Neandertaler begruben ihre Toten

Unsere frühen Brüder waren uns im Verhalten ähnlich, das zeigt eine neue Analyse. Sie waren auch in den Genen nicht weit weg, das zeigt eine neue Sequenzierung.

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(c) REUTERS (NIKOLA SOLIC)

Am 3. August 1908 wurde in einer Höhle im französischen La Chapelle-aux-Saintes das fast vollständige Skelett eines Neandertalers ausgegraben, das so wohl gebettet schien wie das eines Homo sapiens auf einem Friedhof. Das brachte ein ganz neues Bild des Urmenschen, der zuvor als körperlich ungeschlacht und geistig plump erschienen war: Die Bestattung eines Mitglieds einer Gruppe erfordert hohe kognitive Fähigkeiten. In den folgenden fünf Jahren fanden sich neun weitere Neandertaler, die den gleichen Verdacht weckten, die Spekulationen schossen hoch, vor allem, als 1921 in einer Neandertalerhöhle in der Schweiz, im Drachenloch, höchst Seltsames gesichtet wurde: sorgsam arrangierte Schädel und andere Knochen von Höhlenbären.

Der Finder, Emil Bächler, vermutete einen Höhlenbärkult. Vergleichbares zeigt sich zwar nirgends, aber die Hinweise auf Bestattungen summierten sich auf insgesamt 40 in Eurasien und im Nahen Osten. Aber auch die Zweifel mehrten sich, die Ausgräber in La Chapelle-aux Saintes etwa hatten schlecht dokumentiert, und Bächler hatte gar nicht selbst gegraben, er hatte es auch nicht von Fachleuten bewerkstelligen lassen, sondern von schlichten Bergarbeitern. Selbst der stärkste Hinweis auf Totenrituale beeindruckte nur kurz: In der Shanidar-Höhle im Irak fanden sich neben dem Skelett eines vor 60.000 Jahren gestorbenen Neandertalerkindes Reste von Blüten. Grabschmuck?

Knochen bezeugen Bestattung

Eher nicht, in der Höhle hausten auch Nagetiere, die Blüten einlagerten. Und bei H. sapiens kamen zum ersten Mal vor 13.700 Jahren Blumen aufs Grab. Aber der Streit blieb, eine Gruppe um William Rendu (New York) hat ihn nun entschieden, in La Chapelle-aux-Saints. Die Fundhöhle von 1908 ist Teil eines Karstsystems, und das und die Höhle selbst hat Rendu 13 Jahre lang eingehender analysiert, er hat viel gefunden, Knochen von Neandertalern und Tieren, Rentieren, Rindern, Höhlenbären, Hyänen. Die beiden Letzteren werden oft dafür verantwortlich gemacht, wenn sich verdächtig viele Neandertalerknochen an einem Ort finden – was auch auf Bestattung deuten kann –, aber in der Höhle mit dem Toten fanden sich keine Zeichen von Hyänen. Und für Höhlenbären war sie zu klein – sie wurden 3,50 Meter groß –, es passten kaum Neandertaler hinein, diese hätten dort auch keine allzu raumgreifende Arbeit verrichten können.

Das mussten sie auch nicht: Das Skelett war in einer Senke im Boden gefunden worden, die gerade die rechten Maße hatte: 140 Zentimeter lang, 85 breit, 39 tief. Diese Senke im Gestein war natürlich gewachsen, sie zeigte keinerlei Bearbeitungsspuren. Aber rings um sie herum war der Boden mit Sedimenten bedeckt, und diejenigen, die in der Senke waren, hatten die Totengräber entfernt. Dann hatten sie den Toten gebettet und wieder mit Erde bedeckt; das zeigt der Vergleich seiner Knochen mit jenen der Tiere. Letztere haben teilweise Bissspuren, von Aasfressern, seine haben keine; die anderen haben unter dem Zahn der Zeit schwer gelitten, seine waren im Grab gut geschützt. (Pnas, 16. 12.)

Frühmenschen-Schmelztiegel: Denisova

Wurde er nach Regeln eines Kults bestattet oder nur rasch unter die Erde gebracht? „Wir können nicht sagen, ob es Teil eines Rituals war oder nur pragmatisch“, erklärt Rendu, „aber die Entdeckung reduziert die Verhaltensdistanz zwischen ihnen und uns.“ Dazu passt, dass sich auch die Gendistanz verringert: Svante Pääbo (Leipzig) hat die bisher detaillierte Sequenzierung eines Neandertalers vorgelegt, er lebte vor 50.000 Jahren in Denisova – im Altai in Sibirien –, dem Schmelztiegel der frühen Menschheit. Dort lebte gleichzeitig ein dritter Mensch, jener von Denisova; und dort lebte, das hat Pääbo nun bemerkt, ein vierter. Von dem kennt man keinerlei Fossilien, nur ein paar Gene.

Und diese kennt man, weil sie sich in den Genomen der Neandertalerin und des Denisova-Menschen gefunden haben, sie alle haben sich vermischt. Und sie alle haben sich mit Homo sapiens gemischt, er lebte zur gleichen Zeit auch dort. Er bekam vom Neandertaler etwa eine Genvariante, die beim UV-Schutz mitspielt, man findet sie heute in China, Li Jin (Shanghai) hat es gerade gezeigt (Mol. Biol. Evo. 17. 12.). Er war Homo sapiens im Kern ohnehin sehr ähnlich: Pääbo fand ganze 86 Gene – die Teile des Genoms, die für Proteine zuständig sind –, in denen Neandertaler und wir uns stark unterscheiden (Nature, 18. 12.). Diese Liste will er nun abarbeiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2013)

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