Die Presse)

Seit 1998 will die Firma Myriad Patente auf Gene, die das Brustkrebsrisiko erhöhen. Eine breite Koalition ist dagegen.

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„Alles unter der Sonne, was von Menschen gemacht ist, kann patentiert werden.“ So steht es seit 1952 im Patentgesetz der USA. Aber was ist vom Menschen gemacht? Darüber wird vor allem dann gestritten, wenn es um die Patentierbarkeit von Leben geht. 1972 kam der erste Antrag: Der Mikrobiologe Chakraborty baute Bakterien gentechnisch so um, dass sie beim Entfernen von Ölteppichen helfen. Das Patentamt lehnte ab, der Fall ging durch die Instanzen, das Höchstgericht entschied auf Patentierbarkeit. 1988 kam der nächste große Schritt, erstmals wurde ein gentechnisch verändertes Tier patentiert, die „Harvard-Maus“, sie bekommt leicht Tumore, die kann man dann an ihr studieren.

Das ist gerade 25 Jahre her. Und seit 15 Jahren tobt die erbittertste Auseinandersetzung, die um zwei Genvarianten, die das Risiko erhöhen, an Brustkrebs zu erkranken: BRCA1 und BRCA2. Die Firma Myriad isolierte und charakterisierte die Gene, und sie entwickelte einen Test. All das trug sie zum Patentamt. Aber rasch bildete sich eine breite Gegenfront, Forscher fürchteten um ihre Forschungsfreiheit – Lizenzgebühren für Arbeit an BRCA? –, Ärzte um ihre Patientinnen, und natürlich ging es neuerlich um die Grundsatzfrage der Patentierbarkeit von Leben, gar von menschlichem.

Auch dieser Streit ging durch die Instanzen, und nun ist wieder das Höchstgericht am Wort, diese Woche begann die Verhandlung. Ist ein Gen vom Menschen gemacht? Myriad beharrte in der ersten Sitzung darauf, dass ein isoliertes Gen das sehr wohl (und etwas ganz anderes als ein Gen im Körper) sei. Die Richter vertieften sich in molekularbiologische Feinheiten, suchten ihr Heil aber auch in Analogien: Wenn man ein Blatt aus einem Regenwald holt und daraus ein Medikament gewinnt, kann man dann das Blatt patentieren? Und wenn man einen Kuchen bäckt aus Zucker, Salz und Mehl, kann man den patentieren? Science hat einen Prozessbeobachter entsandt, und der hatte den Eindruck, dass „viele der Richter die Idee von Patenten auf menschliche Gene nicht zu mögen schienen“ (ScienceInsider, 17.4.). Die Entscheidung kommt im Herbst. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2013)

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17 Kommentare

Hey...

...ich lasse mir jetzt auch eine beliebig lange Würfelkombination patentieren!

Re: Hey...

Sie werden lachen,
es ist schon ein Patent auf ein chemisches Element durchgegangen; Americium

Re: Re: Hey...

Nach kurzer Recherche bin ich zu dem Schluss gekommen: Sie meinen wohl das da!

http://www.google.com/patents/US3156523?printsec=claims#v=onepage&q&f=false

Claim 1 ist wirklich abartig...

2 0

Wo bleibt der Aufschrei der Kreationisten ?

Wer darf sich anmassen, sich Gottes Schöpfung patentieren zu lassen. Dies könnte man höchstens dem Vatikan zugestehen.
Scheinheilige Welt !

0 0

Solange ...

... Ihr Gott nicht beim Patentamt vorstellig wird, wohl jeder?

Re: Wo bleibt der Aufschrei der Kreationisten ?

Was, um Himmels Willen und in drei Teufels Namen, hat der Vatikan mit Gott zu tun?

Re: Re: Wo bleibt der Aufschrei der Kreationisten ?

Pfuuuu...eine gute Frage, wissen Sie!
War deren Werbeslogan nicht lange Zeit: "DEUS VULT"?

Test

Na ja den Test kann man ja ruhig patentieren, aber warum denn bitte das Gen? Wenn man etwas in der Natur findet wird es maximal nach einem benannt, mehr aber auch nicht. Sowas lächerliches aber auch...

Re: Test

Sie haben völlig recht,
Verfahren sind natürlich patentierber,
aber niemand kann nachvollziehen, warum Myriad auch die Gene will

irgendetwas muss es sein, die haben natürlich gute Anwälte und die Verfahren kosten sie einen Haufen Geld

Re: Re: Test

Zur Zeit kann man ja, soweit ich weiß, anhand von den Genmutationen untersuchen lassen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, an Brustkrebs zu erkranken. Dann bleibt aber als Prävention nur eine Mastektomie. Wahrscheinlich versucht man daher, diese Gene zu modifizieren und möchte auf dem Umweg über die Patentierung verhindern, dass das einem anderen Konzern früher gelingt. Das macht die Erklärung mit den Lizenzgebühren plausibel, denn wenn die Gene Myriad "gehören", dann dürfen sie von Dritten nicht bearbeitet und verändert auf den Markt gebracht werden.

Re: Re: Re: Test

das sind Sie einem Missverständnis aufgesessen:
Es geht nicht um eine (Gen-)Therapie, die gibt es leider nicht,
es geht um den Test, der ist von Myriad, weltweit, auch in Östereich,
und im Zuge der Patentierung des Tests - gegen die ja niemand etwas hat - wolten sie gleich auch ihre Hände auf die Gene legen,
ich habe keine Erlärung dafür, ich kann mir nur vorstellen, dass Myriad damit verhindern will, dass ein Konkurrent einen anderen Test entiwckelt

Re: Re: Re: Test

Ähem, ich glaube mal es geht eher darum dass man frühzeitig erkennen will ob eine Frau dieses Gen trägt oder nicht.

Was sollte denn eine Veränderung des Gens bringen, wozu sollen die auf den Markt? Wollens die wem einpflanzen? Bis jetzt werden Menschen noch nicht genetisch verändert, und wenn kann man das eh nur mit einer Eizelle, nicht aber mit einer erwachsenen Frau!

Re: Re: Re: Re: Test

Diagnostizieren kann man BRCA1 und BRCA2 ja bereits. Man könnte allerdings das Testen lizenzieren, wenn einem die Gene gehören.

Die Molekulargenetik zielt schon darauf ab, Gendefekte zu verändern und damit in weiterer Folge die Krankheiten zu heilen. Man setzt große Hoffnungen auf die Gentherapie, nur steckt sie noch in den Kinderschuhen.

Re: Re: Re: Re: Re: Test

Man kann es auch lizenzieren wenn sie einem nicht gehören, das eine hat mit dem anderen NICHTS zu tun.

Und ansich sind es keine defekten Gene sondern einfach nur Gene die im Zusammenhang mit Brustkrebsrisiko stehen.

Ich weiß auch noch immer nicht was Sie eigentlich mit "veränderte Gene auf den Markt bringen" meinen.

Einzelne Sequenzen ändern geht ja ansich bereits, doch selbst dafür braucht man nicht das Patent auf die Gene. Es gibt einfach keinen vernünftigen Grund warum sie für etwas gefundenes (im krassen Ggs zu erfunden) ein Patent bekommen sollen.

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Test

Interessant, ich hatte das mit dem Lizenzieren nicht gewusst.

BRCA1 und BRCA2 sind Tumor-Suppressoren und diese erhöhen dann die Chance, an vererbtem Brustkrebs zu erkranken, wenn sie durch Keimbahnmutationen verändert sind.

Die wissenschaftlich anerkannte medizinische Datenbank PubMed hat einen sehr aktuellen Artikel von Rosenberg & Mason (2013) zu dem Thema und gibt genaueren Einblick zu dem Patentproblem.

Abstract unter http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23522065

Volltext unter http://genomemedicine.com/content/5/3/27

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Test

Danke für die Links!

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Test

Demgemäß gibt es das Problem, dass laut aktuellen Gerichtsurteilen Patente das geistige Eigentum an sehr kurzen menschlichen Gensequenzen von 15 Nukleotiden zugestehen. Diese kommen aber im Schnitt über 360 Mal auch bei anderen Genen vor, im Fall von BRCA1 bei 689 anderen Genen. Das würde Monopole schaffen und unüberschaubare Konsequenzen für die weitere Forschung haben, vor allem, wenn man es auf bereits bestehende Patente anwendet und auch berücksichtigt, dass sich viele Sequenzen auch mit Tierpatenten überschneiden.

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