Wo man sich gut und sicher fühlt

Die Wohnadresse zählt zu den wichtigsten Bezugspunkten der eigenen Identität. Viele Gewohnheiten sind eng daran geknüpft und müssen bei einem Umzug geändert werden – was im Alter zunehmend schwierig wird.

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sich sicher fuehlt – (c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)

Wer bin ich?“, ist eine Frage, auf die verschiedene Wissenschaftsdisziplinen eine Antwort geben. Aus Sicht der Neuropsychologie kommt unserem Gedächtnis bei der Identitätsbildung eine Schlüsselfunktion zu. Denn damit wir die anfangs gestellte Frage für uns selbst beziehungsweise andere beantworten können, sind unterschiedlichste kognitive Prozesse notwendig.

Dass wir uns an unsere eigene Lebensgeschichte erinnern und sie auch vermitteln können, wird durch explizite Gedächtnisprozesse wie etwa das episodische Gedächtnis ermöglicht. „Dieses ist für die uns bewusste Identität besonders wichtig. Es ist das Gedächtnis über uns selbst und wie ein Tagebuch organisiert – mit einem Anfang und einer Entwicklung bis zur Gegenwart“, erklärt der Neuropsychologe Guilherme Wood (Uni Graz).


Verortung im Raum. Doch unser Wissen über uns selbst macht uns noch nicht zu dem Menschen, der wir sind: Ausgehend vom eigenen Körper und unserer Verortung im physischen Raum entwickelt jeder Mensch im Laufe seines Lebens Dutzende Gewohnheiten und Präferenzen. Beides sind implizite Gedächtnisprozesse, die automatisch ablaufen und sich mit zunehmendem Alter verfestigen; sie sind für unsere Identität genauso wichtig wie die expliziten Gedächtnisprozesse.

Will oder muss man eine Gewohnheit ändern, ist das eine Herausforderung. „Dafür ist sehr viel kognitive Energie notwendig, da die Verbindungen zwischen den Gehirnregionen daran angepasst werden müssen“, so Wood. Während in jüngeren Jahren die nötigen Ressourcen, etwas Neues zu lernen, vorhanden seien, werde das altersbedingt immer schwieriger.

Dies kommt in verschiedenen Lebenssituationen besonders zum Tragen, etwa bei einem Wohnortwechsel. Wieso? Der Wohnstandort ist neben Namen und Geburtsdatum ein zentraler Bezugspunkt der eigenen Identität, da viele unserer Gewohnheiten und Präferenzen daran geknüpft sind. Außerdem entstehen am Wohnort zahlreiche emotionale Bindungen. Die soziale Umgebung, laut Wood in erster Linie das Pflegen von Bindungen, sei bis ins hohe Alter hinein für unsere Identität wichtig. Meist sind diese Bindungen positiver Natur.

Was die Sozialkontakte am Wohnstandort betrifft, so erklärt der Humangeograf Peter Weichhart von der Universität Wien, dass „gerade dort eine Häufung schwacher Sozialkontakte auftritt“. Das sei etwa der Trafikant, mit dem man einen Gruß austausche und den man vom Sehen kenne. Zwar wäre in diesem Fall die soziale Interaktion schwach ausgeprägt. Dennoch vermittle es Sicherheit und das Gefühl, in einer vertrauten Umgebung zu leben.


Home, sweet home.
Und obwohl die Anforderungen unserer Gesellschaft in puncto Mobilität stark gestiegen sind, seien unabhängig davon der oder die Wohnstandort(e) „der Ankerpunkt jedes Individuums in der Welt und somit prägend für die Identität“, so Weichhart. Von dort aus eignen wir uns die Lebenswelt an, entwickeln Gewohnheiten und Präferenzen und pflegen unsere Sozialkontakte. Das sei gemäß dem Ansatz der „residenziellen Multilokalität“ auch an mehreren Wohnstandorten gleichzeitig möglich, hänge allerdings davon ab, ob die Situation freiwillig gewählt sei oder nicht.

Wer seinen Wohnort von A nach B verlegt, ändert nicht bloß seine Wohnadresse und verfrachtet Schachteln und Möbel. Ein Umzug bedeutet für unsere Identität weit mehr und stellt auch unser Gehirn vor eine schwierige Aufgabe. Mit unserem „alten“ Wohnstandort waren wir in vielerlei Hinsicht mehr oder weniger stark verbunden: Gewohnheiten und Präferenzen, die uns meist erst auffallen, wenn sie in der neuen Umgebung nicht mehr nötig oder möglich sind, emotionale Bindungen sowie Sozialkontakte. All das müssen wir bei einem Umzug an den neuen Wohnstandort adaptieren.

„In jungen Jahren ist diese Herausforderung für unser Gehirn noch bewältigbar. Es ist zwar verwirrend, aber man passt sich schnell an und baut sich eine neue Lebenswelt mitsamt neuer Gewohnheiten auf, die wiederum die eigene Identität prägen“, sagt Wood. Aus humangeografischer Sicht eröffnet ein Umzug dem Individuum stets neue Optionen. „Allerdings gibt man auch immer etwas auf, was mit der eigenen Identität in engem Zusammenhang steht“, erklärt Weichhart. Daher stellen sich unabhängig vom Alter bei einem Umzug immer auch Verlustgefühle ein. Diese gewinnen an Intensität, je älter eine Person ist. Verschiedene Studien hätten gezeigt, dass eine Ortsveränderung im Alter eine starke emotionale Belastung sei und viele ältere Menschen um den Wohnstandort wie um den Verlust eines geliebten Menschen trauern würden.

„Ein Umzug im Alter mit all seinen Konsequenzen, speziell aber, wenn die gewohnte soziale Umgebung wegfällt, kann sich negativ auf den geistigen und gesundheitlichen Allgemeinzustand auswirken“, ergänzt Wood. Davon abgesehen machen unsere Gewohnheiten nicht bloß einen bedeutenden Teil unserer Identität aus – sie haben gerade im Alter eine wichtige Funktion: Da sie automatisch ablaufen und sich im Laufe des Lebens verfestigten, helfen sie uns, unseren Alltag zu meistern. Man muss ganz einfach nicht über jeden Handgriff nachdenken, findet sich in der vertrauten Umgebung zurecht und ist dadurch unabhängig.

Das ändert sich, wenn ein Wohnortwechsel eine Anpassung an die neue Umgebung erzwingt. „Dann kommt zum Tragen, dass alte Menschen nicht mehr die kognitiven Ressourcen haben, die nötig sind, um Gewohnheiten zu ändern und Neues zu lernen“, sagt der Neuropsychologe, der derzeit in einem FWF-Projekt Alterseffekte auf die Hirnaktivierung erforscht. Einfache Wege wie etwa die Orientierung vom Bett zur Toilette, die früher gewohnheitsmäßig kein Problem waren, müssten ebenso wie viele andere Dinge neu gelernt werden.


Verwirrung. Ein Umzug im Alter kann somit zur Verwirrung beitragen. Gleichzeitig gehen mit dem Verlust jener Gewohnheiten, die an den Wohnort geknüpft waren, auch Teile unserer Identität verloren: Es fehlt an der notwendigen „neuronalen Plastizität“, um das Selbstbild an die neue Umgebung anzupassen. Die Folgen der Belastungen, die ein Umzug mit sich bringt, können laut Wood v.a. bei Menschen mit einer Prädisposition für eine Demenzerkrankung den Verfall der kognitiven Fähigkeiten beschleunigen.

Lexikon

Identität ist laut Lexikon „die Gesamtheit der eine Person kennzeichnenden und als Individuum von allen anderen unterscheidenden Eigentümlichkeiten“.

Es gibt viele Theorien, welche Faktoren dabei wesentlich sind und welche Prozesse an der Ausbildung der Identität (ein Baby hat noch keine Identität) und späteren Entwicklung (Identität ist nichts Starres) beteiligt sind.

Unbestritten ist,
dass das Gedächtnis eine zentrale Rolle spielt: Ein Gedächtnisverlust – etwa in Folge einer Alzheimer-Erkrankung – führt unweigerlich auch zum Verlust der Identität.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2013)

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