Ökonomie: 5,1 Euro einsacken oder eine Maus retten

14.05.2013 | 18:19 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Wenn sie individuell getroffen werden, fallen manche Entscheidungen ganz anders als auf dem Markt. Auf dem kommen Bedenken leicht unter die Räder.

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Die Maus wird vergast. Das Gas fließt langsam in den hermetisch abgedichteten Käfig. Es führt zu Atemstillstand. Wenn man sieht, dass die Maus nicht mehr atmet, bleibt sie noch zehn Minuten im Käfig. Dann wird sie herausgenommen.“ Wenn Sie diesen Text lesen würden und das zugehörige Video mit der sterbenden Maus sehen, und wenn Sie die Wahl hätten, eine solche Maus zu retten oder an ihrem Tod Geld zu verdienen – was würden Sie tun? Diese Frage ging in allem Realismus und aller Härte an hunderte Testpersonen an den Universitäten Bonn und Bamberg, ersonnen war die Anordnung von den Ökonomen Armin Falk (Bonn) und Nora Szech (Bamberg), sie wollten eine so alte wie umstrittene Frage klären: Kann der Markt die Moral untergraben?

„Es musste schon etwas sein, was drastisch ist“, begründet und erklärt Szech die Wahl der zum Tod verurteilten Mäuse: Sie sind Alltag in der Forschung mit Versuchsmäusen, sie sind überflüssig – etwa weil eingebaute Fremdgene sich nicht in das Genom integriert haben –, also vergast man sie. Aber zumindest ein paar hundert wurden im Lauf der Experimente der beiden Ökonomen gerettet. Im ersten ging es um die „Individualbedingung“: Testpersonen wurden vor die Wahl gestellt, entweder zehn Euro zu bekommen – und eine Maus sterben zu lassen – oder nichts zu bekommen: In dem Fall wurde für das Geld eine solche Maus gekauft und unter guten Bedingungen irgendwo untergebracht – schon in einem Käfig, aber in einem mit Gesellschaft und vielen Strukturen –, wo sie die absehbaren zwei Jahre ihres Lebens in Frieden verbringen konnte.

54,1 Prozent entschieden für die Maus, 45,9 nahmen das Geld. Dieses Bild änderte sich stark, als die Mäuse zu Markte getragen wurden: Diesmal hat nicht ein Individuum über ihr Schicksal zu entscheiden, diesmal waren es zwei (oder viele): Einer, ein Verkäufer, bekam die (Verfügung über die) Maus, er konnte sie einem Zweiten, einem Käufer abtreten, in einem Finanzrahmen von 20 Euro, am Ende verdienten beide am Tod der Maus, je nach Verhandlungsgeschick. Oder beide gingen leer aus: Der Verkäufer konnte sich – wie im ersten Experiment – auch dafür entscheiden, die Maus nicht zu verkaufen und damit in den Tod zu schicken. Oder der Käufer lehnte ein Mitspielen auf diesem Markt ab. Aber das taten wenige: 72,2 Prozent verscherbelten die Maus für zehn Euro oder weniger. Und wenn der Markt von zwei auf mehrere Spieler erweitert wurde – ähnlich wie eine Börse, wo Verkäufer Käufer suchen und umgekehrt –, wurde das Bild noch härter: 75,9 Prozent wollten vom Tod der Maus profitieren, und zwar auch dann, wenn es kaum etwas zu gewinnen gab (Science, 340, S.707).

 

5,1 Euro einsacken oder eine Maus retten?

Denn im Durchschnitt pendelte sich der Markt auf 5,1 Euro pro Maus ein, und viele geben es noch billiger. „Der Effekt ist drastisch, fast 80 Prozent sind bereit, ihre Maus auf dem Markt um 4,5 Euro zu verhandeln“, berichtet Szech: „In der Individualentscheidung tut das fast niemand.“ Wo liegt der Unterschied? In der Individualbedingung entscheidet eine Person, auf dem Markt sind es mindestens zwei, da wird erstens die Verantwortung geteilt und wiegt für jeden leichter, da gilt zweitens ein Teil des Interesses dem Handeln und nicht der Ware. Auf dem multilateralen Markt kann sich zudem jeder sagen, dass andere den Handel abschließen werden, wenn er es selbst nicht tut.

All das ist belanglos, wenn es um „echte“ Waren geht, das zeigte ein Kontrollexperiment: In ihm erhielten Teilnehmer Gutscheine für den Merchandising-Shop der Uni Bonn, sie konnten sie gegen T-Shirts etc. eintauschen. Oder sie, falls sie nicht Werbeflächen der Uni werden wollten, verkaufen, mit Verlust. Dabei zeigte sich kein Unterschied zwischen Individualbedingung und und Markthandeln.

Die Differenz tut sich erst dort auf, wo es neben der Ware um Moral geht und um vom Handel betroffene Dritte, seien es die Mäuse, seien es die bekannteren und lebensnaheren Beispiele von Produkten, die irgendwo auf der Erde von Kindern oder in einstürzenden Textilfabriken hergestellt werden. Viele Konsumenten lehnen das ab, aber sie kaufen doch, offenbar spielt der Markt mit, nicht nur über die Preise, sondern auch über das Aufweichen der moralischen Kriterien. Soll also manches lieber nicht auf den Markt? Das wird seit Jahren vor allem vom US-Philosophen Michael Sanders (Harvard) thematisiert, der etwa darauf hinweist, dass es für uns heute ganz selbstverständlich ist, dass manches nicht als Ware auf den Markt getragen werden darf, das Seelenheil etwa oder auch ein Mensch.

Beides musste erst mühsam von Märkten weg- bzw. freigekämpft werden: Ersteres erledigte Luther mit seinen Predigten gegen den Ablass; und über Letzteres – die Sklaverei – wurde erst im amerikanischen Bürgerkrieg entschieden, endgültig nicht, in manchen Regionen der Erde wird unter Bedingungen produziert, die denen der Sklaverei stark ähneln. „Märkte können generell eine sehr gute Institution sein“, schließt Szech: „Aber wenn Dritte zu Schaden kommen können, die gar nicht mithandeln können wie in unserem Experiment die Mäuse oder bei Kleidung die Arbeiter, die in irgendeinem Land der Erde unter Bedingungen produzieren, die wir bei uns keinesfalls akzeptieren. Dann stellt sich schon die Frage: Wollen wir diese unkontrollierten Märkte wirklich?“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2013)

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20 Kommentare

Der "Markt" ist unmoralisch, das ist bekannt.


Würde Jede(r) T-Shirtkäufer(in) gleichzeitig das Elend der Näherinnen sehen, wären H&M, KIK u.v.a schon im Ausgleich.

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Ein treffendes Beispiel für das Stimmvieh der Privilegien- und Pfründewirtschaft:

. . . In der Individualbedingung entscheidet eine Person, auf dem Markt sind es mindestens zwei, da wird erstens die Verantwortung geteilt und wiegt für jeden leichter, da gilt zweitens ein Teil des Interesses dem Handeln und nicht der Ware. Auf dem multilateralen Markt kann sich zudem jeder sagen, dass andere den Handel abschließen werden, wenn er es selbst nicht tut.
Wollen wir unkontrollierte Märkte wirklich?

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Re: Ein treffendes Beispiel für das Stimmvieh der Privilegien- und Pfründewirtschaft:

Ein treffendes Beispiel - für das Nichtverstehen. Erwarten Sie, dass der Fleischhauer im Billa Ihnen erst tränenumflort einen Nachruf auf ein Schwein liefert, bevor er Ihnen die Schweinsschulter aushändigt?

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. . . hier geht es nicht um die Moral des einzelnen,

sondern dass der Markt (die Massen) formt und damit die Entscheidung des einzelnen.
Damit ist er Klubzwang und das Parteibuch undemokratisch, weil der einzelne nicht nach seinem Gewissen und seiner Überzeugung, sondern "vom Markt /seiner Partei" entscheidet.
Darum mehr Demokratie = Persönlichkeitswahl.

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sind wir denn nicht alle selbst Mäuse

in einem Spiel der angeblich "freien" Kräfte, in dem wie übrigens in der Evolution auch, nur die starken überleben können ?!

Ebenso sind zumeist einfache Bürger auch Versuchsobjekte für die starken und wahre globale Lenker, dies erkennt man am besten bspw an den regelmässig geforderten (unnützen) Schutzimpfaktionen gegen allerlei "neuer" Krankheitsbedrohungen wie (H1Nx, Zecken, allgemeiner Grippe.... und bald schon möglich, gegen jegliche Finanzmissäre ;-)) !

Emotion, nicht Moral

Wäre es unmoralisch, Mäuse zu töten, dürfte es keine Mäusefallen geben und keine Kammerjäger. Wäre es unmoralisch, am Tod von Tieren Geld zu verdienen, dürfte es keine Viehbauern oder Fleischhauer geben. Da aber die meisten Leute Mäusefallen kaufen, wenn sie welche im Haus haben, und Fleisch essen, wenn sie Appetit darauf haben, scheint die Mehrheit in unserer Gesellschaft überzeugt zu sein, daß beides zulässig ist.
Allerdings ist es uns unangenehm, die Maus sterben zu sehen, und darum zahlen wir Geld, um es zu vermeiden.
Diese Behauptung wäre leicht zu überprüfen: man zeige den Versuchspersonen ein Video mit einer notwendigen, aber ordentlich blutigen Operation (die somit moralisch sicherlich einwandfrei ist), und stelle fest, ob sie bereit sind, auf Geld zu verzichten, um sich das Video nicht ansehen zu müssen.

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Emotion, nicht Moral . . . kupft, wie g'sprungen

in der Masse entscheidet der einzelne nicht nach seinem Gewissen - und darum geht's.

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Wacklige Schlussfolgerungen

Wie wäre es mit dem Schluß, dass das Leben einer Maus umso weniger wert ist, je abstrakter sich das Problem stellt, je ferner sie einem ist? Das war bei den beschriebenen Experimenten der Fall und hat jetzt nicht unbedingt etwas mit dem Markt zu tun. Im übrigen handelte es sich um Experimente, die versuchten, einen Markt zu simulieren, nicht um einen Markt selbst.
Über die Sklaverei wurde im Sezessionskrieg nicht entschieden, sie hatte vorher schon in vielen Staaten aufgehört und existierte (z.B. in Brasililien) auch nachher noch ein paar Jahrzehnt weiter. Die Abschaffung der Sklaverei erfolgte außerhalb Nordamerikas im übrigen vergleichsweise friedlich.
Hätte man diese Frage in den USA nicht "dem Markt entrissen", hätte es da nicht sein können, dass nicht 600.000 Menschen dafür sterben müssen? Die "kontrollierten" Lösungen, die uns Sanders und Langenbach schmackhaft machen wollen, haben nämlich so ihre Kosten...
"Aber wenn Dritte zu Schaden kommen können, die gar nicht mithandeln können [...]" - dann stellt sich nicht die Frage nach einer Marktregulierung, sondern danach, wie wir dazu kommen, uns Verfügungsmacht über andere anzumaßen. Das hat mit Märkten ganz einfach nichts zu tun.

Re: Wacklige Schlussfolgerungen

und was hat das jetzt alles damit zu tun,
dass Sklaven ganz normal als Waren auf Märkten gehandelt wurden und das Seelenheil auch?
Welche Kosten bringen denn Langenbach und Sanders ausser Ihren drei Punkten?
Werden Sie doch bitte konkret

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Re: Re: Wacklige Schlussfolgerungen

Waren handelt man dann auf offiziellen Märkten, wenn sie gesetzlich handelbar sind. Wenn Sklaverei gesetzlich erlaubt ist, dann gibt es Sklavenmärkte. Das ist aber keine Unmoral der sozialen Institution "Markt" sondern eine Unmoral des Gesetzgebers, der Sklaverei zulässt. An diesen ist auch die Kritik zu richten. Konkret genug?
Hätte Lincoln eine marktwirtschaftliche Lösung gewählt, um die Sklavereifrage zu lösen, wären den USA vielleicht die 600.000 Toten des Sezessionskrieges erspart geblieben. Man hätte a) die Sklaven einfach kaufen können (Nachschub aus Afrika war nicht mehr zu beschaffen), das wäre wohl billiger gewesen als der Krieg oder b) das Sklavenfluchtgesetz abschaffen können, beides hätte den Preis der Sklaven so weit in die Höhe getrieben, dass die Plantagenwirtschaft unrentabel geworden wäre.
Konkret genug?
Die öffentliche Hand wählte - wie üblich - das direkte Eingreifen per Zwang, das zu 600.000 Kriegstoten geführt hat. Und wer die Verantwortlichen für diese Hekatomben an Opfern auch noch glorifiziert, braucht mir keine Vorträge über die angebliche Unmoral von Märkten halten.
Konkret genug?

Re: Re: Re: Wacklige Schlussfolgerungen

nein,
absolut nicht konkret genug

jetzt bleiben Sie mir doch bitte mit einmal Ihren Toten aus dem Sezessionskrieg vom Hals,
und erklären Sie mir vielleicht nebenher, ob die Sklavenhändler freiwillig und ohne Blutvergießen ihre Märkte aufgegeben haben

in der Hauptsache würde ich gerne darüber debattieren, worum es gerade geht:
die Textilien aus den einstürzenden Fabriken in Südostasien,
sollen die Ihrem Urteil nach auf dem Markt bleiben?
Falls nein, wer könnte es verbieten, wer hätte die Macht?

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Re: Re: Re: Re: Wacklige Schlussfolgerungen

Die Sklavenhändler haben Sklaven von einem Sklavenhalter zum anderen tranferiert. Ohne Sklavenhalter kein Sklavenhandel. Ob das den Sklavenhändlern gefällt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Die Sklaverei hört entweder dann auf, wenn sie unrentabel wird oder nicht mehr erlaubt ist. Ohne Käufer und ohne Verkäufer können sich die Sklavenhändler auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln - ihr Geschäft ist dahin. Kurz gesagt: Die Sklaverei erzeugt den Handel, nicht umgekehrt.
Wer hat die Macht, so etwas zu verbieten? Denken sie an die Äffäre mit dem Separatorenfleisch. Den Konsumenten graust, sie kaufen die Produkte nicht mehr, die Unternehmen gehen pleite.

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Re: Re: Re: Wacklige Schlussfolgerungen

Meinten Sie mit "Sanders" übrigens den Kommunitarier Michael Sandel oder jemand anderen mit dem Namen Sanders?

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MILRAM

Ist der schon vergeseen?

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Re: MILRAM

Aber nein, das war doch der Erfinder des Milram-Strudels, oder?

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sorry vertippt: Re: MILGRAM Experiment

Nicht der Markt.

Re: sorry vertippt: Re: MILGRAM Experiment

sorry, aber mit Milgram hat das absolut nichts zu tun,
wenigstens nicht mit seinem Autoritäts-Experiment:
da ging es ja nicht um einen Markt, auf dem jeder handeln kann,
sondern ganz im Gegenteil um eine starre Struktur von Befehl und Gehorsam, in die jeder einfach so hinein rutschen kann

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Re: Re: sorry vertippt: Re: MILGRAM Experiment

es geht immer um ablehnung von eigenverantwortung ....

und das kann durch augen zumachen ( im rahmen einer anonyme auktion - wie es eine börse ist oder durch delegation der verantwortung passieren ..

beispiele für delegation: die parteidisziplin, der clubzwang, die eu-richtlinie die nur mehr kritiklos umgesetzt wird .... und eben auch das milgramexperiment .. das übrigens gerade mit nationalen parlamenten als versuchsobjekten im rahmen der eurorettung durchgeführt wird :-)


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Re: sorry vertippt: Re: MILGRAM Experiment

Gelacht hab ich zumindest. :)

Aber erschreckend, dass so ein Experiment bei der Ethikkommission durchgegangen ist.

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Re: MILRAM

Nicht die Ökonomie ist der innere Schweinehund! Was soll da materialisiert werden?

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