Stephen Hawking boykottiert Israel

15.05.2013 | 18:32 |   (Die Presse)

Der Physiker hat seine Teilnahme an einer Konferenz in Jerusalem abgesagt, um gegen die Palästinenserpolitik des Staates zu protestieren.

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Seit 2008 wird in Jerusalem periodisch die „Israeli Presidential Conference“ abgehalten, auf ihr denken Politiker, Künstler, Medienleute und Wissenschaftler über die Zukunft nach, deshalb heißt sie auch schlicht „tomorrow“. Ins Leben gerufen wurde sie vom Staatspräsidenten Simon Peres, dem die Konferenz heuer auch zum 90. Geburtstag gratuliert, angesagt haben sich etwa Bill Clinton, Tony Blair und Michael Gorbatschow; Barbara Streisand vertritt die Künste, Hubert Burda und Jost Joffe („Die Zeit“) sprechen für die Medien, insgesamt 130 Namen stehen auf der Rednerliste.

Bis zum 3. Mai waren es noch 131, dann sagte einer ab, Stephen Hawking, der prominenteste Forscher der Erde, er leitet, heute 71-jährig, das „Centre for Theoretical Cosmology“ der Universität Cambridge. Diese verlautbarte zunächst, das bekannteste Opfer einer fast kompletten Lähmung (Amyotrophe Lateralsklerose) könne aus gesundheitlichen Gründen die Reise nicht antreten („seine Ärzte haben ihm vom Flug abgeraten“). Rasch musste sie korrigieren, Hawking boykottiert die Konferenz aus politischen Gründen, in seinem Absagebrief stand Folgendes: „Ich habe viele E-Mails von palästinensischen Forschern erhalten. Sie lauten einhellig dahingehend, dass ich den Boykott respektieren soll.“ Der Boykott wurde von Palästinensern 2005 initiiert, er will Israel zu einer Änderung seiner Politik gegenüber den Palästinensern veranlassen und orientiert sich an einem Präzedenzfall: 1958 rief der südafrikanische African National Congress zu einem Boykott – auch der akademischen Welt – gegenüber Südafrika auf.

 

Druckmittel? Kontraproduktiv?

Den gab es auch teilweise. Ob er allerdings sinnvoll war oder eines der letzten Kommunikationsbänder zerschnitt – eben das der Academia –, ist bis heute umstritten, das gilt nun auch für den Boykott Israels, der vor allem in Großbritannien einige Unterstützung findet, von Forschern und ihren Organisationen, auch von Künstlern, Brian Eno etwa und Elvis Costello haben schon Einladungen nach Israel ausgeschlagen. Und zumindest einen Effekt hatte der Aufruf: 2011 reagierte Israel und stellte Boykottaufrufe unter Strafe.

Dass sich nun Hawking einreiht, hat mehr Gewicht als Absagen von Eno und Costello, die wissenschaftliche Kooperation zwischen Israel und dem Westen ist eng, Israel ist auch in Forschungsförderung der EU eingebunden. Entsprechend hart fiel die offizielle Reaktion aus. Der israelische Botschafter in London nannte Hawkings Verhalten laut BBCeine Schande: „Statt dem Druck politischer Extremisten nachzugeben, ist eine aktive Teilnahme an solchen Events viel konstruktiver.“ Und Israel Maimon, Organisator der Konferenz, kommentierte: „Der akademische Boykott Israels ist aus unserer Sicht empörend und ungehörig (outrageous and improper).“ jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2013)

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65 Kommentare
 
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Hawking ist anscheinend der Einzige

der sich von zionistischen Lobbygruppen in den USA sich nicht beeindrucken lässt und eine eigene Meinung zum Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser hat.

Chapeau! Clinton und Co kuschen brav.

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was soll da herauskommen?

"angesagt haben sich etwa Bill Clinton, Tony Blair und Michael Gorbatschow; Barbara Streisand vertritt die Künste, Hubert Burda und Jost Joffe („Die Zeit“) "
aber das Treffen wird schön werden, und alle werden davon schwärmen.

Hoffentlich wird nichts davon umgesetzt.
zB Blairs Wahlwerbung: lasst mich in der zweiten Periode das machen, was ich euch in der ersten versprochen habe

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Ergebnis einer Umfrage des GUARDIAN

http://www.guardian.co.uk/commentisfree/poll/2013/may/08/stephen-hawking-boycott-israel?INTCMP=ILCNETTXT3487

Die Unterstützung seines Einsatzes für Menschenrechte ist unübersehbar.

0 4

Israel ist auch in Forschungsförderung der EU eingebunden

Nur schlimm, wenn die Forschung falsche Ergebnisse liefert:

http://ilanziv.com/2013/04/28/the-exiling-of-my-film-exile-a-myth-unearthed-in-the-bbc-2/

Da muß sogar die "angesehene" BBC in die Knie gehen.

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Stefl, es ist nie zu spät sich weiterzubilden!

His forthright, courageous statement
here is well worth the listen.

http://www.youtube.com/watch?v=011OdG4NILo

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Es ist recht interessant,...


...wie schnell in Österreich ob solchem Bericht der Antisemitismus in Form des Antiisraelismus hochkommt.
Da beschwert sich einer über Ungarn?

Und ausserdem wünsche ich allen Beklatschern des Boykotts, sich mitsamt Frau und Kindern in einem freien, selbstbestimmten arabischen Land wie Ägypten, Saudiarabien etc. niederzulassen.

Dort sind sie unter sich, die Feinde Israels.

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Re: Es ist recht interessant,...

oh, wieder alte Resentiments ausgegraben?

Devise: wer hat das stärkere?

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Re: Es ist recht interessant,...

Gehts noch?

Re: Es ist recht interessant,...

Eine der dümmsten und gehässigsten Meldungen seit langem!

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"Antisemitismus in Form des Antiisraelismus"


Perfide Umkehr der Verhältnisse.

Mit dem Todschlag-Argument des "Antisemitismus" wird jede Kritik an der Politik Israels, von jenen versehen, die keine anderen Argumente mehr haben.

Dass Israel eine Anzahl von UN-Resolutionen seit Jahrzehnten missachtet, dass Israel die Menschenrechte der Palästinenser mit Füssen tritt, das zu erwähnen ist "Antisemitismus"; jetzt also "in Form des Antiisraelismus".

Jimmy Carter hat die Verhältnisse, die Israel in den (unrechtmäßig) besetzten Gebieten geschaffen hat, als Apartheid bezeichnet; vollkommen zu recht.

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Genialer Wissenschaftler,

der sichtlich auch ausserhalb seiner "eigenen Welt" lebt.

Eine menschlich zutiefst nachvollziehbare Entscheidung.

Ein mutiger Mann


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Diesen Artikel hat Chefredakteur Nowak hoffentlich gelesen

und daraus gelernt, daß man auch mit Rückgrat auftreten und gegen den Mainstream agieren kann.


Soso:

Seit 2008 wird dieses Treffen periodisch abgehalten,
seit 2005 gibt es den Boykott,
seit 2011 ist es bei Strafe verboten zu einem Boykott aufzurufen!?
Dazu noch die Schlagzeile von heute:
"Israel droht Syrien mit weiteren Militärschlägen"

Die Wahrheit ist doch: Es ist nicht "empörend und ungehörig" das Hawking zu Hause bleibt, sondern dass auch nur ein einziger anderer Eingeladener dort erscheint!

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Forschungsförderung

"Israel ist auch in Forschungsförderung der EU eingebunden"

Kein Wunder, dass wir soviele Steuern zahlen!!!

Sehr gut !

Endlich einer der gegen der Strom schwimmt !


die hasbara gibt sichs


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um gegen die Palästinenserpolitik des Staates zu protestieren

http://www.youtube.com/watch?v=011OdG4NILo

Seine Entscheidung!

Allerdings hätte er mit einer teilnahme mehr bewirken können. Chance vertan!

Weil ich finde, dass jeder den Film gesehen haben muß, versuch ich's mal wieder, an der 10sur vorbeizukommen.

"Defamation: Spurensuche einer Verleumdung"

http://www.youtube.com/watch?v=xJ56fOOL8sc

Re: Weil ich finde, dass jeder den Film gesehen haben muß, versuch ich's mal wieder, an der 10sur vorbeizukommen.

Danke für den Link - die Doku zeigt die Lügen gut auf - ohne zu verharmlosen oder krass zu übertreiben. Es sind wohl beide Seiten als Kriegstreibe einzustufen.

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Re: Weil ich finde, dass jeder den Film gesehen haben muß, versuch ich's mal wieder, an der 10sur vorbeizukommen.

Tolle Doku!

Zeigt eine Seite des Problems auf.

Angst
und wie sich daraus Profit(politisch, ökonomisch, sozial,...) schlagen lässt.

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Hut ab vor diesem Mann

Es ist seine Entscheidung, und an Hand der Reaktionen hat er Recht. Er hat es nicht notwendig, sich das sagen zu lassen.

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Bis jetzt hielt ich sehr viel von Herrn Hawking,...

...aber mit dieser Entscheidung liegt er definitiv falsch.
Palästina hat eine der weltweit höchsten Fortpflanzungsrate mit 7,6 Kindern pro Frau. Dieser traurige demografische Umstand wird in naher Zukunft Ixrael vor eine schier unlösbare Aufgabe stellen.

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Re: Bis jetzt hielt ich sehr viel von Herrn Hawking,...

Gut das sie "wissen" was falsch oder richtig ist, sie schlauer Schlingel

 
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