Auf der Suche nach den alten Germanen

Im Nationalsozialismus wurden auch die Archäologie und Urgeschichte in Österreich umgepolt - ein Thema, das erst seit einigen Jahren bei Historikern Beachtung findet. Eine Spurensuche zwischen Wissenschaft, Ideologie und Opportunismus.

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Suche nach alten Germanen – (c) EPA (ANDY RAIN)

Die deutsche Zeitschrift „Germanien“ verlor nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich keine Zeit: Schon das Heft vom April 1938 war als Sonderausgabe dem Thema „Österreich – deutsches Land“ gewidmet. Der Schriftleiter, SS-Hauptsturmführer Josef Otto Plaßmann, erinnerte sich später, wie rasch es durch „den hohen Schwung dieser Tage“ möglich gewesen sei, einen Stab von Mitarbeitern „aus dem Altreich und der befreiten Ostmark“ aufzubieten, die ein „Bild jenes deutschen Österreich zeichneten, das nun wieder mit all seinen völkischen Kräften und seinem völkischen Sehnen deutsch sein durfte, wie seit tausend Jahren“.

Dem wollte die Konkurrenz nicht nachstehen: Auf dem Cover der Ausgabe vom Mai 1938 zeigt die Zeitschrift „Germanen-Erbe“ ein Foto mit dem Titel „Das deutsche Wien“. Im Heft findet sich u.a. der Beitrag „Wie die Ostmark deutscher Volksboden wurde“.

Die beiden Zeitschriften symbolisieren den Konkurrenzkampf zwischen zwei Organisationen, die im Dritten Reich – unversöhnlich – um die Führungsrolle in der „rassischen“ Forschung ritterten: Auf der einen Seite der „Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte“, der dem „Amt Rosenberg“ unterstand, das NS-Chefideologe Alfred Rosenberg ab 1928 aufgebaut hat. Und auf der anderen Seite die SS-Organisation „Ahnenerbe“, die 1935 vom „Reichsführer-SS“ Heinrich Himmler gegründet wurde (siehe Artikel rechts).

Beide beruhten auf kruden, wissenschaftlich nicht haltbaren Theorien über die Herkunft der Germanen, die mit reichlich Pathos und Mystik verbrämt wurden. Im „ABC der Volkstumskunde“ (1936) heißt es: „Von den Ergebnissen der neu belebten Bodenforschung erwarten wir insbesondere einen tiefen Einblick in die Entstehung unseres Volkes aus glaubensnahen und artverwandten rassischen Elementen unter vorbildlicher Führung der nordischen Herrenrasse.“

Was sich unter dieser Ideologie in der Archäologie bzw. in der Ur- und Frühgeschichte getan hat, wird erst seit einigen Jahren intensiv erforscht. Eine Zusammenschau der Ergebnisse versucht nun das Focke-Museum in Bremen mit der Ausstellung „Graben für Germanien“. Im wissenschaftlichen Beirat ist auch Otto Urban, Forscher am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Uni Wien, vertreten.


Reiche Tradition. Was immer Archäologen, Prähistoriker oder Volkskundler von der Germanen-Ideologie halten mochten: Wenn sie in ihren Fächern weiter mitspielen wollten, mussten sie sich an den neuen Forschungsthemen beteiligen und die Nähe zu einer der beiden (pseudo-)wissenschaftlichen Organisationen suchen. In Deutschland erlebten diese Disziplinen nach der Machtergreifung der Nazis einen riesigen Aufschwung, die Zahl der Lehrstühle vervielfachte sich in wenigen Jahren. In Wien (ebenso in Graz und Innsbruck) waren diese Fächer schon länger etabliert – 1892 wurde der erste prähistorische Lehrstuhl in Wien eingerichtet, 1898 das Österreichische Archäologische Institut (ÖAI). Dennoch erhofften sich viele Forscher nun einen Bedeutungsgewinn, mehr Forschungsmittel, Nähe zur Macht etc.

Urbans Nachforschungen zufolge waren in Wien nur wenige Wissenschaftler in diesen Disziplinen dezidiert nationalsozialistisch orientiert. Die meisten Prähistoriker und Archäologen seien in der Ersten Republik und im Ständestaat „national-katholisch“ gewesen, führt Urban in seinem Katalogbeitrag aus. Marxistisch ausgerichtete Forscher gab es praktisch nicht, diese seien bekämpft worden. So überrascht es auch kaum, dass nur wenige Archäologen oder Prähistoriker nach dem Anschluss die Universität oder das Land verlassen mussten.


„Altes Germanenland“. Eine Schlüsselfigur war Oswald Menghin. 1918 in jungen Jahren zum Ordinarius für Urgeschichte berufen, beschäftigte er sich mit damals „typischen“ Themen – mit „Rassenkunde“ oder der „Judenfrage“. Karrierebewusst knüpfte der „Hakenkreuzprofessor“, wie er 1924 in einer Polemik genannt wurde (obwohl er erst viel später NSDAP-Mitglied wurde), Kontakte zu den Machthabern. Er wurde 1935 Rektor der Uni Wien und Mitglied der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), war in der Nazi-Regierung Seyß-Inquart kurz Unterrichtsminister – in seine Amtszeit fiel die „Säuberung“ der Unis – und hielt engen Kontakt mit dem „Ahnenerbe“. Urban stuft ihn als „willfährigen Wissenschaftler“ ein, dessen Gesinnung ihm ermöglichte, sich den Nationalsozialisten zur Verfügung zu stellen.

Ein wirklicher Nazi – ein „Illegaler“ seit 1933 – war hingegen Eduard Beninger, Landesleiter des „Reichsbundes für Deutsche Vorgeschichte“ (Amt Rosenberg). Er wurde zum Dozenten für „germanische Ur- und Frühgeschichte“ ernannt, hielt aber nie Vorlesungen, gestaltete dafür Ausstellungen wie etwa „Die Ostmark – altes Germanenland“, die im Sommer 1939 im Wiener Messepalast gezeigt wurde. Der wohl mächtigste damalige Archäologe war Kurt Willvonseder, Leiter der Abteilung für Bodenaltertümer am Institut für Denkmalpflege: Er war seit 1938 Mitglied der SS und hatte direkten Zugang zur Spitze der „Ahnenerbes“.

Wie sich die ideologische Fokussierung auf das Germanentum in den einzelnen Forschungsprojekten auf Methoden, Begriffe, Ergebnisse und deren Interpretation ausgewirkt hat, ist noch weithin unerforscht. Für das ÖAI – konkret: für die provinzialrömische Architektur – führt Gudrun Wlach derzeit in einem FWF-Projekt eine umfassende Analyse durch. Sie will für den Zeitraum 1918 bis 1945 wissen, wie sich die verschiedenen Machtstrukturen und Ideologien auf die Forschung und auf die handelnden Personen ausgewirkt haben. Und: Sie will die Rivalität zwischen „Amt Rosenberg“ und „Ahnenerbe“ genau dokumentieren.


Zwangsarbeit. 1938 und 1939 werden für die „Ostmark“ 15Ausgrabungen des „Ahnenerbes“ und rund 20 des „Amtes Rosenberg“ ausgewiesen. Eines der größten Projekte war die „Führergrabung“ in Carnuntum (1938–1940): Dort wurde u.a. eine Therme freigelegt und fälschlicherweise als „Palastruine“ interpretiert. Ein wichtiges Projekt waren auch Untersuchungen der Karnburg in Kärnten (1939): Dort ging es insbesondere um die Kontinuität einer germanischen Besiedlung. Große Rettungsgrabungen gab es in Linz beim Bau der „Reichswerke Hermann Göring“ oder im KZ Gusen, wo man beim Eisenbahnbau 1941 auf archäologische Funde stieß. Letzteres Projekt belegt, dass für die Ausgrabung polnische Häftlinge herangezogen wurden.

Den Forschern ist es jedenfalls nicht gelungen, Nachweise für die Richtigkeit der Germanen-Ideologie zu finden: weder dafür, dass der „Ausgangspunkt für die geschichtliche Entwicklung Europas in der mitteleuropäischen Urheimat unseres Volkes“ gelegen habe – wie es der deutsche Archäologe Gustaf Kossinna formuliert hat. Noch dafür, dass die Germanen eine unerreichte „Kulturhöhe“ erlangt hätten. Das änderte freilich nichts daran, dass die Germanen-Ideologie weiterhin propagandistisch eingesetzt wurde. Viele Konsumgüter warben mit germanischen Sujets – etwa mit blonden, blauäugigen Recken mit Hörnerhelmen (die es in der Realität niemals gab). Eingesetzt wurden die Wissenschaftler aber auch für Schulungen der SS-Kader. Und stets wurden breite Bevölkerungsschichten mobilisiert – so übernahm etwa die Hitlerjugend den Ehrenschutz über vorgeschichtliche Bodendenkmäler.

Der Zusammenbruch des Dritten Reichs setzte der „rassischen Ideologie“ ein Ende. Auch die führenden „wissenschaftlichen“ Köpfe wurden erst einmal zur Verantwortung gezogen: Menghin kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft; Beninger wurde wegen „Verletzung der Menschenwürde“ zur drei Jahren Haft verurteilt; auch Willvonseder wurde verfolgt, konnte aber eine Begnadigung durch den Bundespräsidenten erreichen.

Ein Jahrzehnt später „normalisierte“ sich die Lage für alle wieder: Menghin konnte nach Argentinien fliehen, wurde Professor in Buenos Aires; 1956 wurde das Verfahren in Österreich gegen ihn eingestellt, 1957 erfolgte die Pensionierung als österreichischer Beamter, 1959 wurde er wieder (korrespondierendes) Mitglied der ÖAW. Beninger bekam 1957 seinen Doktortitel zurück und bezog ab 1958 eine Pension. Und Willvonseder wurde 1954 Direktor des Salzburger Museums Carolinum Augusteum und habilitierte sich erneut an der Uni Salzburg.

Die Tradition in der österreichischen Archäologie und Urgeschichte sei jedenfalls nicht abgerissen, so Urban. Als Beispiel nennt er Richard Pittioni: Er war in der Zwischenkriegszeit Schüler Menghins, verlor aber nach dem Anschluss – offenbar als Opfer des Machtkampfes zwischen „Amt Rosenberg“ und „Ahnenerbe“ – seine Stelle und wurde Leiter des Burgenländischen Landesmuseums. Nach Kriegsende erhielt Pittioni, politisch praktisch unbelastet, seine Dozentur zurück und wurde 1946 Professor und neuer Vorstand des Urgeschichtlichen Instituts.

Noch mehr Kontinuität gab es beim ÖAI: Camillo Praschniker behauptete sich – obwohl er slowenische und jüdische Vorfahren hatte – wegen seiner Beliebtheit und durch einen „gewissen Opportunismus“, so Wlach, von 1935 bis 1948 durchgehend an der Spitze der Archäologie in Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2013)

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