Googles Ahnen: „Kundschaftsamt“ und „Fragstuben“

Adressbüros und Hausnummern: Anton Tantner hat Wurzeln der Kontrollgesellschaft erforscht. Nun erhält er den Wiener Preis für Stadtgeschichtsforschung.

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(c) APA (ROLAND SCHLAGER)

Sein Vater, erzählte der Philosoph Montaigne im 16. Jahrhundert, habe von einer Stelle geträumt, „an die alle, die irgendetwas brauchten, sich wenden könnten . . . – zum Beispiel: ,Ich suche Perlen zu verkaufen‘ oder ,Ich suche Perlen zu kaufen‘. Der und der möchte eine Reisebegleitung nach Paris . . . der eine sucht dies, der andere das, jeder nach seinem Bedarf. Offensichtlich würde ein solches Mittel zum Austausch von Informationen die Beziehungen zwischen den Menschen wesentlich erleichtern.“

Das klingt wie ein Traum von Internet-Suchmaschinen und -Tauschbörsen. Aber schon in der frühen Neuzeit versuchte man, mit Adressbüros diesen Traum zu verwirklichen. 1630 richtete der Arzt und Philanthrop Théophraste Renaudot in Paris das berühmteste dieser Art ein, das „Bureau d'adresse“. „Er hatte gute Kontakte zur Politik, Kardinal Richelieu etwa hat ihn unterstützt“, erzählt der Wiener Historiker Anton Tantner. „Renaudot wollte unter anderem damit die Armut bekämpfen, die Armen, die nach Paris kamen, bei der Arbeitssuche unterstützen.“ Diese Einrichtungen vermittelten aber nicht nur Dienstleistungen und Waren, sie waren, so Tantner, „eine Art Wunderkammer, was das Angebot angeht, vermittelten medizinische Betreuung für Arme, wissenschaftliche Vorträge oder dienten als Versatzamt. In Wien verhinderten Theologen der Universität zunächst eine „offentliche fragstuben“, 1707 wurde dann doch ein „Frag- und Kundschaftsamt“ gemeinsam mit einem Versatzamt, dem Dorotheum, gegründet.

Erst „Verdächtige“ überwacht, dann alle

Die Adressbüros, für deren Erforschung Tantner heute den Wiener Preis für Stadtgeschichtsforschung erhält, sollten den Menschen nicht nur helfen, sondern sie auch kontrollierbarer machen. Das gilt noch viel mehr für die ebenfalls im 17. Jahrhundert aufkommenden Hausnummern. Auch ihre überraschende Geschichte hat Tantner erzählt, in seinem 2007 erschienenen Buch „Die Hausnummer. Eine Geschichte von Ordnung und Unordnung“. Heute werden Überwachungsmethoden gern zunächst für „verdächtige Minderheiten“ eingeführt, um bald alle zu treffen, Tantner zeigt für die Habsburgermonarchie: Das war schon damals so.

Der Vertreibung der Wiener Juden 1669 etwa ging eine Häuserbeschreibung voraus, die zwar neun Jahre davor erfolgte und nur zum Eintreiben von Steuerrückständen, die Vertreibung aber erleichterte. Und als 1689 ein Brand fast die ganze Prager Judenstadt zerstörte, kam die Idee auf, die neuen Häuser gleich zwecks Kontrolle zu nummerieren.

Kein Wunder, dass die Behörden dann bei ihren ersten Versuchen, Hausnummern in Wien generell einzuführen, extra betonten, dass dies „blos allein zu besserer Ausfindigmachung derer verdächtig liederlich und gefährlich Leuten abgeziellet seye“.

Die „boshafte Volcksmenge“

Als man 1770 im Zug der bisher größten Volkszählung im Reich flächendeckend Hausnummern einführte, fürchtete man erst recht „widrige Begriffe“ und Proteste bei der „boshaften Volcksmenge“. Viele Schilder wurden denn auch mit Dreck beworfen oder abgekratzt. Aber diese frühen Kontrollinstrumente waren wie die heutigen zweischneidig, betont Tantner. „Die Volkszählungs-Kommissionen leiteten viele Beschwerden der Menschen über ihre Lebensumstände weiter. Unterernährte Kinder etwa waren ein Thema für die Soldaten, weil man die Menschen fürs Militär brauchte.“ So brachte die neue Überwachung auch Reformen. Tantner spricht von einer „schwarzen Utopie“, die aufkam, dem Traum „von einer tabellarisch geordneten, jederzeit nutzbaren Bevölkerung“.

Preisverleihung und Diskussion über „die historischen Wurzeln der Kontrollgesellschaft“ heute, 18.30 Uhr, im Rathaus, Festsaal, Zugang Felderstraße 1.

Zur Person

Anton Tantner, geboren 1970, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte an der Uni Wien. Bücher: „Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen“ (2004, Diss.), „Paradoxien der Romantik“ (2006, über die Kontroversen rund um die Romantik in Wien), „Die Hausnummer. Eine Geschichte von Ordnung und Unordnung“ (Jonas Verlag, 2007), „Adressbüros im Europa der frühen Neuzeit“ (Habilitationsschrift).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2013)

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