Psychologie: Warum die Eighties heute hip sind

US-Forscher fanden heraus: Zwanzigjährige erkennen und schätzen, nach neuen Songs natürlich, besonders Musik, die ihre Eltern gehört haben, als sie 20 waren.

Blondie
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Blondie – (C) Chrysalis

Let's all get up and dance to a song that was a hit before your mother was born.“ Das sangen die Beatles 1967, in „Your Mother Should Know“, im Rahmen ihrer „Magical Mystery Tour“. Retro ist nichts Neues. Spätestens ein Jahr später, 1968, entdeckte der Pop erstmals im großen Stil seine Vergangenheit: Die Beach Boys sangen „Do It Again“, allerorten wurde das Rock'n'Roll-Revival ausgerufen, und eine junge Band namens Jethro Tull veröffentlichte ihr erstes Album namens „This Was“, das auf dem Cover die zwanzigjährigen Musiker künstlich gealtert zeigte...

Freilich: Wirklich hip war es damals nicht, Songs zu hören, die Hits waren, bevor die eigene Mutter geboren war. Kurze Überschlagsrechnung: Wer 1967 ungefähr 20 war, dessen Mutter war vielleicht Jahrgang 1920, das wären also Hits aus den 1910er-Jahren. Na ja. Die liefen damals nicht wirklich in den Beatschuppen. Heute sind analoge Oldies ganz und gar nicht unmöglich: Menschen, die heute 20 sind und die Beatles oder Rolling Stones schätzen – und das tun nicht wenige –, hören Musik, die fast ein halbes Jahrhundert alt ist, Songs, die Hits waren, „before their mothers were born“.

 

Waren denn die Sixties wirklich so toll?

Wie kann man das erklären? Eine kulturpessimistische These liegt nahe: Die Popmusik der Sixties sei eben so gut, so neu, so dringlich gewesen, dass sie bis heute ihre Gültigkeit hat. In abgeschwächtem Maße gelte das für den Post-Punk der frühen Achtziger. (Ähnlich muss man ja wohl auch erklären, dass Bach, Mozart, Beethoven usw. bis heute in allen Konzertsälen gespielt werden, und zwar deutlich häufiger als zeitgenössische E-Musik.) Aber lässt sich ein solcher Sixties- und Eighties-Effekt überhaupt quantitativ belegen? Eine in Psychological Science erschienene Arbeit von Psychologen der Cornell University ergab genau das. Sie trägt den sperrigen Titel „Cascading Reminiscence Bumps in Popular Music“. Die Forscher spielten 62Collegestudenten (mit einem Durchschnittsalter von 20Jahren) jeweils zwei große Hits aus den Jahren von 1955 bis 2009 vor und fragten sie, ob sie die Songs erkennen und ob sie damit Erinnerungen und Emotionen verbinden. Naheliegendes Ergebnis: Die Songs, die sie selbst als Teenager gehört haben, sind für sie stark präsent, sie haben ihr Leben geprägt. Das bestätigte sich.

Doch dazu kam eben ein „Reminiscence Bump“ für Songs aus den frühen Achtzigern, von „Call Me“ von Blondie bis „Every Breath You Take“ von Police und „Billie Jean“ von Michael Jackson. Das seien eben die Songs gewesen, die die Eltern der Studenten in ihren frühen Zwanzigern gehört haben, erklären die Forscher: Diese hätten sie als junge Eltern gern aufgelegt, und das habe sich ihren Kindern eingeprägt. Eine seltsame Vorstellung: All die Jungen, die sich in Lokalen wie dem Wiener Chelsea bei „Eighties-Abenden“ drängen, wollen nur hören, was einst im elterlichen Wohnzimmer gelaufen ist? Ins Bild passt jedenfalls, dass die doch so eingängigen Disco-Songs der Seventies für heute Zwanzigjährige deutlich weniger präsent sind.

Ein kleinerer „Erinnerungshügel“ zeigt sich für Songs aus den späten Sechzigerjahren (im Sample u.a.: „Hey Jude“ und „Aquarius/Let the Sunshine in“). Hier spekulieren die Forscher: Wurde die Musik der „Babyboomer“ über zwei Generationen weitergegeben, also von den Großeltern auf die Enkel? Oder war doch die Qualität der damaligen Popmusik höher? „In diesem Fall“, schreiben sie, „müsste man sie auch in zukünftigen Studien finden.“ Time will tell.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2013)

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