Später Segen der Mutterbrust: Sozialer Aufstieg

Wer als Baby lange gestillt wird, tut sich noch viel später im Leben leichter und klettert die soziale Leiter eher hinauf.

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Mutterbrust Sozialer Aufstieg
Mutterbrust Sozialer Aufstieg – (c) Clemens Fabry

Wenn Mütter ihre Babys zur Brust nehmen, dann lassen sie zweierlei fließen, Milch und soziale Wärme. Die Milch nährt nicht nur, sie ist von besonderer Qualität. Diese hilft, mit Antikörpern, beim Aufbau des Immunsystems des Kindes, sie fördert die Entwicklung des ganzen Körpers, mit Wachstumsfaktoren, und des Gehirns bzw. seiner Fähigkeiten, mit langkettigen ungesättigten Fettsäuren. Vor allem Arachidonsäure und Docosahexaensäure sind in der menschlichen Milch in viel höheren Konzentrationen als bei anderen Säugetieren. Vermutlich sorgt das dafür, dass lange gesäugte Babys im Durchschnitt einen um sechs Punkte höheren Intelligenzquotienten haben.

Auch sonst bringt Gestilltwerden Gesundheit, deshalb empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein halbes Jahr. Ob der Segen allerdings vom Inhalt der Milch kommt oder vom Haut-zu-Haut-Kontakt, weiß auch die WHO nicht. Manches spricht für den Inhalt – der gesteigerte IQ kommt vor allem Burschen zugute, möglicherweise deshalb, weil das männliche Gehirn sich schwerer tut bei der Entwicklung, es könnte von Östrogen in der Milch profitieren –, manches für den Körperkontakt. Ungeklärt ist auch, ob das Beimischen der Fettsäuren in Folgemilch den gleichen Effekt hat. Ganz kompliziert wird alles dadurch, dass der Körperkontakt nicht nur das Kind verändert, sondern auch die Mutter, sie produziert dann Milch mit weniger Stresshormonen.

„Breastfeeding effect“


Wie auch immer, die Auswirkungen auf die frühen Jahre sind geklärt. Aber wie steht es mit den späteren: Kann Stillen/Abstillen auch darüber mitentscheiden, wie es einem Kind sozial ergeht, ob es die Leiter eher hinauf- oder hinabsteigt? Das ist erstaunlicherweise ungeprüft, bisher gab es nur eine Studie aus den Vierzigerjahren, sie kam zu keinem klaren Befund. Deshalb hat Amanda Sacker (University College London) nun einzigartige britische Daten der Geburtsjahrgänge 1958 und 1970 ausgewertet, von ihnen wurden repräsentative Gruppen 33 Jahre lang begleitet, dann wurde erhoben, ob die Kinder einen höheren sozialen Rang hatten als ihre Eltern oder nicht. Auf der einen Seite zeigte sich ein stark verändertes Stillverhalten – zwei Drittel der Mütter taten es 1958, 1970 noch ein Drittel –, auf der anderen Seite war die Gesellschaft durchlässiger geworden, Aufstieg leichter möglich (Arch Dis Child, 24. 6.).

Aber vor allem zeigte sich ein klarer „breastfeeding effect“: Die Aufstiegschancen lange Gestillter waren bei beiden Jahrgängen um 24 Prozent höher, beim Abstieg gab es keine Differenz zwischen lange und kurz Gestillten. Woran der langfristige Segen liegt, will auch Sacker nicht entscheiden, sie vermutet „eine Kombination von Körperkontakt und Inhalt der Milch“. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2013)

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