Genetik: Woher stammen die Aschkenasim? Aus Rom?

Eine neue Analyse der mitochondrialen Gene – das sind die, die nur von den Müttern kommen – deutet darauf, dass die weiblichen und für das Judentum entscheidenden Ursprünge in Italien lagen.

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Aschkenasim – (c) Clemens Fabry

Wenig ist in der Genealogie so umstritten – und mit Emotion beladen – wie die Herkunft der Aschkenasim, der Juden Mittel- und Osteuropas. Mit ihren acht Millionen Köpfen stellten sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts ungefähr 90 Prozent der Juden der Welt, und das bringt eine Hypothese für ihre Herkunft in Probleme, die vom Rheinland. Sie geht davon aus, dass im 7. Jahrhundert Juden aus dem Heiligen Land flohen, als es von Moslems überrannt wurde. Sie ließen sich am Rhein nieder, von dort zogen im 15. Jh. etwa 50.000 nach Osteuropa, sie waren willkommen, es gab damals dort keine Pogrome.

Das passt zum Selbstverständnis – ihm zufolge liegen die Ursprünge im Heiligen Land –, und es gibt Genanalysen, die diesen Glauben bestätigen: Doron Behar (Haifa) etwa fand bei den Aschkenasim – und den beiden anderen Hauptgruppen, den Sephardim und den orientalischen Juden – die gleichen genetischen Wurzeln, sie sprossen vor 3000 bis 4000 Jahren im Mittleren Osten (Nature, 422, S.328). Allerdings war die Datenbasis dünn, und um auf die acht Millionen zu kommen, hätten sich die Juden in Mittel-/Osteuropa zehnmal so rasch vermehren müssen wie ihre nicht jüdischen Nachbarn.

Woher sind sie dann gekommen? Aus dem Kaukasus, vom Turkvolk der Chasaren, dessen Mitglieder im 8. Jahrhundert zum Judentum konvertierten. Sie flüchteten nach Westen, als die Mongolen im 13. Jahrhundert ihr Reich überrannten. Diese Hypothese wurde vom Schriftsteller Arthur Koestler verfochten („Der dreizehnte Stamm“, 1976), er wollte damit die Juden vom semitischen Ursprung abschneiden – und damit dem Antisemitismus den Boden entziehen. Es bekam ihm schlecht, der Jude Koestler wurde selbst des Antisemitismus geziehen.

 

Naher Osten? Kaukasus? Südeuropa?

Sein Vorstoß fand später Unterstützung durch eine Genanalyse, Eran Ehaik (Johns Hopkins School of Medicine) sichtete Spuren der Chasaren (Genome Biology and Evolution, 5, S.61). Allerdings war auch seine Lage der Daten eher dünn, zudem wiesen sie nicht nur in den Kaukasus, sondern auch nach Südeuropa. Auf diesen Ursprung setzt auch schon einige Zeit die dritte Hypothese, sie wird nun von Martin Richards (Leeds) bestätigt. Er ist bei seiner Analyse gezielter vorgegangen: Während sich die anderen Teile entweder des großen Genoms im Zellkern oder des kleinen in den Mitochondrien – den Zellkraftwerken – vornahmen, konzentrierte er sich auf die mitochondrialen Gene (mt-DNA), aber nicht auf einzelne, sondern auf ihre Gesamtheit, die mt-DNA Genome.

Die sind für die Genetik deshalb interessant, weil sie nur von den Müttern vererbt werden, und das macht sie auch für die Herkunft der Aschkenasim interessant: Die läuft bei Juden über die mütterliche Linie. Und deren Ursprung lag in Italien: 80 Prozent der mt-DNA der Aschkenasim lassen sich in diesen Raum zurückverfolgen, über 8000 Jahre, bis in vorbiblische Zeiten (Nature Communications, 8.10.).

Diese Frauen waren offenbar Konvertiten – im Mittelmeerraum der hellenistischen Periode, von etwa 300 bis 30 v.Chr., gab es eine Welle –, und manche von ihnen taten sich mit jüdischen Händlern aus dem Nahen Osten zusammen, darauf deuten frühere Analysen des männlichen Y-Chromosoms. So sieht es Richards. Er erntet allerdings heftigen Widerspruch von Behar, er beharrt auf den semitischen Wurzeln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2013)

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