Biodiversität: Arten leiden nicht nur am Klima

Ökologen weisen darauf hin, dass es dringlichere Bedrohungen gibt als die befürchtete globale Erwärmung.

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Biodiversitaet Arten leiden nicht – (c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)

Im März veröffentlichten die USA ihre neue Strategie zum Artenschutz: Ziel sei es, „Habitate zu schützen, um gesunde Fisch-, Wild- und Pflanzenpopulationen und Ökosystemfunktionen in einem sich wandelnden Klima zu sichern“. Dagegen regt sich nun Widerspruch: „Die Effekte des Klimawandels sind schwer vorherzusagen“, erklärt Ökologe David Wilcove (Princeton): „Es gibt zahllose Bedrohungen, die besser verstanden sind – insbesondere die direkte Zerstörung von Habitaten – und viele aktuellen Arten an den Rand der Ausrottung treiben“ (Nature, 500, S.271).

 

Drängendstes Problem: Landnutzung

Wilcove weiß, wovon er redet, er hat die Aussichten aller 8750 Landvogelarten abgeschätzt: 400 droht bis 2050 eine starke Dezimierung, und die kommt vor allem von der Landnutzung, der Klimawandel rangiert weiter hinten (PLoS Biology, 5, e157). „In einigen Fällen mag der Klimawandel die dringlichste Bedrohung sein“, formuliert der Forscher: „In den meisten Fällen ist er es nicht.“

Konzentriert man sich doch auf ihn, würden viele Arten verlieren und wenige gewinnen, wenn überhaupt: Das zentrale Wort des Klima-Artenschutzes heißt „Resilienz“, und es bedeutet, dass bevorzugt die Regionen geschützt werden sollen, die für die nächsten hundert Jahre ein stabiles Klima bieten.

Kandidaten sind vor allem Bergregionen mit ihren Topografien, die viele Mikroklimata bieten: Müssen Tiere/Pflanzen dort wandern, weil es wärmer wird, haben sie kurze Wege. Anders in den Ebenen, sie wären die Verlierer beim neuen Artenschutz. Aber der stützt sich auf schwache Grundlagen, man weiß kaum, wie Flora und Fauna auf den Klimawandel reagieren: Von den Vögeln in den Bergen der Sierra Nevada, in denen es von 1911 bis 2009 ein bis zwei Grad wärmer wurde, wanderten 51 Prozent der Arten nach oben, der Rest blieb oder wanderte hinab.

Es geht also um eine ungewisse Zukunft von Klimafolgen vs. eine drängende Gegenwart anderer Bedrohungen: „Einige argumentieren, dass man nichts kurzfristig schützen muss, was langfristig ohnehin durch das Klima gefährdet ist“, formuliert Wilcove: „Aber wenn man nicht vor den heutigen Bedrohungen schützt, mag es in hundert Jahren nicht mehr viel geben, was vor den Folgen des Klimawandels geschützt werden muss.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2013)

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