Genetik: Der Fluch der Inzucht

23.04.2013 | 18:30 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Am spanischen Zweig des Hauses Habsburg lässt sich zeigen, wie Verwandtenheirat wirkt – und wie die Natur reagiert.

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El Hechizado“ nannten die Spanier ihren letzten König aus der Dynastie der Habsburger, die das Land 300 Jahre lang im Griff hatte, Karl II.: Keinem aus seiner Sippe war die Unterlippe so ins Gesicht geschrieben wie ihm, und die Lippe bzw. der vorgeschobene Unterkiefer war noch das Harmloseste, obwohl er ihretwegen kaum sprechen konnte und sabberte. Er war verwachsen und impotent, konnte erst mit vier Jahren sprechen und mit acht gehen, und mit 30 war er ein alter Mann. Neun Jahre später, anno 1700, konnte er kaum noch aufstehen, er hatte Halluzinationen und Konvulsionen, fiel ins Koma und starb.

 

„Tu felix Austria, nube!“

Wer oder was hatte ihn verhext? Die 300 Jahre währende Inzucht im Hause Habsburg: Politisch mag sie Erfolg gebracht haben – „Tu felix Austria, nube!“ -, für die Mitglieder der Familie, vor allem die des spanischen Zweigs, war sie mörderisch. Deshalb kann man das Phänomen nirgends so gut studieren wie an ihnen: Die Inzucht war schon unter den Pharaonen die Regel, aber von ihnen hat man zu wenig gesicherte Daten; sie wurde später auch im Hause Darwin praktiziert, das immer wieder eng mit dem Haus Wedgwood liiert war. Charles etwa heiratete eine Cousine ersten Grades – und machte sich beim frühen Tod seiner Tochter bittere Vorwürfe –, aber der Darwin/Wedgwood-Verbund war zu klein, um daraus Schlüsse ziehen zu können.

Die Habsburger hingegen hatten in ihrer 300-jährigen Regentschaft in Spanien über 20 Generationen 4000 Mitglieder. 73 Eheschließungen gab es – oft zwischen Cousins und Cousinen, auch zwischen Onkeln und Nichten, aus einer solchen Ehe stammte Karl II. –, 502 Schwangerschaften sind dokumentiert. Manche endeten in Totgeburten, und von den Kindern, die es ans Licht der Welt schafften, starben 93 im ersten Jahr und 76 in den ersten zehn Jahren. Das war damals ganz normal, aber die Kinder des Volks starben an Hunger/Krankheit. Bei Hofe gab es keinen Mangel, aber gute Ärzte, trotzdem starben viele Kinder früh, vor allem in der Zeit von 1460 bis 1600, später wurde es besser.

Dann wirkte sich aus, dass die Natur eingegriffen und die ärgsten Auswüchse der Inzucht bzw. ihre Genkombinationen hatte wegsterben lassen, als Kleinkinder. So sieht es zumindest Francisco Ceballos (Santiago de Compostela), der die Familiengeschichte der spanischen Habsburger im Detail rekonstruiert und die Grade der Inzucht mit den Sterbetafeln verglichen hat (Heredity, 10.4.). Dabei wird zunächst der „Inzuchtkoeffizient“ aus dem Verwandtschaftsgrad der Eltern berechnet: Er zeigt an, wie viele der mütterlichen und der väterlichen Gene in einem Kind identisch sind, homozygot. Und dann folgt der Blick in die Sterberegister: „Unsere Befunde unterstützen die Ansicht, dass die Folgeprobleme der Inzucht durch die Evolution weggeschafft werden“, schließt Ceballos. Die Inzucht schafft also sich selbst ein Stück weit weg, sie lässt Kinder mit schweren Inzuchtschäden früh sterben, und wer doch ins reproduktionsfähige Alter kommt, zeugt nicht viele Kinder.

Bis gar kein Kind mehr kommt – wie bei Karl II. Der hatte einen extrem hohen Inzuchtkoeffizienten – Philip I., der Gründer der Dynastie, hatte 0,025, Karl II. 0,254 –, aber er hatte Zusatzpech, denn er bekam vom Vater und der Mutter je eine Erbkrankheit. Eine sorgte für den schwachen Wuchs, die andere für den schwachen Körper. Deshalb starb er so früh, als die Notbremse der Natur die restlichen Habsburger – samt Lippe – eigentlich schon gerettet hatte.

 

Und die Bourbonen?

War es so? Ist es so? Ceballos Studie wurde kritisiert, weil auch eine 4000-Seelen-Familie mit 20 Generationen ein kleines Sample ist, in dem die Statistik leicht in die Irre führen kann. Aber es gibt sonst wenig gut Dokumentiertes zur Inzuchtfrage, nur die Familie Darwin/Wedgwood und die Mormonen in den USA. Auch bei ihnen erhöhte sich die Kindersterblichkeit. Aber auch da sind die Daten eher dünn. Deshalb regt Alan Bittles, Genetiker in Perth, eine Studie an Zeitgenossen an: In Südindien wird unter engen Verwandten geheiratet. Aber Ceballos geht lieber in die Archive, er wendet sich nun dem Haus Bourbon zu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2013)

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39 Kommentare
 
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Gibt es da nicht viele bessere Beispiele aus der Gegenwart?


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Wenn einmal alle Genschäden

draußen sind, dann ist Inzucht interessant. Fragt sich nur, wie lange das dauert und wieviele Kinder bis dahin an Erbkrankheiten leiden müssen.

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Das Problem kommt also daher

wenn man wen heiratet der eine Erbkrankheit hat.
Ein Zusammenhang mit Inzucht besteht da nur indirekt, über die eingeschränkte Auswahl.
Für andere Schlussfolgerungen bräuchte man andere Fakten, finde ich.

Re: Das Problem kommt also daher

Alle Menschen haben allerhand Erbkrankheiten. Normalerweise ist das kein Problem, weil bei der Fortpflanzung dann eben das entsprechende Erbmaterial des anderen Partners benutzt wird. Problematisch wird es, wenn die "Positionen" dieser Krankheiten aufgrund der Verwandschaftsverhältnisse mit höherer Wahrscheinlichkeit übereinstimmen. Dann ist nämlich der Korrekturmechanismus zum Scheitern verurteilt.

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Re: Re: Das Problem kommt also daher

Und das Genom weiß was eine Erbkrankheit ist und was eine evolutionär günstige Mutation? Das glaub' ich aber nicht. Ich glaub' die Auswahl erfolgt nur nach Zufall - und der hat mehr Möglichkeiten wenn unterschiedliche Varianten verfügbar sind.

Ausserdem, dieselben Erbkrankheiten haben doch immer dieselbe Position, egal ob da ein Verwandtschaftsverhältnis besteht oder nicht. Zwei nicht verwandte mit derselben Erbkrankheit werden diese genauso weiter vererben wie zwei verwandte...

Re: Re: Re: Das Problem kommt also daher

15 Sekunden Internetrecherche hätten ergeben: "Die meisten Erbkrankheiten werden rezessiv vererbt." Und zu Ihrem lezten Satz: Ja sicher, aber wenn man davon ausgeht, dass die allermeisten Gene nicht von Krankheiten betroffen sind, ist es ein unglücklicher Zufall, dass das passiert. Bei Verwandten korreliert das Auftreten ganz bestimmter Fehler aber.

7 0

nicht nur im hause Habsburg

Vetternehen sind auch in orient. Familien ein Problem bsonders hier, weil hier ja keinesfalls ein Österreicher geheiratet wird. Man bleibt unter sich und gefährdet den Nachwuchs! Auch so eine Bereicherung.

9 0

Re: nicht nur im hause Habsburg

Stimmt! Hierzu gibt's sehr aufschlussreiche Studien von Berliner Kinderärzten - mehr darf man öffentlich nicht sagen/schreiben.

0 6

Es ist

durchaus noch nicht wissenschaftlich eindeutig, dass Inzucht schädlich ist. Das Problem dürften die Erbkrankheiten sein, die, einmal eingeheiratet, kaum wieder wegzukriegen sind. Aber Karl II. hat seine beiden Erbkrankheiten nicht durch Inzucht, sondern durch direkte Vererbung von Vater und Mutter bekommen. Und da es zwei verschiedene Krankheiten waren, spricht das gegen einen "Inzuchtschaden". Groß angelegte Studien in Island haben z.B. ergeben, dass Inzucht generell nicht schädlich ist, ja dass Ehen unter Verwandten 3. und 4. Grades sogar zu einer höheren Fertilitätsrate führen.
Zusätzlich sollte man bei historischen Betrachtungen auch den Wohlstand der untersuchten Familien einbeziehen. Damals traten viele Erbkrankheiten überhaupt nur bei wohlhabenden Familien auf, die anderen wurden schlicht nicht alt genung, um die Krankheit ausbrechen zu lassen, oder sie starben vor der Geschlechtsreife.

0 0

Re: Es ist

inzuchtlinien bei mäusen (zb balbc black6...) sind gut erforscht und haben alle miteinander diverse schäden.

Re: Es ist

o.m.g.!

0 0

Re: Re: Es ist

Starkes Argument!

2 0

Re: Es ist

Strenggenommen waere die Auswirkung auf die Fekunditaet anzugeben (reprodukives Potential) und nicht auf Fertilitaet (tasaechlich Anzahl der Nachkommen), denn Hinterwaeldler zB. haben bekanntlich viele Kinder und heiraten nah. In Herrscherhauesern wiederum gabs vielleicht extra viele Kinder weil ein maennlicher, die hohe Kinderstarblichkeit ueberlebender Nachfolger erwuenscht war ...

Inzucht

Es gibt noch eine Gruppe, bei der durch Inzucht bedingte genetische Defekte untersucht werden: die Amisch people in Nordamerika die um 1650 auswanderten. Die heute lebenden 250000 Amisch sind alles Nachkommen von nur rund 100 Familien.

13 0

Re: Inzucht

Auch die Folgen der Vetternehen in muslimischen Kulturen heute sind gut bekannt, etwa die hohe Rate an Erbschaeden unter Pakistanis in Grossbritannien.

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Aber trotz allem

offensichtlich erfolgreicher regiert als die heute Verantwortlichen...und die sehen (Faymann, Spindelegger....) nicht unbedingt besser aus...

8 2

Inzucht

Inzucht gabs nicht nur bei den Habsburgern,es gab sie überall,auch in entlegenen Taelern,Doerfern,da gabs es daher relativ viele Geistig-Koerperlich -Behinderte,nur es viel nicht ins Gewicht,da die Meisten fuer leichte Arbeit brauchbar waren.Im Familienverband lebten und mehr oder weniger gut eingegliedert waren,es war eine Selbstverstaendlichkeit der Familien ,früher sagte man,auf Ihre Armen schaute.Heute werden die Behinderten abgeschoben,in Heime,,Verantwortungslosigkeit ist heute modern geworden,der Staat soll sorgen,kein Familiensinn mehr vorhanden.

Re: Inzucht

"...es viel nicht ins Gewicht". Bitte absolvieren Sie einen Deutschkurs. Das ist ja "Krone"niveau hier.

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Re: Inzucht

na, es wurden am Land auch genug Behinderte lebenslang in den Stall gesperrt oder abgemurkst.

30 0

nicht nur in südindien

verwandtenehen bei migranten sind auch hier ein medizinerthema.

4 0

Re: nicht nur in südindien

Auch in England, m*slim*sche Vetternehe usw.

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Re: nicht nur in südindien

oder bei der fpö

Re: Re: nicht nur in südindien

Wie der bildungsferne Linksextreme gleich ausflippt, wenn jemand etwas sagt, dass es laut Parteidoktrin nicht geben darf. :D

Re: Re: Re: nicht nur in südindien

Flippt nicht ganz so arg aus wie der bilungsferne Rechtsextreme.

Re: Re: Re: nicht nur in südindien

-s bei dass. :)

 
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