Monumentale Hügel als Wegweiser zu den Ahnen

Österreichische Forscher fanden in Norwegen neue Relikte aus der Wikingerzeit.

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(c) REUTERS (PETAR KUJUNDZIC)

In vielen Kulturen ist der Tod nicht das Ende, sondern nur ein Übergang. Manches deutet darauf hin, dass das auch bei den Wikingern so war, bei denen Verstorbene in Walhalla oder, laut anderen Berichten, in Hel weiterlebten. So genau weiß man es aber nicht, denn die wenigen Nachrichten über religiöse Vorstellungen der Wikinger widersprechen sich zum Teil. Auffällig sind jedenfalls die äußeren Zeichen der Begräbnissitten: Zumindest für die Oberschicht wurden gigantische Grabhügel errichtet, in denen Menschen samt Gebrauchsgegenständen, bisweilen sogar mit ganzen Schiffen begraben wurden.

Die Grabhügel in Skandinavien haben schon früh das Interesse der Forschung erregt – so auch die größte Ansammlung von Grabhügeln im norwegischen Borre (am westlichen Ufer des Oslofjordes). Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Hügel durchsucht – drei wurden fast vollständig zerstört (das Material wurde auch für den Straßenbau verwendet). Die neun noch stehenden Grabhügel bilden das Zentrum eines archäologischen Parks (der bei der Unesco als Weltkulturerbe nominiert wurde).

Ob diese Hügel eine reine Begräbnisstätte oder in Siedlungen etc. eingebettet waren, war bislang ein Rätsel – das nun mithilfe österreichischer Hochtechnologie zum Teil gelöst wurde: Das Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie hat gemeinsam mit norwegischen Partnern 20 Hektar westlich der Grabhügel systematisch untersucht. Zum Einsatz kamen Bodenradarsysteme, mit denen verborgene Strukturen im Untergrund (bis zwei Meter Tiefe) aufgespürt werden können, ohne dass auch nur eine Schaufel Erde bewegt wird. Diese Geräte werden von Traktoren über Wiesen und Felder bewegt – das geschieht derzeit z.B. in Carnuntum. In Norwegen wurde ein schneetaugliches System mit einem Skibob entwickelt.

Neben unzähligen Laufgräben und Flakstellungen aus dem Zweiten Weltkrieg wurden die Wissenschaftler auch in Sachen Wikinger fündig: Sie stießen u.a. auf die Überreste eines 47 Meter langen Langhauses mit mehreren Nebengebäuden, das zum Meer hin einen Vorbau mit zentralem Eingang hatte. „Wir interpretieren die Strukturen als die vergleichsweise gut erhaltenen Überreste eines wikingerzeitlichen Häuptlingssitzes“, sagte LBI-Arch-Pro-Leiter Wolfgang Neubauer diesen Donnerstag bei der Präsentation der Ergebnisse (die zeitgleich in Wr. Neustadt und in Norwegen stattfand).

Die Forscher konnten auch ein zweites Rätsel lösen: Die Grabhügel waren nämlich nur vom Meer aus gut sichtbar. Warum? Durch geophysikalische Untersuchungen in Verbindung mit aus der Luft aufgenommenen Laserscannerdaten wurde eine strukturierte Hafenanlage samt Hafenbecken und Wellenbrechern gefunden, in der große Schiffe anlanden konnten. Auch das stützt die Interpretation, dass es sich bei Borre um mehr als „nur“ um einen Friedhof, sondern um einen Zentralort im Oslofjord handeln könnte. Auch wenn bisher keine zugehörige große Siedlung gefunden werden konnte.

Grundrisse

Radarmessungen werden am Computer in bunte Bilder umgesetzt: Gruben sind in Orange dargestellt, Pfostenlöcher in Rot, Steinsetzungen in Grau, Zäune in Grün. Diese Daten sind die Basis für Rekonstruktionen.
LBI Arch-Pro/Mario Wallner

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2013)

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