Leben wir im Anthropozän? Und seit wann?

Der Mensch baut die Erde um, deshalb denken Forscher über ein neues Zeitalter nach.

Der Mensch baut die Erde um
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Der Mensch baut die Erde um
Der Mensch baut die Erde um – (c) ORF (Peter Easton)

Die Erde hat schon viele Zeitalter hinter sich, das bisher letzte – das Holozän – begann mit dem Ende der Eiszeit vor etwa 12.000 Jahren. Und wie dieses wurden alle früheren auch von der Natur eingeläutet, mit großen Veränderungen. Aber die hat inzwischen auch der Mensch in die Hand genommen, wir bauen die Erde großflächig um – bewegen zehnmal so viel Erde/Gestein wie die Natur –, und wir vertreiben anderes Leben: Arten verschwinden hundert- bis tausendmal rascher als früher, manche Forscher sehen darin schon das sechste Massensterben (beim fünften, vor 65 Mio. Jahren, gingen die Dinosaurier).

Deshalb – und vor weil, er sich um den Klimawandel Sorgen machte – schlug Nobelpreisträger Paul Crutzen im Jahr 2000 vor, ein neues Zeitalter auszurufen und es „Anthropozän“ zu nennen, als Eröffnungsdatum schlug er den Beginn der industriellen Revolution vor. Das rief die auf den Plan, die für die Erdzeitalter zuständig sind, die Geologen bzw. ihre International Commission on Stratigraphy (ICS). Ihre Meinungen sind geteilt, und bisher blieben die Geologen unter sich.

 

Vor 60.000 Jahren? Vor 9000?

Nun kommen die Archäologen: Auf der Jahrestagung der Society for American Archaeology hielten sie eine Sitzung zum Thema ab: Vor 60.000 Jahren habe der Mensch begonnen, die Kontinente zu verändern – er war gerade aus Afrika ausgewandert –, erklärte Jon Erlandson (University of Oregon). Todd Braje (Humboldt State University) ergänzte, dass überall dort, wo der Neuankömmling erschien, andere verschwanden, die Mammuts, die flugunfähigen Vögel. Richtig los ging dann der große Umbau vor etwa 9000 Jahren, als die Landwirtschaft erfunden wurde.

Die Archäologen sind also für das Anthropozän (Science, 340, S.261), sie wollen es nur zu einer ganz anderen Zeit beginnen lassen als Crutzen, und sie wollen weg von der Konzentration auf den Klimawandel. Aber wohin? Das Problem ist, dass ein Zeitalter „Landmarken“ braucht, die sich auch in ferner Zukunft noch zeigen. Deshalb kam von Geologen schon der Vorschlag: 16. Juli 1945. An diesem Tag wurde die erste Atombombe getestet, sie hinterließ Spuren. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2013)

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